Pandemie

Herdenimmunität oder vierte Welle? So könnte die Corona-Lage im Herbst aussehen

Corona in Deutschland: Müssen wir im Herbst immer noch Masken tragen? (Symbolbild)
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Corona in Deutschland: Müssen wir im Herbst immer noch Masken tragen? (Symbolbild)

In Deutschland sinkt die bundesweite Inzidenz unter 20. Insgesamt scheint sich die Corona-Lage zu entspannen. Aber wie sieht es im Herbst aus?

Kassel – Aufgrund sinkender Inzidenzen werden die Corona-Maßnahmen in ganz Deutschland gelockert. Nun ist Urlaub wieder möglich, die Gastronomie geöffnet und Treffen mit Freunden können auch wieder stattfinden. Es sieht so aus, als ob uns ein toller Sommer mit mehr Freiheiten und weniger Virussorgen bevorsteht. Was danach im Herbst kommt, ist allerdings noch unklar. Viele Faktoren können das Pandemiegeschehen beeinflussen.

Laut dem Plan von Bund und Ländern sollen bis Ende September alle, die wollen, einen Impftermin bekommen haben. Derzeit ist die Hälfte der Bevölkerung einmal, 20 Prozent sogar zweimal geimpft, seit dem 7. Juni sind deutschlandweit die Priorisierungen aufgehoben. „Die Impfrate ist inzwischen beeindruckend“, sagt Prof. Gernot Marx, Vorsitzender der Interdisziplinären Vereinigung der Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) dem RND. Damit sich die Pandemie auch in den kommenden Monaten positiv entwickeln könne, müsste dieses Tempo allerdings beibehalten werden. Außerdem müssten viele Menschen bereit sein, sich impfen zu lassen.

Ausblick: So ist die Corona-Lage im Herbst in Deutschland

Zudem gehe es laut dem Intensivmedizinier um das Verhalten der Einzelnen. Nur wer sich regelmäßig testen lässt, Abstand hält, und in Innenräumen lüftet, kann das Virus weiter eindämmen. „Wenn viele Menschen unvorsichtig werden, könnten sich im Herbst wieder mehr Infektionen ereignen, eine vierte Welle ist möglich“, fürchtet Marx gegenüber dem RND. „Das Risiko dafür, dass es erneut viele Schwerkranke und Todesfälle geben könnte, besteht weiterhin.“

Prof. Anita Schöbel, Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft, wäre laut RND „nicht überrascht“, wenn die Infektionszahlen im Herbst wieder ansteigen und noch eine vierte Welle kommen würde. „Wir können aber davon ausgehen, dass durch die Impfung der vulnerablen Gruppen die Sterblichkeit dann deutlich geringer sein wird, als sie es im letzten Herbst war“, erklärt sie gegenüber dem RND.

Corona-Lage im Herbst: Geimpfte sollten weiterhin Maske tragen

Somit wird ein härterer Lockdown als im vergangenen Winter wahrscheinlich nicht mehr notwendig sein, anderes Verhalten allerdings schon. „Es würde mich nicht wundern, wenn es die Masken im Herbst und Winter noch braucht“, sagt Gernot Marx dem RND. „Wir sind sicherlich gut beraten, erst einmal vorsichtig zu bleiben.“ Ganz nach dem Motto: Lieber länger Maske tragen, um schneller aus der Pandemie herauszukommen.

Vorerst ist auch das Tragen einer Maske für Geimpfte sinnvoll. Vor allem da, wo sie auf Nicht-Geimpfte treffen könnten beziehungsweise viele Menschen aufeinandertreffen. „Wir haben seit einiger Zeit nun zwar eine sehr gute Impfung, aber wir müssen einsehen, dass der Schutz nicht so absolut ist wie beispielsweise bei den Masern“, sagt der Virologe Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg dem RND.

Corona-Lage im Herbst in Deutschland: Auch Geimpfte können sich anstecken

„Entsprechend können sich auch Geimpfte noch mit dem Virus anstecken; sie werden zwar in der Regel nicht mehr nennenswert krank, können dem Virus aber dennoch als Wirt dienen und es im ungünstigsten Falle auch weitergeben.“ Das Gleiche gelte für jene, die bereits zuvor mit dem Virus infiziert waren.

Wegen des Anstieges an Reisen könnten sich im Herbst und Winter neue Corona-Virusvarianten entwickeln. Deren Verbreitung hat Auswirkungen auf die Herdenimmunität. Schließlich ist nicht sicher, ob die bisher genutzten Impfstoffe auch vor neuen Mutationen schützen.

Corona-Lage im Herbst in Deutschland: Endemische Phase?

Nach Angaben der Experten bleibt Corona uns wohlerhalten, obwohl irgendwann fast alle Menschen geimpft sind oder eine Infektion durchlaufen haben. Weil selbst Geimpfte und Genesene das Virus noch weitergeben können, sei es „mehr als wahrscheinlich, dass das Virus auch in Zukunft weiter zirkulieren wird, vermutlich als saisonale Erkältung oder grippaler Infekt, der nur sehr selten zu Komplikationen führt“, sagt Virologe Binder dem RND. „Diesen Zustand können wir dann endemisch nennen.“ Im Gegensatz zu der pandemischen Phase treffe das Virus dann nicht mehr auf eine unvorbereitete Bevölkerung, die dem Erreger kaum etwas entgegenzusetzen hat. Wann genau diese Phase eintritt, ist nach Angaben von Schöbel nur sehr schwer vorherzusagen.

Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass eine erneute Impfung notwendig ist. „Die Abwehrkräfte der Anfälligeren unter uns wird man gegebenenfalls mit regelmäßigen Auffrischungsimpfungen stärken, um sie vor einem Restrisiko zu schützen“, sagt Virologe Binder. Diese Auffrischungsimpfungen könnten gut an Mutanten angepasst werden. „Wir werden mit dem Virus leben müssen und auf neue Mutationen durch die Weiterentwicklung der Impfstoffe reagieren“, ist auch Mathematikerin Schöbel überzeugt. „Schlussendlich kann es sich einspielen, wie es beim Grippevirus der Fall ist, mit jährlich angebotenen Schutzimpfungen und kleinen Wellen unter den Ungeschützten im Winter.“ (Luisa Ebbrecht)

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