Inzidenzwert „untauglich“

Corona-Notbremse: Experte warnt vor grundlegendem Fehler - und macht neuen Vorschlag

In Deutschland soll künftig eine bundesweite Corona-Notbremse gelten. Diese wird teils massiv kritisiert. Ein Epidemiologe äußert sich.

Berlin - Das von Angela Merkel geplante Notbremsen-Gesetz soll die steigenden Corona-Neuinfektionen eindämmen. Das Infektionsschutzgesetz, das am Freitag im Bundestag diskutiert wird, sieht ab einer 7-Tage-Inzidenz über 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen härtere Corona-Maßnahmen vor. Doch ein Epidemiologe sieht in dem neuen Corona-Gesetz einen grundlegenden Fehler.

„Wir starren immer noch auf die falschen Indikatoren, setzen deswegen die falschen Prioritäten und wundern uns, dass wir kaum Fortschritt machen“, kritisiert Prof. Dr. Gérard Krause im Interview mit tagesschau.de. Die 7-Tage-Inzidenz sei als Maßstab für eine Lockerung oder Verschärfung der Corona-Maßnahmen ungeeignet. „Dieser Wert war schon immer problematisch, aber inzwischen wird er richtiggehend untauglich. Die Sieben-Tage-Inzidenz entkoppelt sich immer mehr von der eigentlichen gesundheitlichen Lage“, sagt der Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Kritik an Merkels Corona-Notbremse: 7-Tage-Inzidenz „untauglich“

Die Kritik von Krause an der 7-Tage-Inzidenz als Grundlage für das Notbremsen-Gesetz* basiert auf zwei Aspekten, berichtet auch merkur.de. „Erstens, es wird jetzt deutlich mehr getestet, das führt zu deutlich mehr Meldungen von Infektionen, die zuvor unerkannt geblieben wären“, so Krause.

Das sei zwar gut, aber die 7-Tage-Inzidenz reflektiere nur die positiven Tests und nicht, ob die Menschen auch erkranken oder welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind. Der zweite Kritikpunkt von Krause bezieht sich auf den Einfluss der Corona-Impfungen. „Durch die Impfungen werden schwere Erkrankungen seltener, selbst dann, wenn die Zahl der Infektionen nicht ganz so schnell sinkt“, sagt Krause.

Der Epidemiologe Gérard Krause kritisiert die Verwendung der 7-Tage-Inzidenz als Maßstab für das Notbremsen-Gesetz. (Archivbild)

Kritik an Merkels Corona-Notbremse: Virologe Christian Drosten widerspricht

Dieser Einschätzung widerspricht der Berliner Virologe Christian Drosten. Es stimme nicht, dass deutlich mehr getestet werde. Vielmehr habe sich die Positiv-Quote verdoppelt, das heißt es werde relativ zu den wahren Fällen weniger und zielgerichteter getestet. Auch, dass trotz höherer Inzidenzen weniger Patienten ins Krankenhaus eingewiesen würden, stimme nicht.

Kritik an der Corona-Notbremse der Bundesregierung um Angela Merkel (CDU) gibt es zuhauf - nun macht ein Epidemiologe eine klare Ansage (Symbolbild).

„Dieser Effekt wird in einigen Wochen eintreten, jetzt gibt es ihn aber noch nicht“, sagt Drosten laut dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das RKI warnt in seinem Situationsbericht vom Donnerstag (15.04.2021): „Der Anstieg der Fallzahlen insgesamt und der Infektionen durch die VOC B.1.1.7. werden zu einer deutlich ansteigenden Anzahl von Hospitalisierungen und intensivpflichtigen Patientinnen und Patienten führen.“

Kritik an 7-Tage-Inzidenz als Parameter im Notbremse-Gesetz: Experte schlägt Alternative vor

Statt der 7-Tage-Inzidenz schlägt Krause einen alternativen Parameter für das neue Corona-Notbremsen-Gesetz von Angela Merkel vor: „Wenn man es einfach halten will, um damit auch die Akzeptanz bei den Regierenden zu sichern, dann gäbe es tatsächlich einen alternativen Parameter: die Anzahl der intensivmedizinischen Neuaufnahmen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner der Herkunftsorte der Patienten“, schlägt Krause vor. (Sarah Neumeyer) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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