Andere Zahlen auch wichtig

 „Viele Schnelltests verzerren die Inzidenz“: Virologe kritisiert die Regelungen der Corona-Notbremse

Das neue Notbremsen-Gesetz ist an starre Corona-Inzidenzen geknüpft. Der Virologe Klaus Stöhr sieht das kritisch.

Kassel - Das neue Gesetz zur Bundes-Notbremse sieht erneut verschiedene Einschränkungen des öffentlichen Lebens vor. Eins haben sie alle gemeinsam: sie sind an bestimmte Inzidenzwerte gekoppelt. Bei einer Corona-Inzidenz von über 100 wird es beispielsweise Ausgangssperren zwischen 22 und 5 Uhr geben.

Bei den Schließungen von Schulen sieht das Gesetz, welches am Donnerstag (22.04.2021) den Bundesrat passiert hat, einen Corona-Inzidenz-Wert von 165 vor. Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr kann die festgelegten Werte nicht nachvollziehen. Er kritisiert die Inzidenzen als Kriterium schon seit längerem.

Coronavirus: Virologe Klaus Stöhr kritisiert, dass im Notbremse-Gesetz der Bundesregierung der Inzidenzwert als einzige Grundlage für Corona-Regelungen herangezogen wird. (Archivbild)

Corona-Notbremse: Virologe kritisiert Inzidenz als einzigen Wert

Gelten sollen das neue Notbremsen-Gesetz bis zum 30.06.2021. Vor allem soll es zu einem bundesweit einheitlichen Vorgehen führen. Bisher haben die Länder weitgehend eigenständig Corona-Regelungen festgelegt und umgesetzt.

Name:Klaus Stöhr
Geboren: 1959
Posten: Ehemaliger Leiter des Globalen Influenza-Programms und Sars-Forschungskoordinator bei der WHO

Gegenüber bild.de äußerte sich der Virologe Klaus Stöhr kritisch zu der starren Orientierung an Corona-Inzidenz-Werten. Konkret zu dem Inzidenzwert für die Corona-Schließung an Schulen sagte Stöhr, das er sich nicht erklären könnte, woher die Zahl 165 komme. Er äußerte die Vermutung, dass wohl gehofft werde, dass diese Zahl nicht überschritten werde in der nächsten Zeit. Das hätte zur Folge, dass Schulen und Kitas geöffnet bleiben könnten.

Virologe zur Bekämpfung der Corona-Pandemie: Weitere Kriterien neben Inzidenz beachten

Generelle spricht sich der Virologe schon für Grenzwerte bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie aus. Es müsse jedoch darauf geachtet werden, welche Werte hierfür herangezogen werden. Folgende Kriterien müssten mit einbezogen werden:

  • Belegung der Intensivstationen
  • Sterberaten
  • R-Wert
  • Auslastung des Gesundheitssystems 

Der Wert der 7-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner darf laut dem Virologen nicht das einzige Kriterium für Corona-Maßnahmen sein. Laut dem Virologen sei dies vor dem Hintergrund der aktuellen Test-Strategie noch wichtiger als zuvor.

Mehr Tests helfen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie

Der Virologe Klaus Stöhr warnt davor, das eine Erhöhung der Corona-Tests keine negativen Konsequenzen für die Kommunen haben dürfe. Mehr Tests seien gut für die Bekämpfung der Pandemie, denn durch die vermehrten Tests werden mehr asymptomatische Fälle gefunden als zuvor. Doch hierdurch schnellt eben auch die Inzidenz in die Höhe.

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Dieses Phänomen wurde mittlerweile auch wissenschaftlich Untersucht und bestätigt. In Tübingen wurde bereits am 16. März 2021 ein Modellversuch gestartet. Hier galten einige Lockerungen, die ein negatives Corona-Test-Ergebnis voraussetzten. Hier durften beispielsweise Museen besucht werden. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt von der Uni Tübingen. Gegenüber bild.de gab der Infektiologe Prof. Peter Kremsner ein erstes Fazit bekannt: „Die vielen Schnelltests verzerren die offiziell angegebene Sieben-Tage-Inzidenz für Tübingen um 25 bis 50 Prozent nach oben. Je mehr getestet wird, desto mehr wird die offiziell berichtete Inzidenz hinaufgetrieben.“ (Lucas Maier)

Rubriklistenbild: © Imago

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