Ruhe vor dem nächsten Sturm

Demos gegen die Regierung: Corona-Krise stoppt Protestwelle in Chile – Aktivistin sieht dennoch Erfolge

Wie ausgestorben: Am Baquedano-Platz im Zentrum Santiagos begannen die Proteste. 
+
Wie ausgestorben: Am Baquedano-Platz im Zentrum Santiagos begannen die Proteste. 

Die Corona-Krise stoppt die Proteste in Chile. Wo zuvor noch Tausende gegen die Regierung demonstriert haben, ist es nun menschenleer. Wir haben mit einer Aktivistin gesprochen.

  • Die Corona-Krise hat die Proteste gegen die Regierung in Chile lahmgelegt.
  • Das Land hat den Ausnahmezustand verhängt.
  • Wir sprachen mit einer Aktivistin über die Situation.

Wo vor einigen Wochen noch Zehntausende demonstrierten, ist niemand mehr zu sehen. Chile hat wegen des Coronavirus den Ausnahmezustand verhängt und damit die Protestwelle gestoppt. Große Menschenansammlungen sind nicht mehr gestattet. Wer glaubt, dass die Protestler nun frustriert sind, sieht sich jedoch getäuscht. Das zeigt exemplarisch das Beispiel der jungen Chilenin Violeta Arvin Casoni aus der Hauptstadt Santiago.

Kaum steht der Whatsapp-Videoanruf, überschlagen sich ihre Worte. Bei der Frage, was in derchilenischen Gesellschaft im Argen liegt, weiß die 33-Jährige gar nicht, wo sie anfangen soll. Es mangele an bezahlbaren Wohnraum, das Gesundheitswesen sei eine Zwei-Klassen-Gesellschaft und von einem wirksamen Umweltschutz könne keine Rede sein. Casoni redet so schnell, dass klar wird: Ihr Unmut hat sich nicht gelegt. In ihr lodert noch immer sprichwörtlich ein Feuer, was sie wieder auf die Straße treiben wird, sobald sie dahin darf.

Chile: Präsident kündigte aufgrund der Proteste Referendum an

„Ungleichheit und soziale Ausgrenzung in Chile haben ihren Ursprung in der Verfassung von 1980“, erklärt die Soziologin. Die sei ein Erbe der Pinochet-Diktatur und gehöre ersetzt. In Chile regierte von 1973 bis 1990 eine Militärjunta mit General Augusto Pinochet an der Spitze.

„Wir brauchen eine neue Verfassung“, sagt Casoni. Auch dafür sei sie, oft gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Nico, der mit Fotos die Proteste dokumentierte, wochenlang auf die Straße gegangen. Solange, bis die konservative Regierung von Präsident Sebastián Piñera tatsächlich einlenkte und ein Referendum ankündigte.

Ein Foto ihres Bruders: Protestierende standen Polizisten gegenüber.

Eigentlich sollten die Chilenen am vergangenen Sonntag entscheiden, ob sie die Ausarbeitung einer neuen Verfassung wünschen. Doch dazu kam es nicht. Die geplante Abstimmung genauso wie Kommunal- und Bürgermeisterwahlen wurden auf den 25. Oktober verschoben.

Proteste in Chile wegen Corona lahm gelegt: Das sagt eine Aktivistin

Nicht wenige Chilenen fürchten, dass die Regierung Corona nutzen könnte, um die Abstimmung über die Verfassung in aller Stille ganz zu begraben. Doch daran verschenkt Violeta Casoni gar keinen Gedanken. „Die Protestwelle war so groß, dass es kein Zurück mehr gibt. Das ist schon jetzt unser Erfolg.“

Violeta Arvin Casoni, Aktivistin

Casoni gehört zu jener Generation von Chilenen, die gelernt hat, dass nur Massenprotest auf der Straße wirklich politisch etwas bewegen kann. Als 2011 die Stundenten unter der Anführerschaft der charismatischen Camila Vallejo den Aufstand probten, um für ein bezahlbares Studium zu kämpfen, führte die Piñera-Regierung wenig später ein Stipendium-System ein. Es ermöglicht armen Chilenen eine kostenlose Universitätsausbildung. Junge Chilenen haben so erfahren, welche Macht sich durch Protest entfalten kann.

Die durch Corona zum Erliegen gekommene Protestwelle in Chile, die im Oktober 2019 startete, ist von einem entscheidenden Unterschied gekennzeichnet. „Es gibt keine Führungspersönlichkeit bei den Protesten“, sagt Casoni. Sie sieht dies als Stärke. „Das in der Bürgerschaft schlummernde Zusammengehörigkeitsgefühl hat die Menschen auf die Straße getrieben.“ Der Protest vereine mehr Teile der Gesellschaft als je zuvor.

Proteste in Chile: Fahrpreiserhöhung der Metro löste Unmut aus

Ausgelöst wurde der Protest gegen die Regierung in Chile durch die Fahrpreiserhöhung der Metro. Zuerst waren es Schüler der Sekundarstufe Zwei, die es auf die Straße trieb. Es folgten Studenten und dann Arbeiter. „Wir stehen einer politischen Elite mit wenig demokratischem Sinn gegenüber, die sich nur für ihre eigenen Interessen einsetzt und sich an Privilegien klammert“, so Casoni. 

Die Befürchtung sei, bald könne weit mehr als das Fahren mit der Metro zu einem Privileg werden, was sich nicht mehr jeder leisten könne. Hauptverantwortlich für diese Politik sei Präsident Sebastián Piñera. Jener Unternehmer, Fernsehsender-Besitzer und Milliardär, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung einst als den Berlusconi Chiles bezeichnete.

Proteste in Chile: Soziale Ungleichheit verschärfe sich weiter

Violeta Casoni glaubt nicht, dass dessen Regierung die Corona-Krise überstehen wird. Blickt sie aus dem Fenster ihrer Wohnung in Richtung der Metrostation Bellas Artes im Zentrum Santiagos, sieht sie noch immer Protesttransparente an den Häusern hängen. „Viele Chilenen haben derzeit keine Arbeit, die soziale Ungleichheit verschärft sich weiter“, berichtet Casoni. Die Regierung tue zu wenig dagegen. „Schon vor der Krise verdienten 70 Prozent im Land weniger als 640 Dollar im Monat.“

Es erscheint Paradox, wenn eine Soziologin, die für Projekte des Bildungsministeriums und somit für die Regierung arbeitet, gegen deren Politik wettert. Doch für Violeta Arvin Casoni ist es Ausdruck von Solidarität, mit all jenen, die aufgrund von finanziellen Sorgen um ihren Platz in der Gesellschaft Chiles fürchten. 

Von Florian Quanz

Lesen Sie alle News zu Corona in Südamerika in unserem Ticker.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.