Corona

Intensivmediziner warnen vor Triage in Deutschland: „Es ist fünf nach 12“

Immer mehr Corona-Patienten werden auf Intensivstationen behandelt. Ein Mediziner warnt nun vor einem noch stärkeren Anstieg und schlägt Alarm.

Update vom Montag, 19.04.2021, 15.35 Uhr: Immer wieder warnen Mediziner und Wissenschaftler vor überlasteten Intensivstationen in Deutschland. „Diese Situation ist mit Ansage“, erklärt Michael Hallek in der ARD-Sendung „Anne Will“, „unsere No-Covid-Gruppe warnt seit Anfang Januar vor dieser Lage.“ Hallek ist Internist und Professor am Universitätsklinikum Köln. Gleichzeitig befürwortet er die No-Covid-Strategie und hat mit seinem Team bereits zahlreiche Vorschläge gemacht, wie die Corona-Pandemie mit einem harten Lockdown einzudämmen wäre.

Mittlerweile liegen 5000 Corona-Patienten auf Intensivstationen. Damit nähert sich die Zahl dem bisherigen Höchstwert, der zu Jahresbeginn bei 5700 Erkrankten lag. Die Medizin könne am besten sein, wenn sie präventiv arbeite - nicht wenn sie reparieren müsse, so Hallek am Sonntagabend (18.04.2021).

Die Lage auf den Intensivstationen in Deutschland spitzt sich zu: Schwerstkranke Covid-Patienten müssen in andere Bundesländer verlegt werden, da die Kapazitäten nicht mehr ausreichen. (Symbolbild)

Immer mehr Corona-Patienten: Deutschland droht Triage-Situation

Deutschland habe vielleicht noch ein oder zwei Wochen bis eine Triage drohe. Dann könne nicht mehr jeder Patient behandelt werden, warnt Hallek. In Thüringen müssen bereits erste schwerstkranke Corona-Patienten verlegt werden (siehe Update vom 16.04.20201).

Halleks dringender Appel: Die Bewegungsfreiheit der Menschen in Deutschland einschränken. Und das am besten sofort. „Es ist fünf nach 12“, wurde der Mediziner in den vergangenen Wochen immer wieder zitiert.

„Unsere Demokratie hat vermittelt, dass wir einer Pandemie wie dieser nicht mehr gewachsen sind“, äußerte sich Michael Hallek in der „Anne Will“-Sendung. „Es liegt an Ihnen, dieses Vertrauen wiederherzustellen“, sagt er und richtete damit den Fokus auf die anwesenden Politiker, darunter auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Mediziner warnt - Anstieg der Corona-Patienten muss enden

+++ 17.11 Uhr: Die Zahl der Intensivpatienten, die mit dem Coronavirus infiziert sind, ist deutschlandweit gestiegen. Laut einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) werden derzeit 4740 Erkrankte stationär behandelt - dies gehe aus dem Tagesreport des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Freitag (16.04.2021) hervor. Im Vergleich zum Vortag sei das ein Anstieg um 61 Personen.

„Der Druck auf die Intensivstationen ist jetzt wirklich sehr groß, in Köln und Bonn sind sie zum Beispiel richtig voll“, sagte der Intensivmediziner Christian Karagiannidis von der Lungenklinik Köln-Merheim. In sieben bis zehn Tagen rechne er deshalb „mit einem deutlichen Anstieg der Intensivbelegungen“.

Um Kapazitäten zu schaffen, solle man nun damit beginnen, Corona-Patienten auf verschiedene Regionen aufzuteilen. „Aber irgendwann ab nächster Woche muss es dann endlich für mindestens zwei Wochen strenge Kontaktbeschränkungen geben, um die Fallzahlen zu senken“, so Karagiannidis.

Verspätete Notbremse: Thüringen verlegt die ersten Corona-Intensivpatienten in andere Bundesländer

Update vom Freitag, 16.04.2021, 9.05 Uhr: Die Intensivmediziner in Deutschland schlagen seit Wochen Alarm. Jetzt muss Thüringen als erstes Bundesland schwerstkranke Corona-Patienten in andere Bundesländer ausfliegen lassen, da die Intensivstationen völlig überfüllt. Das geht aus Berichten von ARD und ZDF am Donnerstagabend (15. April) hervor.

„Wir sind seit Wochen im Ausnahmezustand“, erklärte Prof. Michael Bauer vom Uniklinikum Jena im „heute journal“ des ZDF: „Die Hälfte meiner Betten ist mit schwerstkranken Covid-Patienten belegt.“ Dabei würden sie Patienten immer jünger, berichtete der Mediziner. So habe er beispielsweise „einen 32-jährigen Fitnesstrainer beatmet auf Station liegen“. Ihm sei Angst und Bange.

Corona-Intensivmediziner: „Die Notbremse kommt zu spät“

Update vom Donnerstag, 15.04.2021, 10.30 Uhr: Intensivmediziner fordern sofortige harte Corona-Schutzmaßnahmen von der Politik. „Wir können es uns nicht leisten, noch wochenlang zu diskutieren“, sagte Christian Karagiannidis, der Leiter des Intensivbettenregisters, gegenüber dem Tagesspiegel. Das Intensivbettenregister ist ein Projekt der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und des RobertKoch-Instituts (RKI).

Das Intensivbettenregister bildet die aktuelle Auslastung der Intensivbetten in Deutschland ab. Laut deren Einschätzung könnte die Höchstmarke von 6000 Intensivpatienten bereits Mitte April erreicht werden.

Sollte das Notbremsen-Gesetz von Merkel erst Ende April kommen, würde die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen auf 7000 steigen, so der DIVI-Präsident Gernot Marx. Der Leiter des Intensivbettenregisters des DIVI, Karagiannidis sagte gegenüber dem Tagesspiegel, dass Intensivmediziner zwar den Tod gewohnt seien, aber „so was hat es noch nie gegeben“.

Intensivstationen am Limit: Können Ärzte bald nicht mehr alle Patienten behandeln?

Erstmeldung vom Mittwoch, 14.04.2021, 18.30 Uhr: Kassel – Der Marburger Bund, ein Berufsverband für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, befürchten ein zu spätes Greifen der angekündigten Corona-Notbremse. Sollten die Kliniken weiter belastet werden, könnte sogar die Triage eingeführt werden, also das Priorisieren von Patienten – dabei kann es Leben und Tod gehen.

„Die Notbremse kommt ohnehin zu spät“, meint Susanne Johna, Vorsitzende des Verbandes, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Vor einer Überbelastung der Intensivstationen warnten Mediziner bereits Anfang April.

Corona-Pandemie: Notbremse muss laut Medizinerin sofort greifen

Sollte es auf Intensivstationen zu Überlastungen kommen, könnte in vielen Kliniken die Triage nötig werden: „Wenn wir jetzt nicht sofort auf die Bremse treten, dann läuft die Entwicklung endgültig aus dem Ruder und die Ärzte müssen entscheiden, welche Patienten sie noch aufnehmen und welche nicht“, alarmiert Johna. „Das kann niemand wollen“.

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Ursprünglich hatte die Bundesregierung geplant, die parlamentarischen Beratungen über die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes noch in dieser Woche abzuschließen. Einer nötigen Fristverkürzung stimmte die Opposition allerdings nicht zu. Die geplante Corona-Notbremse befindet sich daher in der Schwebe. Die Beratungen sollen erst in der kommenden Woche aufgenommen werden.

Corona-Notbremse dringend erforderlich: „Physisch als auch psychisch am Limit“

Laut Johna appelliere man nun dringend an die Koalitionsfraktionen, die Opposition und die Länder, die Neuregelung des Infektionsschutzgesetzes und die damit einhergehende Notbremse noch in dieser Woche zu beschließen. Immerhin dürfe man nicht vergessen, dass jetzt diejenigen Patienten auf die Intensivstationen kämen, die sich vor zwei, drei Wochen mit Corona infiziert hätten.

„Wir müssen also in den kommenden zwei Wochen ohnehin mit mehr Schwerstkranken rechnen, unabhängig von der Notbremse“, betont die Medizinerin und fügt hinzu: „Die Kolleginnen und Kollegen auf den Intensivstationen sind sowohl physisch als auch psychisch am Limit.“

Marburger Bund: Lockerungen sind während geplanter Corona-Notbremse fehl am Platz

Außerdem kritisiert die Vorsitzende des Marburger Bundes die geplanten Regelung für Schulen: „Die Kombination aus Testungen und Wechselunterricht muss differenziert je nach Alter der Schüler eingesetzt werden“. Darüber hinaus sei der Inzidenzwert von 200 für Schulschließungen zu hoch angesetzt, „auch wenn die Bildung einen hohen Stellenwert genießt“. Sie fordert, dass der Wert bei den kommenden Notbremse-Beratungen noch einmal überdacht wird.

Die neue Verpflichtung für Unternehmen, ihre Mitarbeiter Corona-Tests anbieten zu müssen, begrüßt Johna hingegen. Doch das allein reiche nicht: „Es gibt kein Freitesten, weil es zu viele falsch negative Ergebnisse bei Antigenschnelltests gibt“, mahnt die Medizinerin. „Lockerungen in Abhängigkeit von negativen Testresultaten sind in der aktuellen Situation deplatziert“, betont Johna. (Nail Akkoyun)

Rubriklistenbild: © Christophe Gateau/dpa

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