Protestforscher Simon Teune im Interview zu den alljährlichen Mai-Krawallen in Berlin

„Das ist Anarchie mit Ansage“

Herr Teune, in Berlin gibt es Stadtführungen zum Thema „brennende Autos und fliegende Pflastersteine“. Ist der 1. Mai genauso Pop wie Protest?

Simon Teune: Ja, das war er in den letzten 20 Jahren immer. Das Spektakel 1. Mai funktioniert nur, weil es enorme mediale Aufmerksamkeit gibt. Die Idee, dass die herrschende Ordnung außer Kraft gesetzt wird, entfaltet eine Faszinination. Aber sie ist auch Fiktion, denn das passiert nur in einem sehr begrenzten Rahmen, also in ein paar Straßenzügen in Berlin und nur für ein paar Stunden.

Die Polizei hält die Bedrohung aber für durchaus real. Sind Tote am 1. Mai ein realistisches Szenario?

Teune: Die Hysterie im Vorfeld ist Teil des Rituals. In jedem Jahr gibt es Superlative und die Spekulation, wie schlimm es werden könnte, trägt zur Eskalation bei. Es ist wahr, dass die Randale im letzten Jahr heftiger war als in den Jahren zuvor. Aber verlässlich voraussagen was passiert, kann man einfach nicht.

Die Politik diskutiert gerade über härtere Strafen für Gewalt gegen Polizisten. Schreckt das irgendjemanden ab?

Teune: Auch jetzt schon hat man empfindliche Strafen zu befürchten, wenn man einen Polizisten angreift. Deshalb glaube ich, dass die Diskussion eine Scheindebatte ist, die die Fronten noch verhärtet. Es ist ein Irrglaube, dass man den 1. Mai mit härteren Strafen befrieden kann.

Sind die Randalierer gewaltbereiter als früher?

Teune: Es gibt sicher einen kleinen Teil der linksradikalen Szene, der gewaltbereiter ist. Diese Demonstranten haben sich vielleicht noch radikalisiert, seit sich große Teile der Szene von der ritualisierten Konfrontation mit der Polizei abgewandt haben. Viele der Gruppen, die man gern für Randale verantwortlich macht, sagen dieses Jahr ganz klar, dass von ihnen keine Eskalation ausgehen wird, wenn sie den Aufmarsch von rechtsradikalen blockieren.

Oft ist pauschal von „den Linken“ oder „den Autonomen“ die Rede. Wer randaliert denn eigentlich?

Teune: Das ist unterschiedlich, denn „die Linken“ gibt es nicht. In den letzten Jahren waren die meisten der Festgenommenen Jugendliche, die Spaß an den Krawallen hatten und den Nervenkitzel gesucht haben. Und den politischen Demonstranten geht ja nicht in erster Linie darum, Menschen zu verletzen, sondern darum, ein Symbol zu setzen. Die Proteste sollen ausdrücken: „Wir lassen uns nicht beherrschen, wir lehnen dieses System ab.“

Inzwischen brennen in Berlin das ganze Jahr über Autos. Warum ist die Hauptstadt das Zentrum der Randale?

Teune: Ich wäre vorsichtig, jedes brennende Auto als linkse Gewalt zu werten. Das kann niemand genau sagen, weil es meist keine Bekennerschreiben gibt. Aber in Berlin gibt es viele, die sich der „Aufhübschung“ der Mitte widersetzen wollen. Sozial Schwächere sehen sich an den Rand der Stadt gedrängt. Und in Berlin gibt es die Tradition der Mai-Krawalle, an die man anknüpfen kann. Es herrscht Anarchie mit Ansage. In Hamburg gibt es dasselbe Phänomen abgeschwächt im Schanzenviertel.

Ist der Mai-Protest abhängig von der aktuellen politischen Situation? Es gäbe ja genug Anlass, um unzufrieden zu sein.

Teune: Es hat sich gezeigt, dass Krise und Sozialabbau die Betroffenen kaum auf die Straße treiben. Aber die Wahrnehmung, dass die Ungerechtigkeit zunimmt, kann zur Eskalation der Proteste führen.

Am Samstag wird es neben traditionellen Gewerkschaftskundgebungen und linken Protesten auch Neonazi-Aufmärsche geben. Warum wird gerade der 1. Mai von allen instrumentalisiert?

Teune: Der 1. Mai ist ein regelmäßiger Termin, um zu aktuellen Themen Stellung zu beziehen. Rechte versuchen, diese Tradition für sich zu nutzen. Sie wollen sich als die wirklichen Vertreter der Arbeitnehmer in Szene setzen. Für die radikale Linke ist der 1. Mai ein Mythos geworden, seit sich die Polizei 1987 aus Kreuzberg zurückziehen musste. Dieser Mythos setzt die Demonstranten unter Wiederholungszwang.

Von Saskia Trebing

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