Wann ist die Pandemie vorbei?

Kampf gegen Corona: Warum die Herdenimmunität immer unwahrscheinlicher wird

Wer an ein Ende der Corona-Pandemie denkt, stößt schnell auf die Idee der Herdenimmunität. Die verspricht eine Rückkehr zur Normalität – ist aber schwer zu erreichen.

Kassel - Viele Hoffnungen in der Bekämpfung der Corona-Pandemie ruhen derzeit auf den Corona-Impfungen. Entsprechend formuliert die Politik in regelmäßigen Abständen neue Ziele für die Impfkampagne, jedes neue ein bisschen ambitionierter als das vorherige.

Bereits im Juni könnte die Immunisierung der drei priorisierten Gruppen so weit fortgeschritten sein, dass die Bundesregierung die Impf-Reihenfolge aufheben kann. Spätestens, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach dem jüngsten Impfgipfel von Bund und Ländern betonte. Dann hänge es nur noch von der zuverlässigen Impfstoff-Logistik ab, wie schnell ein Großteil der Bevölkerung immun ist.

Corona: Ob eine Herdenimmunität eintritt, hängt nicht nur von der Impfbereitschaft ab

Ob Corona dann Geschichte ist, ist jedoch eine ganz andere Frage. Um die zu beantworten, muss man sich mit der Idee einer Herdenimmunität auseinandersetzen, ein Begriff, der bereits seit frühen Pandemie-Tagen fest zum Krisenvokabular gehört. Ist die Bevölkerung eines Landes mehrheitlich geimpft oder genesen, ist also Herdenimmunität eingetreten, sollte einem Ende der alltagsprägenden Maßnahmen nichts mehr im Wege stehen. Denn ist eine infizierte Person nur noch von überwiegend immunen Mitmenschen umgeben, hat das Virus kaum noch Chancen, weitergegeben zu werden.

Kann es eine Herdenimmunität geben? Selbst bei sehr hoher Impfbereitschaft werden Impfungen allein kaum für ein baldiges Ende der Corona-Pandemie sorgen, sagen Experten. (Symbolbild)

Die Schwierigkeiten mit der Idee beginnen dort, wo Einigkeit fehlt über die genaue Definition des Erfolgs. Wie hoch der Anteil der Geimpften und Genesenen an der Gesamtbevölkerung sein muss, damit von einer Herdenimmunität gesprochen werden kann, ist unter Forschern weiterhin umstritten. Die Prognosen reichen von 50 bis 90 Prozent, berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Ein wichtiger Faktor für das Erreichen eines jeden Schwellenwertes ist die Impfbereitschaft.

Die lag in Deutschland Anfang April bei 67 Prozent, wie aus einer Befragung des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) hervorgeht. Im November vergangenen Jahres waren es noch 57 Prozent, berichtet der Spiegel. Und unter jüngeren Menschen sei sie im Vergleich besonders stark gestiegen. Dennoch sei eine Quote von 67 Prozent zu wenig, ist sich Jonas Schreyögg sicher, Gesundheitsökonom und wissenschaftlicher Direktor am HCHE.

Gefährliche Corona-Varianten dämpfen Hoffnung auf Herdenimmunität

Selbst eine Immunitätsrate von 90 Prozent bedeutet nicht, dass die restlichen zehn Prozent keine Sorge mehr haben müssen vor dem Virus. „Die Pandemie wird Einzelne nicht verschonen, man wird entweder krank oder geimpft“, sagte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dazu am Dienstag (27.04.2021) gegenüber der Welt.

Menschen, bei denen die Entscheidung über die Impfung noch offen ist, nehmen das Risiko zwar bewusst in Kauf. Für andere stellt eine Impfung allerdings ein hohes Gesundheitsrisiko dar, womit sich die Frage gar nicht stellt. In Gegenden, wo unter den Nicht-Immunen weiterhin eine hohe Inzidenz vorliegt, rechnet Karl Lauterbach daher mit Zugangsbeschränkungen, die nur überwinden kann, wer beispielsweise seine Immunität über seinen Impfpass oder einen Antigentest nachweisen kann.

Wie viele Freiheiten eine hohe Impfquote am Ende zurückbringen kann, hängt aber auch davon ab, wie wirksam die Seren gegenüber den zahlreichen sequenzierten Virusvarianten sind. Hier liegen bisher nicht für alle Varianten aussagekräftige Studien vor. Vorläufige Daten aus Israel zeigen beispielsweise, dass der mRNA-Impfstoff von Biontech und Pfizer schlechter vor Infektionen mit der südafrikanischen Virusvariante B.1.351 schützt als vor Infektionen mit vergleichsweise harmloseren Varianten. Im Fachjournal Science spricht die Mathematikerin und Epidemiologin Sara Del Valle vom US-amerikanischen Los Alamos National Laboratory von einem „Rennen mit den neuen Varianten.“

„Rennen“ gegen das Virus: Mehr Geimpfte erhöhen gleichzeitig den Druck auf das Virus, zu mutieren

Je langsamer die Impfkampagnen in den einzelnen Ländern vorangehen, desto mehr Zeit haben hochansteckende Varianten, sich auszubreiten. Wer dann noch nicht mindestens eine Schutzimpfung erhalten hat, könnte mit schwererem Verlauf an Covid-19 erkranken als bisher beobachtet wird. Außerdem hat das Virus so mehr Gelegenheiten, weitere Mutationen zu bilden.

Der Epidemiologe Matt Ferrari vom Pennsylvania State University’s Center for Infectious Disease Dynamics spricht hier von einem evolutionären Druck auf das Virus, der mit zunehmender Impfquote steigt. Schnell und vollständig zu impfen müsse daher wichtiger Bestandteil jeder Strategie gegen Corona sein, so Ferrari im Magazin „Science“. Vergleicht man die Impffortschritte der einzelnen Länder, sind die großen Unterschiede nicht zu übersehen. Sind ausweislich der Daten von „Our World in Data“ in Israel bereits 58 Prozent der Bevölkerung geimpft, sind es beispielsweise in Indien (1,8 Prozent) und Brasilien (5,8 Prozent) noch sehr wenige – beides Länder, in denen die Neuinfektionsraten aktuell sehr hoch sind. In Deutschland ist die indische Variante B.1.617 bereits nachgewiesen worden, zuletzt am Mittwoch (28.04.2021) in Köln.

Trotz all dieser Einwände überwiegt der Nutzen einer Impfung die Risiken massiv, darin sind sich aktuell viele Experten einig. Das zeigt sich beispielsweise an der Sieben-Tage-Inzidenz bei den Über-90-Jährigen. Lag sie im Dezember noch bei 726, betrug sie vergangene Woche nur noch 104, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland analysiert. (mp)

Rubriklistenbild: © Eibner Europa/Imago

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