Geschlossene Schulen

Wie die Corona-Pandemie in Lateinamerika zur Bildungskrise wurde: „Folgen für eine ganze Generation“

Auf diesem vom Bürgeramt von Manaus zur Verfügung gestellten Bild lernt ein Kind mit einem Handy am Küchentisch inmitten der Corona-Pandemie.
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Auf diesem vom Bürgeramt von Manaus zur Verfügung gestellten Bild lernt ein Kind mit einem Handy am Küchentisch inmitten der Corona-Pandemie.

In vielen Teilen von Lateinamerika sind die Schulen seit dem vergangen Jahr beinahe durchgehend geschlossen. Viele Schülerinnen und Schüler werden wohl nie zurückkehren.

  • Nirgends auf der Welt haben Kinder durch die Pandemie so viel Schulunterricht verpasst wie in Lateinamerika.
  • Untersuchungen zufolge könnten bis zu drei Millionen Kinder aufgrund der Pandemie die Schule nicht beenden.
  • Das verschlimmert Armut und verstärkt schon bestehende Ungleichheiten.

Brasilien/Lateinamerika – Schulaufgaben per WhatsApp, einzelne Arbeitsblätter, abgeholt von Eltern, oder Bildungsfernseh- und Radiosendungen – Schulunterricht ist seit Beginn der Pandemie schon in Deutschland schwierig, in Lateinamerika hingegen aber ist die Lage fatal. Armut, schlechte Infrastruktur und Ungleichheit verstärken die Konsequenzen gerade für Kinder.

Viele Schülerinnen und Schüler auf dem lateinamerikanischen Kontinent haben die Schulen seit dem vergangen März nicht mehr von innen gesehen. In Lateinamerika sind die meisten Schulen länger geschlossen geblieben als überall. Laut einem Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF haben lateinamerikanische Kinder im Schnitt drei Monate mehr Schulunterricht verpasst als ihre Altersgenossen auf dem Rest der Welt, Ende 2020 waren das durchschnittlich bereits 159 Tage.

Lateinamerika als Epizentrum der Corona-Pandemie – 30 Prozent aller Covid-Toten weltweit

Dass die Schulen in Lateinamerika so lange geschlossen blieben und es teilweise immer noch sind, liegt hauptsächlich daran, dass sich der Kontinent zum weltweiten Epizentrum der Pandemie entwickelt hatte: Rund 30 Prozent der Covid-Toten lebten auf diesem Kontinent, der bloß acht Prozent der Weltbevölkerung ausmacht. Peru führt beispielweise die weltweite Liste mit den meisten Corona-Opfern pro Einwohner an.

Nicaragua lies als einziges Land in Lateinamerika die Schulen während der gesamten Pandemie* offen. Während Kinder in Argentinien und Paraguay laut dem Education Tracker der Vereinten Nationen und der amerikanischen John-Hopkins-Universität zurzeit hauptsächlich von zu Hause lernen, gibt es in den meisten anderen lateinamerikanischen Ländern gemischte Modelle. So auch in Brasilien – viele Schüler lernen noch immer zu Hause, es gibt Fernunterricht und in einigen Bundesstaaten findet aber auch wieder Präsenzunterricht statt.

In Rio de Janeiro beispielweise haben die Schulen seit Anfang des Jahres schrittweise wieder geöffnet. Bei den Öffnungen habe man zu wenig Rücksicht auf die Kinder genommen – sagen Kritikerinnen und Kritiker: Während Bars, Einkaufszentren und Restaurants schon seit Monaten wieder offen sind, hätte man die Schulen auf Kosten der Kinder viel zu lange geschlossen gehalten.

Social: „Homeschooling ist für viele Kinder in Lateinamerika nahezu unmöglich – bloß zwei Drittel von ihnen haben überhaupt Internetzugang.“

Corona in Lateinamerika: Geschlossene Schulen bedeuten für viele Schüler keinen Zugang zu Bildung

Diese Kritik hängt auch damit zusammen, dass geschlossene Schulen für viele Schülerinnen und Schüler in Lateinamerika bedeuten, dass sie gar keinen Zugang zu Bildung haben. Denn die Voraussetzungen für Homeschooling sind gerade in ärmeren Haushalten denkbar schlecht – oft gibt es dort weder Internet noch Endgeräte, an denen die Kinder arbeiten können. Viele Haushalte haben zwar Handys mit Internetzugang, aber keine Computer, die längere Arbeiten erleichtern würden. Die Covid*-Pandemie vergrößert so schon bestehende Ungleichheiten noch. Während rund drei Viertel der Schüler von Privatschulen am Distanzunterricht teilnehmen können, hat gerade mal die Hälfte der Schüler von öffentlichen Schulen dafür die Voraussetzungen.

Viele Länder sind darum kreativ geworden. In Brasilien werden Unterrichtsmaterialen oftmals über Messenger-Dienste auf die Handys von Schülern und Eltern gesendet. In Peru oder auch Mexiko gab es vermehrt Bildungsfernseh- und Radiosendungen, um so auch Kinder zu erreichen, die keinen Internetzugang haben. Kolumbien hingegen setzte das Projekt „Colombia Aprende Móvil“ (Kolumbien lernt mobil) auf, mit denen Schüler und Lehrer übers Smartphone kostenlosen Internetzugang bekamen.

Abgesehen von der großen Bildungslücke hat der fehlende Schulunterricht in Lateinamerika noch weitere Konsequenzen: Vielen Schülerinnen und Schülern fehlen damit regelmäßige Mahlzeiten. In Brasilien ist es beispielsweise üblich, dass Schulkinder zwei Mahlzeiten in der Schule einnehmen. Gerade für arme Familien ist das normalweise eine enorme Erleichterung. Da genau diese Familien aber durch die Pandemie sowieso schon in einer schwierigen finanziellen Lage stecken, werden sie besonders hart von den Schulschließungen getroffen.

Lateinamerika: Bildung war schon vor Corona ein Problem

Das Ausmaß vieler Probleme wird zwar jetzt erst richtig sichtbar, aber auch schon vor der Corona-Pandemie war Bildung in Lateinamerika ein Problem. Die Bildungssysteme sind von Ungleichheit durchsetzt. Kinder aus ärmeren Schichten haben deutlich schlechtere Chancen darauf, einen Schulabschluss zu machen oder gar eine Universität zu besuchen – und mehr als zehn Millionen Kinder in Lateinamerika gingen schon vor Corona nicht zur Schule.

In PISA-Untersuchungen schnitten die meisten Länder der Region auch in der Vergangenheit bereits schlecht ab. Erste Hinweise deuten aber jetzt darauf hin, dass der Lernstand der Schülerinnen und Schüler noch weiter zurückgeworfen werden könnte. Nach einer Untersuchung der Weltbank stieg der Anteil der Kinder, die am Ende der Grundschule nicht richtig lesen können, von 51 auf über 60 Prozent.

Corona in Lateinamerika: Schul-Schließungen könnten Folgen für eine ganze Generation haben

Für einige Kinder und Jugendliche wird die Pandemie aber nicht nur ein verlorenes Schuljahr sein, sondern ihnen auch langfristig Zukunftschancen rauben. Die UN geht davon aus, dass drei Millionen Kinder, nachdem sie einmal aus dem regelmäßigen Unterricht ausgeschieden sind, nicht an die Schulen zurückkommen und so auch keinen Schulabschluss machen.

Einige der älteren Kinder helfen inzwischen mit Jobs ihren Familien aus, bei manchen jüngeren werden die Lernlücken zu groß sein, um sie wieder aufzuholen. Das ist ein herber Rückschlag für den Kontinent. Lateinamerika hatte seit Anfang der 2000er die Raten der Schulabbrecher deutlich senken können, die Pandemie könnte diese Erfolge jetzt wieder zu zerstören. Langfristig könnte diese Bildungslücke auch einen großen finanziellen Schaden anrichten: Die Weltbank kalkuliert, dass aus dem fehlenden Lernfortschritt in den kommenden Jahren ein finanzieller Verlust von rund 1,6 Milliarden US-Dollar entstehen wird.

„Das ist die schlimmste Bildungskrise, die diese Region je gesehen hat”, sagte Carlos Felipe Jaramillo, Vize-Präsident der Weltbank für Lateinamerika und die Karibik. „Wir sind besorgt, dass sie ernste und langanhaltende Folgen für eine ganze Generation und besonders für die schwächsten Sektoren hat“. Die Regierungen müssten nun dringen nötige Mittel ergreifen und auch in Innovation und Technik für Bildungssysteme investieren.

Brasilien: Die nächsten Schritte – Schulen sollen endgültig wieder geöffnet werden für Präsenzunterricht

Brasilien investiert schon in Programme, die dafür sorgen sollen, dass trotz der Pandemiebedingungen möglichst viele Schüler ihren Abschluss machen. Ein Frühwarnsystem soll Lehrer darauf aufmerksam machen, welche Kinder eine besonders hohe Schulabbruchgefahr hätten. Für ältere Schüler gibt es besondere Kurse, die sie möglichst schnell zu einem Abschluss bringen sollen.

Außerdem will das Land die Schulen nun endgültig wieder öffnen: Ab August sollen alle Lernenden in Brasilien wieder zum regulären Präsenzunterricht zurückkehren – das verkündete das brasilianische Gesundheitsministerium in der vergangenen Woche. Unter Pandemiebedingungen ist das eine Herausforderung – zwar sollten in Brasilien schon ein Großteil der Lehrer geimpft sein, aber nicht überall können hohe Hygienestandards eingehalten werden. Wissenschaftler warnen in Brasilien schon jetzt davor, dass die unkontrollierte Öffnung der Schulen zu einem erneuten Anstieg der Corona Fälle führen könnte.

Bildung in Lateinamerika:
Anteil der Bevölkerung aus ausgewählten Ländern Lateinamerikas und der Karibik, der im Jahr 2018 die Sekundärstufe abgeschlossen hatte, in Prozent. Quelle: UNESCO

Belize 49.4
Bolivien 76.2
Brazil 67.3
Chile 85.8
Colombia 72
Costa Rica 58.4
Cuba 86.1
Ecuador 72.3
Haiti 16.6
Mexiko 58.7
Paraguay 63.6
Peru 86.4
Venezuela 70.1

(Lisa Kuner) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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