ARD-Recherche deckt auf

Corona-Studie über Ausgangssperren nur bedingt aussagekräftig: „Fehlinterpretation“

Wenn es um nächtliche Ausgangssperren geht, wird vonseiten der Regierung gerne auf eine Studie aus Oxford verwiesen. Mitautoren sehen dafür wenige Gründe.

Zur Bekämpfung von Corona hat die Bundesregierung jüngst das Infektionsschutzgesetz geändert. Als Grund dafür galt nicht nur, dass die Pandemie-Politik der Länder untereinander höchst unterschiedlich ausfiel, sondern auch, dass sie von vielen Experten als zu lasch bewertet wurde. Mit einer „Notbremse“ will die Regierung jetzt mit angemessener Strenge auf die weiter hohen Fallzahlen reagieren – und ist, was die nächtlichen Ausgangssperren betrifft, möglicherweise über das Ziel hinausgeschossen. Das zumindest deuten Recherchen des ARD-Magazins „Monitor“ an.

Regierung begründet nächtlichen Ausgangssperren mit Studie - Autor spricht von „Fehlinterpretation“

Demnach hat die Bundesregierung hinsichtlich nächtlicher Ausgangssperren möglicherweise mehr Gründe in einer Studie aus Oxford gefunden, als Sören Minderman. Mindermann ist Mitautor der Studie und spricht von einer „Fehlinterpretation“ seitens der Regierung: Man könne die Ergebnisse nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. In Deutschland gilt mit dem Inkrafttreten des neuen Infektionsschutzgesetztes eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr mit Ausnahmen überall dort, wo die Sieben-Tage-Inzidenz drei Tage in Folge über einem Wert von 100 lag.

Die Bundestagsfraktion der Union erhofft sich von nächtlichen Ausgangssperren, die Reproduktionsrate (also den R-Wert) um 13 Prozent zu senken, so heißt es „Monitor“ zufolge auf ihrer Website. Bei der SPD ist die Rede von 15 Prozent. Das aber ist aus der Studie nicht direkt ableitbar, macht Mindermann klar. Denn untersucht wurde nicht, wie die gleiche Maßnahme unter gleichen Ausgangsbedingungen an verschiedenen Orten wirken – sondern zwangsweise, wie ähnliche Ausgestaltungen einer Ausgangssperre an Orten wirken, die sich auch hinsichtlich der parallel geltenden Maßnahmen stark voneinander unterscheiden - weil jede Regierung der untersuchten Länder eigene Akzente in der Gesundheitspolitik setzt.

Leere Straßen in der Nacht auch in Kassel. Ob sie Deutschland im Kampf gegen die Pandemie voranbringen, ist Autoren einer viel zitierten Studie zufolge nicht sicher – gerade die Bundesregierung beruft sich gerne auf sie.

Forschung zur Wirksamkeit von Ausgangssperren gegen Corona zeichnet diffuses Bild

Und noch einen Grund führt Mindermann dafür an, sich nicht allein auf diese Studie zu berufen: Sie hat Daten untersucht, die während der zweiten Corona-Welle erhoben worden sind – also bevor die Corona-Mutanten wie die hochansteckende britische Variante B.1.1.7 begannen das Infektionsgeschehen zu dominieren. „Monitor“ hat auch mit Georg Götz gesprochen, ein weiterer Autor der viel zitierten Oxford-Studie. Götz führt eine Untersuchung der Universität Gießen und der Mines ParisTech über die Entwicklung der Inzidenzen in hessischen Landkreisen während der zweiten Corona-Welle an. Hier kam man zu dem Ergebnis, dass nächtliche Ausgangssperren keinen signifikanten - also statistisch eindeutig nachweisbaren - Effekt auf den Verlauf der Fallzahlen hatten.

Auf Anfrage von „Monitor“ haben sich die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD nicht zu der Frage positioniert, warum die Oxford-Studie als wichtige Begründung für nächtliche Ausgangssperren dient. (mp)

Rubriklistenbild: © Peter Hartenfelser/Imago

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