Interview: Reinhard Berger sieht Denglisch als sprachliches Imponiergehabe

Deutsche Sprache soll in die Verfassung: Interview-  Denglisch als sprachliches Imponiergehabe

Kassel. Wohl kein anderer Redakteur unserer Zeitung hat über das Englische im Deutschen (Denglisch) so viel geschrieben wie  Reinhard Berger in seiner Schlauberger-Kolumne. HNA-Politikchef Tibor Pézsa hat ihn dazu interviewt:

Macht es Sie nachdenklich, wenn Ihnen eine Verkäuferin „Multi Count Jeans“ in „Fancy Stripe Optik“ anbietet?

Reinhard Berger: Nachdenklich? Nö.

Warum nicht?

Berger: Weil ich den Hintergrund kenne.

Der da wäre?

Berger: Es ist reine Imponiersprache. Wir wollen einfach wichtig sein.

Durch falsches Deutsch?
Reinhard Berger

Berger: Das frage ich mich auch die ganze Zeit. Offenbar funktioniert es aber. Sonst täten es die Menschen nicht. Am Stammtisch wird bezeichnenderweise kein Denglisch gesprochen. Wer sich dieses Jargons bedient, will sich von anderen abheben. Oder Ihnen was unterjubeln.

Nimmt das eigentlich zu?

Berger: Die Menschen, die wichtig sein wollen, werden mehr. Zum Beispiel fuhr vorhin ein Kleinlaster vor mir her, da stand hinten exakt dieses drauf: „Food ist unser Business.“ Wenn da stehen würde: „Nahrung ist mein Geschäft“ würde ich wahrscheinlich gar nicht hingucken. Denglisch ist vom Inhalt her betrachtet meistens nur doof.

Trotzdem sieht man es überall.

Berger: Das stimmt. Es hat ja auch einen sehr hohen Unterhaltungswert. Es sind ja nicht nur Floskeln wie „in 2008“ statt einfach nur das Jahr zu nennen. Oder „einmal mehr“ zu sagen, statt „wieder“. Auch unsere Sätze bauen wir schon nach englischem Muster. Zum Beispiel unsere kausalen Nebensätze. Wir sagen: „Weil das macht Sinn.“ Früher hätte es geheißen: „... weil es sinnvoll ist“.

Wahrscheinlich kommen wir doch heute gar nicht mehr um manche englische Wörter herum, oder?

Berger: Glaube ich nicht. Man kann sie alle meistens schnell, einfach und gut durch verständlichere und damit ehrlichere Wörter übersetzen. Denglisch ist Angeberei hoch drei. Bei mir fällt das in die Kategorie Geschwurbel. Wie damals bei dem Projekt „Future Garden“ in der nordhessischen Kurgemeinde Bad Zwesten. Das war ein Wald im Wald. Steuergeld, na logo. Das ging dann „in the trousers“. Oder dieses Schild am Twistesee: „Coffee to go, jetzt auch zum Mitnehmen.“ Ziemlich witzig, oder?

Von Tibor Pézsa 

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