Interview

Virologe kritisiert Obergrenze von 50 Corona-Neuinfektionen: „Wir reagieren zu spät“

Füßgängerzone mit vielen Menschen
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Für Fußgängerzonen hält der Virologe Stürmer eine Maskenpflicht für sinnvoll. (Symbolbild)

Die Corona-Fallzahlen in Deutschland steigen, und mit ihnen die Sorge vor den Folgen der zweiten Infektionswelle. Der Virologe Martin Stürmer warnt besonders vor Gefahren für ältere Menschen. Im Interview sagt er, dass er die gültige Obergrenze von 50 Neuinfizierten pro Woche für zu hoch hält.

Übermittelte Corona-Fälle in Deutschland. (Stand: 13.10.2020)
Herr Stürmer, Tag für Tag liest man von Rekordzahlen bei Neuinfektionen – sind Sie besorgt?
Auf jeden Fall. Nicht, weil wir von Rekordzahlen sprechen, sondern weil wir einen Trend beobachten, bei dem die Zahlen permanent steigen und die Steigerungsraten kräftig sind. Wir sind womöglich an einem Punkt, an dem das Infektionsgeschehen ins exponentielle Wachstum abgleitet. Sorge bereiten mir auch die vielen rot gefärbten Landkreise auf der Karte des Robert Koch-Instituts.
Weil sich die Infektionszahlen von den schweren Fällen „ein wenig entkoppelt“ hätten, hat Ihr Kollege Hendrik Streeck „n-tv“ gesagt, 20.000 neue Fälle pro Tag sollten uns keine Angst machen.
Natürlich sollten wir nicht in Panik verfallen. Aber wir sollten die Folgen der jetzigen Situation respektieren – dass bereits 7.000 neue Fälle pro Tag und eine flächendeckende Verbreitung immense Schwierigkeiten dabei bereiten, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Wenn wir nun relativ wenige Todesfälle sehen, ist das eine Momentaufnahme. Der Anstieg wird kommen, in zwei Wochen vielleicht. Deshalb kann ich mich auch mit 10.000 Neuinfizierten nicht anfreunden. Durch diese Flut geht der Schutz der Älteren verloren. Wir sehen wieder vermehrt Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen. Und es sind erst 8.000 Neuinfizierte. Auch wenn wir keine Angst haben sollten – eine entspannte Sichtweise teile ich nicht.
Welche Zahlen und Werte sind nun wichtig, um das Infektionsgeschehen einschätzen zu können?
Es ist klar, dass wir mehr testen und auch deshalb mehr Infizierte entdecken als noch im April. Wenn ich mir aber die Positivraten* der vergangenen Wochen anschaue, sehe ich eine deutliche Zunahme von Fällen. Das hat dann nichts mehr mit der Steigerung von Testkapazitäten zu tun. Wichtig ist zudem, in welchen Altersgruppen sich das Virus verbreitet – das kann ein Signal für die Zukunft geben. Wenn man nämlich nur auf die jetzige Belegung der Intensivbetten schaut, könnte man glauben, die Situation sei entspannt.
Maskenpflicht im Freien, Kontaktbeschränkungen oder Sperrstunden – welche Maßnahmen erscheinen Ihnen für Herbst und Winter sinnvoll?
Aus rein virologischer Sicht ist es so, dass wir durch Kontaktbeschränkungen dem Virus die Infektionsgrundlage entziehen. Ob in einem Raum 50 oder 5 Menschen sind, die Abstand halten können oder nicht, hat einen starken Einfluss. Die Reduzierung der Kontakte ist die effektivste Maßnahme. Wenn wir der Gastronomie aber Sperrstunden auferlegen, kann vieles sich in den privaten Bereich verlagern – was eine Kontrolle erschwert. Eine Maskenpflicht im Freien kann dort nützlich sein, wo Menschen sich versammeln – auf Weihnachtsmärkten oder in Fußgängerzonen. Das sollte aber nicht pauschal für alle öffentlichen Räume gelten, weil darunter die Akzeptanz leiden dürfte.
Wie effektiv ist es, dass Städte und Kreise immer erst dann reagieren, wenn Infektionsgrenzen bereits überschritten sind? Wäre es nicht sinnvoll, jetzt vorbeugend einzugreifen? Mit harten, flächendeckenden Regeln für wenige Wochen?
Sie sprechen mir aus der Seele. Aber ich habe gelernt, dass der Erfolg der Maßnahmen teils ins Gegenteil umschlägt – weil einige Menschen nicht einsehen, viel Geld und Energie einzusetzen, wenn es doch noch gar keine Fälle in der Region gibt. Das macht es für die Politik so schwer. Wenn sie eingreift, obwohl das Infektionsgeschehen vor Ort es noch nicht erzwingt, landen die Maßnahmen womöglich vor Gericht. Weil die Verhältnismäßigkeit fehlt. Dass aber bundesweite Regeln eine Signalwirkung hätten, davon bin ich überzeugt.
Macht es einen Unterschied, ob sich innerhalb einer Woche unter 100.000 Menschen 50 Ältere oder 50 Jüngere infizieren?
Unabhängig vom Alter halte ich die gültige Obergrenze von 50 Neuinfizierten für zu hoch. So reagieren wir zu spät, und schon da sehe ich einen Zusammenbruch der Infektionsnachverfolgung. Das Signal solcher Grenzwerte darf nicht zusätzlich dadurch gebremst werden, dass etwa unter 150 neuen Fällen lediglich 20 Ältere sind, und man es deshalb weiterlaufen lässt.
Warum?
Weil wir beim Blick auf die Zahlen dem Infektionsgeschehen grundsätzlich hinterherlaufen. Dass Menschen nach einer Infektion schwer krank werden oder sterben, kann dauern. Das Signal dieser Grenzwerte, ob die Ampel rot leuchtet oder nicht, kann bis zu vier Wochen alt sein. Irgendwann ist es zu spät, um noch rechtzeitig zu reagieren. Spätestens bei 35 Neuinfizierten unter 100.000 Menschen pro Woche sollten wir entschieden eingreifen.
Der Virologe Christian Drosten sagt, es sei nun wichtig, Cluster zu identifizieren – also Gruppen, in denen sich das Virus außergewöhnlich stark verbreitet hat.
Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir jede einzelne Infektion nachverfolgen wollen. Das werden wir auf Dauer nicht leisten können. Also macht es mehr Sinn, nach solchen Superspreading-Events zu suchen, weil diese Ausbrüche gleich 50 oder mehr Infektionen bedeuten. Das kann etwa so funktionieren, dass man sich vor dem Besuch einer Bar oder einer privaten Feier notiert, wann man wohin geht.

*Die Positivrate gibt an, wie hoch der Anteil positiver Ergebnisse unter den durchgeführten Tests ist. Unabhängig davon, wie viel getestet wird, gibt sie an, ob die Zahl der positiv Getesteten auch relativ zunimmt. (Das Interview führte Maximilian Beer)

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