Neue Corona-Studie

Wie sinnvoll waren die Lockdowns? Experte übt scharfe Kritik

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, betrachtet die andauernden Corona-Maßnahmen skeptisch.
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Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, betrachtet die andauernden Corona-Maßnahmen skeptisch.

Die Corona-Lockdowns hinterlassen wirtschaftliche und soziale Schäden. Fachleute kritisieren die fehlende Berücksichtigung dieser Konsequenzen scharf.

Kassel/Köln – Den ersten Corona-Fall in Deutschland meldete das Robert Koch-Institut am 27. Januar 2020. Im März wurde schließlich die weltweite Pandemie ausgerufen. Gastronomien, Kulturstädten, Geschäfte und Bildungseinrichtungen mussten durch die darauffolgenden Lockdowns schließen. Das stellt die Bundesrepublik noch immer vor große Herausforderungen.

Viele Menschen mussten durch die massiven Einschränkungen des Lockdowns um ihre finanzielle Existenz bangen. Und noch immer gibt es in Deutschland Regionen, in welchen teils harte Maßnahmen gelten. Ein Lockdown, wie bereits mehrfach durchgesetzt, kostet die Wirtschaft in Deutschland circa 2,5 Millionen Euro – wöchentlich. Das berichtet das Nachrichtenportal T-online.de. Zahlreiche Experten stellen sich die Frage, wie notwendig derartige Schließungen sind, insbesondere unter dem Gesichtspunkt des wirtschaftlichen Schadens.

Corona-Lockdown: Ökonomen untersuchen Nutzen von Schließungen

Dazu zählen unter anderem Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln nachgegangen. Einer neuen Studie, die T-online.de vorliegt, nennen die Fachleute nun neue Details – und eine Tendenz in der Beantwortung der Frage: Der Nutzen sogenannter „nicht-pharmazeutischer Interventionen“ zur Eindämmung der Corona-Pandemie stünden nicht im Verhältnis zu den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Lockdowns, heißt es in der Studie.

Dafür untersuchten die Volkswirte Thomas Obst und Dan Schläger die Mobilitätsdaten der Bevölkerung in Schweden und Deutschland. Aus der Studie geht hervor, dass die Mobilität der Menschen im März 2020 in Schweden, aber auch in Deutschland deutlich zurückging. Die „ähnliche dynamische Verhaltensanpassungen“ deute den Experten zufolge auf eine „erhebliche freiwillige soziale Zurückhaltung“ hin.

Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW)
Bereichprivates Wirtschaftsforschungsinstitut
SitzKöln
Gründung1951

Und das, obwohl in Schweden das öffentliche Leben weiter ging. Geschäfte, Gastronomie und Schulen blieben geöffnet, während in Deutschland der Lockdown kam. „Ein Rückgang der Aktivität ab September und ein erneuter Anstieg der Aktivität seit Anfang 2021, mit einem weiteren Einbruch im April 2021“, beschreiben Obst und Schläger ihre Auswertungen.

Corona-Lockdown: Schweden verzeichnete deutlich mehr Todesfälle

Prozentual ging die Mobilität in Deutschland sogvar noch etwas mehr zurück. Dennoch zogen die fehlenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Virusausbreitung nicht spurlos an Schweden vorbei. Das Land verzeichnete deutlich mehr Corona-Tote als die Bundesrepublik. Wie T-online.de weiter berichtet, kamen in Deutschland auf eine Million Menschen rund 1050 Todesfälle, während in Schweden pro eine Million Einwohner etwa 1400 Menschen im Zusammenhang einer Covid-19-Infektion starben.

„Wir sagen nicht, dass die Beschränkungen ohne Wirkung geblieben sind“, erklärt Obst. „Jedoch spielten mit großer Wahrscheinlichkeit auch andere Effekte hinein, die in der Kosten-Nutzen-Analyse kaum berücksichtigt wurden. Das sollten wir bei künftigen Betrachtungen ändern.“

Wirtschaftsforscher kritisiert Vorgehen im Corona-Lockdown

Dem stimmt auch Michael Hüther, IW-Direktor und Wirtschaftsforscher, zu: „Die Pandemie hat gravierende Folgen, die wir im Gegensatz zu der an mancher Stelle überschätzten Wirkung der Lockdowns noch nicht erfasst haben.“ Noch lange würden uns die Kosten und Schäden der Bekämpfung der Corona-Pandemie begleiten, so Hüther. Dahingehend kritisiert er vor allem die fehlende Strategie der Bundesregierung. „Bei der unzureichenden Datenlage in Sachen Pandemiegeschehen ist es wenig überraschend, dass die Regierung trotz der erheblichen Belastungen von Lockdowns für die Gesellschaft und Wirtschaft weiter an gelegentlich plump daherkommenden, einheitlichen Ansätzen festhält, statt eine systematische Abwägung von Zielkonflikten vorzunehmen“, erklärt der Wissenschaftler.

Virologen und Mediziner forderten strengen Corona-Lockdown

Auf der anderen Seite wird das Vorgehen der Studie von Experten und Modellierern kritisiert. Nur schwer würden sich die beiden Länder vergleichen lassen, so die Kritik. Dafür seien sowohl die Bevölkerungsdichte als auch die Kulturen zu unterschiedlich.

Zudem betonten führende Virologen und Intensivmediziner während des rasanten Anstiegs der Fallzahlen vor einigen Wochen immer wie die Notwendigkeit eines Lockdowns. Wegen der enormen Auslastung von Intensivstationen aufgrund der Corona-Pandemie warnte auch MichaeI Hallek, Internist und Professor am Universitätsklinikum Köln. „Diese Situation ist mit Ansage“, erklärte er im April bei „Anne Will“: „Unsere No-Covid-Gruppe warnt seit Anfang Januar vor dieser Lage.“

Corona-Lockdown: Kosten-Nutzen-Analyse notwendig

Eine Lockdown-Verlängerung in Deutschland war nach Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im März „ohne Wenn und Aber nötig“. Ansonsten hätten sich die Sterbezahlen verdoppelt, betonte er. „Jeder Zweite stirbt, der beatmet werden muss, auch bei den Jüngeren“, so der Abgeordnete gegenüber der Bild-Zeitung.

„Sicherlich ist es schwierig, eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse zu erstellen, da viele subjektive Werte im Spiel sind und aggregiert werden müssen“, heißt es in Studie des IW. Dennoch sei eine umfangreiche Abwägung der Kosten und Nutzen angesichts der erheblichen Einschränkungen für das soziale und wirtschaftliche Leben notwendig. (kas)

Im Video: Psychische Belastungen im Corona-Lockdown angestiegen

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