Epidemische Lage

Corona-Welle im Herbst – Virologe warnt: „Keine Zeit zum Experimentieren“

Virologe Hendrik Streeck
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Virologe Hendrik Streeck (Archivfoto)

Gesundheitsminister Jens Spahn will die „epidemische Lage“ beenden. Der Virologe Hendrik Streeck rät zu dieser Zeit von Experimenten ab.

Kassel – Mit Beginn der kalten Jahreszeit steigen die Corona-Fallzahlen wieder an. Nun beraten die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder über das weitere Vorgehen in der Pandemie. Diskutiert wird unter anderem, ob die epidemische Notlage von nationaler Tragweite am 25. November auslaufen, oder ob sie verlängert werden soll. Mit einem sogenannten „Freedom Day“ wäre das Ende der Notlage* allerdings nicht gleichzusetzen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich dafür ausgesprochen, die Feststellung einer epidemischen Lage nicht über dieses Datum hinaus fortzusetzen. Diese Feststellung ist die Grundlage für Verordnungen und zentrale Maßnahmen gegen Corona* in Deutschland. Zwar haben die sechzehn Länder auch die Möglichkeit, solche Maßnahmen über Beschlüsse ihrer Landesparlamente aufrechtzuerhalten. In den Ländern warnt man aber vor einem „Flickenteppich“ und damit verbundener mangelnder Akzeptanz. In Niedersachsen will Ministerpräsident Weil die Corona-Regeln beibehalten*.

Corona: Virologe Hendrik Streeck warnt – Pandemie nicht vorbei

In einem Interview am Freitag (22.10.2021) beim TV-Sender Welt erklärt Hendrik Streeck, was ein Ende der epidemischen Notlage nationaler Tragweite mit Hinsicht auf Corona-Maßnahmen bedeuten würde. Der Virologe erinnert: „Wenn das zurückgenommen wird oder ausläuft, bedeutet das nicht, dass die Pandemie vorbei ist und die Maßnahmen fallen. Es ist eigentlich nur, dass die Entscheidungen zurück in die Parlamente gehen – ins Bundesparlament, aber auch in die Länderparlamente. Zum Beispiel die Maskenpflicht, die 3G-Regel, und dass das Parlament darüber entscheidet, ob es angebracht ist oder nicht.“

Dieses System hätte einen entscheidenden Vorteil, meint Streeck im Welt-Interview. Die Entscheidungen würden demokratischer zustande kommen und seien keine reinen Verordnungen. Man könne dann auch länderspezifische Entscheidungen treffen, beispielsweise bei einem größeren Corona-Ausbruch in Bayern und vergleichsweise geringen Fallzahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Streeck mahnt erneut: „Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, zu glauben, die Pandemie ist vorbei.“

Prof. Dr. Hendrik StreeckVirologe
Geboren7. August 1977 in Göttingen
TätigkeitDirektor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn
EhrungenForschungspreis der Deutschen AIDS-Gesellschaft 2009

Der Virologe meint mit Hinblick auf die aktuelle Lage, dass jeder mit einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen im Herbst und Winter rechne. Man habe aber mittlerweile gelernt, mit dem Coronavirus umzugehen. Sowohl eine Impfung, als auch Masken, Abstand und Lüften würden helfen, das Virus einzudämmen. „Aber es ist in meinen Augen auch keine Zeit, in der man viel experimentieren sollte“, findet der Virologe. Er sehe Deutschland in einer Art Übergangszeit von Pandemie zur Endemie und befürworte derzeit auch das Zurücknehmen bestimmter Maßnahmen. Gleichzeitig mahnt er dazu, schnell und agil zu sein, sollten die Fallzahlen zu deutlich ansteigen. Den Kampf gegen Corona vergleich er mit einem „Ping-Pong-Spiel“.

Corona: Hendrik Streeck erwartet deutlichen Anstieg der Fallzahlen im Herbst und Winter

Hendrik Streeck rät älteren, vorerkrankten und weiteren anfälligen Menschen zu einer dritten Impfung, mit „auffrischender“ Wirkung, und spricht sich dafür aus, sich in diesem Herbst und Winter vor allem um Pflegeheime zu kümmern – mit Maskenpflicht und regelmäßigen Tests. Die Schwere der Pandemie, gemessen an der Auslastung der Intensivstationen, werde sich erneut an solchen Orten entscheiden.

Ob eine neu auftretende Variante des Coronavirus* den Pandemie-Verlauf noch einmal entscheidend beeinflussen kann, diese Frage müssten Virologen und Epidemiologen noch klären. Vor allem müsste der Zusammenhang zwischen steigenden Fallzahlen und der Variante ermittelt werden, so Hendrik Streeck. (lrg/dpa) *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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