Exklusiv-Interview

Jens Spahn über Corona: Rückblickend würde der Gesundheitsminister eine Sache anders machen

Gesundheitsminister Jens Spahn
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Gesundheitsminister Jens Spahn: Maskentragen ist für ihn in der Corona-Pandemie unerlässlich.

Exklusiv im Interview: Gesundheitsminister Jens Spahn. Die aktuell steigenden Corona-Neuinfektionen bereiten ihm Sorge. Rückblickend würde er vor allem eine Sache anders machen.

Kassel – Er ist einer der Protagonisten im Kampf gegen die Corona-Pandemie in Deutschland: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU). Im exklusiven Interview mit unserer Zeitung warnt er vor steigenden Infektionszahlen und wirbt um Verständnis für schwere Entscheidungen, welche die Politik zu treffen habe.

Guten Tag Herr Spahn, haben Sie Ihre Grippeimpfung gut vertragen?
Ja, vielen Dank.
Schaut man auf die Zahlen, ist heute der bisherige Höhepunkt der Pandemie erreicht. Wie reagieren Sie mittlerweile auf die täglichen Infektionszahlen?
Mir bereiten die vielen Neuinfektionen Sorge. Ich schaue gleichzeitig darauf, wie belastet das Gesundheitssystem ist: Wie alt sind die Menschen, die erkranken? Wie viele Menschen sind schwer erkrankt? Wie viele Intensivbetten stehen noch zur Verfügung? Momentan können die Kliniken mit der Situation gut umgehen. Aber mit steigenden Infektionszahlen nimmt voraussichtlich die Zahl der Patienten zu, die schwer erkranken. Wir dürfen nicht warten, bis die Kliniken voll sind. Wichtig für die Einschätzung der Lage ist außerdem, ob die Gesundheitsämter die Kontakte nachverfolgen können. Bisher ist es gut gelungen, die Infektionsketten zu durchbrechen. Das muss weiter gewährleistet sein.
Ist der aktuelle Anstieg wirklich so dramatisch, wie es die Zahlen vermuten lassen, oder hängt das mit einem Rückstau in den Testlaboren zusammen?
Es stimmt, dass die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen aus solchen Gründen schwanken kann. Sicher ist aber, dass wir seit Mitte Oktober deutlich mehr Neuinfektionen haben.
Kanzlerin Angela Merkel soll mit den Ergebnissen der Bund-Länder-Beratungen nicht zufrieden sein. Wie bewerten Sie die Entscheidungen?
Alle sind sich einig, dass wir handeln müssen. Und es gibt ein gemeinsames Verständnis darüber, wo wir ansetzen müssen. Wir wissen, wo sich die Menschen anstecken: beim geselligen Beisammensein – also beispielsweise bei Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten. Und eben nicht beim Einkaufen, beim Friseur oder in großem Umfang in Schulen oder Kitas. Das ist eine wichtige Botschaft an die Bürgerinnen und Bürger: Wir wissen, wo es das Virus leicht hat und wie wir es ihm schwer machen. Wie die Entwicklung weitergeht, haben wir selbst in der Hand.
Ist eine Sperrstunde ab 23 Uhr in Risikogebieten nicht eine zu lasche Maßnahme? Das Virus hält sich nicht an Tageszeiten.
Je später es wird, desto geselliger wird es in der Regel. Die Sperrstunde ist eine Maßnahme von mehreren. Welche Maßnahme effektiv ist, hängt immer von der konkreten Situation ab. Es macht einen Unterschied, ob es sich um einen Ausbruch in einem Pflegeheim oder einem Betrieb handelt. Oder ob es um nicht genau nachvollziehbare Infektionen geht, weil viele sich abends auf den Plätzen zum Feiern treffen. Darum haben wir uns auf gemeinsame Kriterien geeinigt, die vor Ort angepasst und umgesetzt werden.
In Kassel gab es einen sprunghaften Anstieg der 7-Tage-Inzidenz, der in großen Teilen auf einen Ort zurückzuführen ist. Ist dieser Wert differenziert genug, um über Maßnahmen zu entscheiden – und können wir uns eigentlich noch eine solche Differenzierung leisten?
Der Wert ist zunächst ein Warnsignal. Natürlich müssen die Verantwortlichen vor Ort dann genau schauen, wo sich die Menschen infiziert haben und wie sich der Ausbruch eindämmen lässt. Außerdem gilt ja nicht: Bis 49 ist alles in Ordnung und ab 50 ist die Lage außer Kontrolle. Bei der Inzidenz geht es darum, auf steigende Infektionszahlen aufmerksam zu werden und rasch zu handeln.
Wurde rücksichtsloses Verhalten, etwa beim Feiern auf der Straße, zu lange laufen gelassen? Hätte nicht mehr durchgegriffen werden müssen, statt sich auf Vernunft zu verlassen?
Vergessen wir nicht, wie viele Bürgerinnen und Bürger die Maßnahmen unterstützen: 90 Prozent der Deutschen sagen, dass sie sich an die AHA-Regeln halten. Es gibt auch diejenigen, die sich leichtsinnig, teilweise rücksichtslos verhalten. Das ist nicht in Ordnung. Denn es geht ja nicht nur um die eigene Freiheit, sondern auch um den Schutz der anderen. Darum müssen die Regeln konsequent durchgesetzt werden – zum Beispiel mit Bußgeldern.
Für viel Unverständnis haben unterschiedliche Regeln der Länder gesorgt. Beim Thema Beherbergungsverbot gab es keinen Beschluss. Was kann die Bundesregierung für eine Einigung tun?
Das höchste Gut, was wir in der Pandemie haben, ist die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger. Das wirkt sich unmittelbar auf die Bereitschaft mitzuhelfen aus und damit auf die Bewältigung der Pandemie. Unterschiedliche Regeln wie beim Beherbergungsverbot kosten Akzeptanz. Deswegen werbe ich dafür, zügig zu einem gemeinsamen Verständnis in diesem Punkt zu kommen.
Wie kann die Bundesregierung Druck auf die Länder in dieser Sache erhöhen?
Es geht nicht darum, dass überall das Gleiche gilt. Aber die Kriterien, nach denen Maßnahmen ergriffen werden, sollten die gleichen sein – und sie müssen nachvollziehbar sein. Gerade bei Mobilität und Reisen ist das besonders wichtig. Wir haben uns darauf geeinigt, darüber am 8. November noch einmal zu beraten.
Frau Merkel nannte das Virus vor ein paar Wochen eine „demokratische Zumutung“. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass wir diese demokratische Prüfung bestehen werden?
Dieses Virus ist für uns alle eine Zumutung. Auch für die Demokratie, denn die Maßnahmen, die wir ergreifen, schränken bürgerliche Freiheiten ein. Mich stimmt zuversichtlich, dass wir in Deutschland bis hierhin gut durch die Pandemie gekommen sind. Schauen Sie, was in Frankreich oder den Niederlanden an Maßnahmen notwendig ist. Wir haben zusammen viel erreicht in den vergangenen sieben Monaten. Wir stehen dem Virus nicht machtlos gegenüber. Jeder von uns kann jeden Tag einen Unterschied machen.
Sie haben neulich von einem persönlichen Erlebnis berichtet. Wie reagiert ein Bundesgesundheitsminister, wenn ihm in einem Lokal gesagt wird, er müsse dort keine Maske tragen?
Ich bin dann in ein anderes Restaurant gegangen. Das ist ja eine klare Botschaft an die Betreiber. In anderen Situationen geht das nicht so leicht, zum Beispiel in Bus oder Bahn. Dann finde ich es richtig, freundlich auf die Regeln hinzuweisen. Es geht auch dabei um Balance: Regeln einhalten und einfordern, ohne leichtfertig Konflikte zu erzeugen. Das ist nicht immer leicht, da geht es mir genauso wie allen anderen Bürgerinnen und Bürgern.
Wird ein Winter unter Corona-Bedingungen noch belastender für jeden Einzelnen als der Beginn der Pandemie im Frühjahr?
Wir spüren ja alle, dass die Diskussionen emotionaler werden. Die Pflegekraft, die täglich Covid-Patienten versorgt, hat einen anderen Blick auf das Virus als der Unternehmer, dessen Existenz auf dem Spiel steht. Diese persönlichen Erlebnisse führen zu unterschiedlichen Einschätzungen. Ich finde es wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben.
Ende April haben Sie gesagt: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Wer muss schon jetzt für was um Verzeihung bitten?
Sicher haben viele in den letzten Monaten solche Situationen erlebt. Ob im Privaten oder im Beruf. Wir sind ja in einer Lage, die es in unserer modernen Gesellschaft noch nie gegeben hat. In der Politik mussten wir einige Maßnahmen anpassen, weil wir festgestellt haben, dass etwas nicht funktioniert. Oder es neue Erkenntnisse gab. Ich habe zum Beispiel gesagt, dass man mit dem Wissen von heute Friseurläden eher nicht mehr schließen würde. Ich finde es wichtig, über Fehler zu sprechen. Aber bitte nicht so unerbittlich, wie das teilweise geschieht. Das hilft uns weder in der Krise noch als Gesellschaft weiter.
Was würden Sie rückblickend anders machen?
Früher Schutzmasken bestellen.

(Das Interview führte Gregory Dauber.)

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