Gender Pricing

Darf's ein bisschen teurer sein?: Frauen zahlen für gleiche Produkte oft mehr

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Wenn zwei das Gleiche wollen, ist es lange nicht dasselbe: Für den Friseurbesuch bezahlen weibliche Kunden bis zu 71 Prozent mehr als Männer.

Kassel. Rasierschaum in der rosa Dose ist fast doppelt so teuer wie der in der blauen: Hersteller und Handel nutzen das unterschiedliche Einkaufsverhalten der Geschlechter oft aus.

Blau für Jungs, Rosa für Mädchen - das klappt auch bei Erwachsenen. Für Drogeriemärkte kann sich das Farbschema in barer Münze auszahlen. Bei der Drogerie-Kette Rossmann zum Beispiel sind die Einwegrasierer „Isana“ für Männer und Frauen identisch - mit Ausnahme von Farbe und Preis. Die Rasierer für Männer sind blau, die für Frauen rosa und außerdem 25 Prozent teurer.

Ein Zufall? „Nein“, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Es ist aus Studien bekannt, dass Frauen eher auf die Aufmachung eines Produkts reagieren und auch eher bereit sind, mehr Geld auszugeben. Und das wird schamlos ausgenutzt.“

Für Frauen 88 Prozent teurer 

Unter diesem Aspekt hat Valet für die Verbraucherzentrale Produkte und Dienstleistungen geprüft und Preisunterschiede von bis zu 70 Prozent festgestellt, in Einzelfällen noch mehr. So kostet der Rasierschaum „Isana sensitive“ von Rossmann in der Männer-Version 32 Cent pro 100 Milliliter. Der Schaum für Frauen ist nahezu identisch zusammengesetzt, kostet aber 59 Cent je 100 Milliliter - ein Aufschlag von 88 Prozent.

Diese Art der geschlechtsspezifischen Preisgestaltung nennen Marketing-Experten „Gender Pricing“. Eine Diskriminierung über den Preis sei verboten, sagt Verbraucherschützer Valet. Im Einzelfall sei Gender Pricing nicht angreifbar, weil sich die Produkte in Details unterscheiden könnten. Grundsätzlich sei aber bekannt, dass Frauen in Geschäften freigiebiger seien, während Männer den Einkauf schneller abhandelten. „Wir glauben, dass das der Hintergrund ist und möchten die Verbraucher darauf aufmerksam machen“, sagt Valet.

Der Verbraucherschützer weiß, dass Handel und Hersteller sich gegenseitig in die Pflicht für die Preisgestaltung nehmen. „Da wird der Schwarze Peter hin- und hergeschoben“, sagt Valet. Tatsächlich sieht der Hersteller Beiersdorf die unterschiedlichen Preise für eine Nivea-Augenpflege in der Verantwortung des Handels. Der Augen-Roll-on-Stift „Nivea Men Skin Energy“ kostet 6,79 Euro, die fast identische Frauenvariante „Nivea Q10 plus Energy“ in gleicher Größe 9,99 Euro - ein Aufschlag von 47 Prozent. Beide Produkte hätten eine unverbindliche Preisempfehlung von 9,99 Euro, sagt eine Beiersdorf-Sprecherin: „Zu welchen Preisen die Produkte tatsächlich angeboten werden, liegt jedoch in der freien Preisgestaltung des Handels.“

Bei Rossmann betont Unternehmenssprecher Stephan-Thomas Klose die Wahlfreiheit des Verbrauchers. „Niemand hindert Frauen daran, auch mal Männerprodukte zu kaufen, wenn sie denn tatsächlich günstiger sein sollten als vergleichbare Frauenprodukte“, sagt Klose. Im Übrigen würden bei Rossmann sowieso überwiegend Frauen einkaufen. „Da muss man die Männer manchmal mit einer kleinen Preis-Aktion locken.“

Frauen zahlen mehr - meistens

Bei Parfum zahlen Frauen durchschnittlich ein Drittel mehr, in Reinigungen (Hemd 1,80 Euro/Bluse 3,30 Euro) bis zu 50 Prozent mehr, beim Friseur kann der Aufschlag 70 Prozent erreichen. Beispiele:

Der Rasierer „Wilkinson Sword Quattro“, gekauft in einem real-Supermarkt. Für Männer vier Stück in mittelblauer Packung (Foto), Preis: 7,99 Euro; für Frauen drei Stück in hellblauer Packung, Preis: 8,49 Euro. Aufschlag: 42 Prozent.

Für Friseure hat die Verbraucherzentrale ermittelt: Waschen, Schneiden, Föhnen, Pflegen und Stylen für Männer: 28 Euro; für Frauen 40 bis 48 Euro. Frauenaufschlag je nach Salon: 16 bis 71 Prozent.

Kfz-Versicherungen sind für Männer teurer, weil sie statistisch gesehen mehr Auto fahren und häufiger in Unfälle verwickelt sind. Auch Diskotheken und Clubs bitten Männer häufiger zur Kasse als Frauen. Sie bieten für weibliche Gäste Aktionen mit freiem Eintritt an.

Die Studie der Verbraucherzentrale gibt es hier.

Das sagt die Friseurinnung

Zu den unterschiedlichen Preisen für Männer und Frauen beim Friseurbesuch merkt Alexandra Kaske-Diekmann (Kassel), Obermeisterin der Friseurinnung Nordhessen, an, dass der Zeit- und Beratungsaufwand bei weiblichen Kunden meist deutlich höher sei. „Bei Männern ist man meist schneller fertig als bei Frauen“, sagt sie. Auch die Haarlänge des Kunden spiele eine Rolle. So seien auch Kurzhaarschnitte bei Frauen an sich meist länger gehalten als solche bei Männern und deswegen aufwändiger.

Die Verbraucherzentrale Hamburg empfiehlt, bei Friseuren auf Unisex-Tarife zu achten.

Hintergrund: In Kalifornien per Gesetz verboten

In den US-Bundesstaaten Kalifornien und New York ist Gender Pricing per Gesetz verboten. In Frankreich wird über ein solches Verbot diskutiert. Verbraucherschützer Armin Valet findet eine gesetzlichen Regelung „schwierig, weil sie unterlaufen werden kann“. Besser sei es, die Verbraucher zu sensibilisieren, auf die Preisgebung zu achten.

Für die USA haben Finanzexperten errechnet, dass Frauen in einem Jahr rund 1150 Euro mehr ausgeben müssen.

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