Entwicklung der Corona-Lage

Epidemiologe warnt: Delta-Variante „so ernst wie es nur geht“ – Was auf Deutschland zukommt

Die Delta-Variante breitet sich Deutschland zunehmend aus. Ein Epidemiologe spricht nun eine Warnung aus. Alles Wichtige zur indischen Corona-Mutante.

Kassel – Die Corona-Lage in Deutschland entspannt sich zunehmend, die Corona-Fallzahlen und die Inzidenz sinken. Gleichzeitig steigt der Anteil der Delta-Variante an den Neuinfektionen weiter an. Die erstmals in Indien nachgewiesene Delta-Variante gilt als ansteckender als die in Großbritannien entdeckte Alpha-Variante, die in Deutschland für die dritte Corona*-Welle sorgte. Die Sorge über die Auswirkungen der Delta-Variante und eine mögliche vierte Welle wächst.

„Delta ist so ernst wie es nur geht“, schreibt der US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding auf Twitter. Laut dem Robert-Koch-Institut hat sich der Anteil Variante innerhalb einer Woche fast verdoppelt. Aktuell sind laut dem Virusvarianten-Bericht des RKI 15,1 Prozent der nachgewiesenen Corona-Infektionen auf die Mutante zurückzuführen. Den Wert für die Vorwoche hat das RKI nachträglich von 6 auf 8 Prozent korrigiert.

Eine elektronische Tafel rät den Menschen in Bolton, England, sich zu isolieren und testen zu lassen, wenn sie Symptome des Coronavirus haben. In Großbritannien verbreitet sich besonders die gefährliche Delta-Variante rasant. (Symbolbild)

Bei der Ausbreitung der Delta-Variante stellt sich damit das Tempo ein, das von Virologen befürchtet wurde - eine wöchentliche Verdopplung des Delta-Anteils an den Infektionen: von 4 auf 8 auf 15 Prozent innerhalb der vergangenen drei Wochen. Die absolute Zahl der gemeldeten Delta-Infektionen ist seit der 21. Meldewoche von etwa 270 auf rund 470 in der 23. Meldewoche gestiegen. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, sieht in der Entwicklung keinen Grund zur Panik, hält Wachsamkeit aber für angebracht: Es könnte ein Kipppunkt sein.

Warum gilt die Corona-Variante als gefährlicher als andere Virusvarianten?

Laut den bisherigen Daten ist die Delta-Variante die ansteckendste bisher bekannte Corona-Variante: Während für das ursprüngliche Coronavirus angenommen wurde, dass ein Infizierter rund drei bis vier andere Menschen ansteckt, wenn keine Maßnahmen getroffen werden, waren es für die in Großbritannien entdeckte Variante Alpha bereits rund fünf Ansteckungen. Diese Ansteckungsquote steigt bei Delta offenbar um weitere 40 bis 60 Prozent an.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Viruslast im Rachen bei Infizierten höher ist, berichtet der Virologe Christian Drosten. Dazu passen Hinweise, dass die Mutante schwerwiegendere Krankheitsverläufe hervorrufen könnte. Laut Christian Drosten ist es daher wichtig schnell zu impfen, um die Delta-Variante einzudämmen. Eine vollständige Corona-Impfung schützt laut aktuellen Erkenntnissen jedoch auch bei der Delta-Mutante vor einem schweren Verlauf.

B.1.1.7 (Alpha)Zuerst in Großbritannien nachgewiesen
B.1.351 (Beta)Zuerst in Südafrika nachgewiesen
P.1 (Gamma)Zuerst in Brasilien nachgewiesen
B.1.617.2 (Delta)Zuerst in Indien nachgewiesen

Delta-Variante noch ansteckender: Ist eine Corona-Infektion im Vorbeigehen möglich?

Die Delta-Variante gilt als ansteckender als andere Varianten - doch ist eine Infektion auch ohne engeren Kontakt oder sogar im Vorbeigehen möglich? Einem Bericht zufolge soll ein Delta-Ausbruch in Australien auf ein Einkaufszentrum zurückgeführt worden sein: Menschen sollen sich dort ohne engen, direkten Kontakt zu einem Infizierten angesteckt haben, darauf verweist der US-Epidemiologe Feigl-Ding auf Twitter. In Indien wurde Anfang Mai empfohlen, auch zu Hause eine Maske zu tragen.

Laut dem RKI sind solche Berichte generell schwer zu bewerten. Es sei ein zentrales Merkmal von Übertragungen über Aerosole, dass sie unbemerkt geschehen und daher eine Zuordnung zu einem bestimmten Kontakt schwierig sei. Flüchtige Kontakte seien zudem schwer zu erfassen. Das RKI sagt aber auch: „Die hohen Ansteckungsraten in Haushalten und bei Ausbrüchen durch Delta weisen darauf hin, dass Delta noch leichter übertragbar ist als Alpha, auch ohne engen Kontakt.“

Das bestätigt auch Ralf Bartenschlager, Präsident der Gesellschaft für Virologie. Er erklärte, man könne grundsätzlich sagen, dass „eine Ansteckung auch ohne direkten, engen Kontakt möglich ist“. Eine Übertragung im Rahmen eines „Flüchtigkeitskontakts“ sei unter bestimmten Umständen möglich, zum Beispiel in einem schlecht durchlüfteten Aufzug, in dem eine infizierte Person mit hoher Viruslast in der Ausatemluft gefahren ist. Hier könne sich eine Aerosolwolke sehr lange halten und eine Infektion stattfinden, ohne dass es zu einem direkten Kontakt gekommen ist.

Corona-Impfung: Was bedeutet die Delta-Variante für nicht vollständig Geimpfte?

Vorläufige Daten zeigten, dass sich auch Menschen mit der Delta-Variante anstecken könnten, die erst eine Dosis der derzeit verfügbaren Impfstoffe erhalten hätten, erklärte die Direktorin der EU-Gesundheitsbehörde ECDC, Andrea Ammon. Zwei Impfdosen böten hohen Schutz gegen diese Variante und ihre Folgen.

In Deutschland ist etwa ein Drittel der Bevölkerung vollständig geimpft - das heißt, es gibt noch viele Millionen Menschen, die nicht oder nur teils vor Delta geschützt sind. Zudem gibt es für Kinder unter 12 Jahren bislang keinen zugelassenen Impfstoff, für die 12- bis 18-Jährigen empfiehlt die Ständige Impfkommission in Deutschland die Immunisierung nur bei Vorerkrankung.

Es gibt daher Befürchtungen, dass sich die Variante bei ungeimpften Schülerinnen und Schülern ausbreitet, wenn die Schulen zum Präsenzunterricht ohne Schutzmaßnahmen zurückkehren sollten. In England, wo Delta die Fallzahlen wieder steigen lässt, wurden Schulausbrüche verzeichnet. Ebenso in Israel, wo die Maskenpflicht für Schüler in zwei Ortschaften wieder verhängt wurde, nachdem sie wenige Tage zuvor aufgehoben worden war.

Höhere Infektionszahlen bei Schüler zu akzeptieren, weil diese nicht schwer erkranken, ist laut einem Modell von Wissenschaftlern der TU Berlin offenbar keine gute Idee. Bei Schulöffnungen ohne Schutzmaßnahmen würden sich laut einem Bericht der Forscher sehr viele Schülerinnen und Schüler anstecken, „was schlussendlich auch zu einem Anstieg der Krankenhauszahlen führen würde“. Grund dafür sei, dass sich nicht alle Erwachsenen impfen lassen wollen oder können. Zudem kann es auch bei Kindern und Jugendlichen zu Spätfolgen kommen.

Ausbreitung der Delta-Variante: Was kommt auf Deutschland zu?

Deutschland könnte zunächst von der sehr niedrigen 7-Tage-Inzidenz profitieren. In England, wo sich die Corona-Lage wegen der Delta-Variante wieder verschlechtert hat, sei die Ausbreitung des Coronavirus nicht so weit runtergebremst worden, „wie wir das jetzt in Deutschland schon gemacht haben“, sagt zum Beispiel Christian Drosten. Ein ruhiger Sommer ist jedoch keineswegs sicher. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Delta-Variante im Sommer ausgiebig zirkulieren wird“, hieß es von der EU-Gesundheitsbehörde ECDC.

Schätzungsweise werde Delta bis Ende August einen Anteil von 90 Prozent an den Corona-Infektionen in der EU und Norwegen, Island und Liechtenstein ausmachen. Mahnungen beziehen sich auch auf Einschleppungen durch Reiserückkehrer und die Fußball-EM; gewarnt wurde etwa vor Delta-Einschleppungen durch Trips von Fans nach London.

Jetzt nachlässig zu werden, wäre nicht gut. Auch gegen die Delta-Variante seien die Corona-Regeln zum Abstandhalten, Hygiene, Alltag mit Maske, Nutzung der Corona-Warn-App und Lüften wirksam und böten einen Schutz vor Ansteckung, so Bartenschläger. „Man muss sie aber noch konsequenter einhalten, da diese Variante noch leichter übertragen wird.“

Trotz Delta-Variante: Warum nehmen die Corona-Fälle in Indien seit Wochen wieder ab?

In Indien dürfte der Rückgang der Corona-Fälle laut dem bekannten indischen Virologen T. Jacob John hauptsächlich eine natürliche Ursache haben: Das Virus habe sich bei der heftigen zweiten Welle schnell verbreitet, wodurch immer weniger empfängliche Menschen übrig blieben. Dadurch sei die Welle abgeflaut.

John geht basierend auf Berechnungen davon aus, dass sich in Indien insgesamt mindestens eine Milliarde der mehr als 1,3 Milliarden Menschen im Land bereits mit Corona infiziert haben und dadurch einen gewissen Schutz hätten. Auch Drosten sagte, dass wohl hauptsächlich einsetzende Herdenimmunität in Indien zum Rückgang geführt habe, außerdem erwähnte er die kurzzeitig getroffenen strengen Maßnahmen. (sne/dpa)

Rubriklistenbild: © Han Yan/imago-images

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