„Das ist eine Placebo-Debatte"

Fahrradclub-Chef Stork fordert neue Verkehrskonzepte statt Helmzwang

Fahrradfahrer haben bei unverschuldeten Unfällen auch dann Anspruch auf vollen Schadenersatz, wenn sie keinen Helm getragen haben. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub hält eine Helmpflicht sogar für schädlich. Geschäftsführer Burkhard Stork erklärt im Interview die Gründe dafür.

Herr Stork, seit Jahren spricht sich der ADFC gegen die Helmpflicht aus. Wieso? 

Burkhard Stork: Wir wollen, dass mehr Menschen Fahrrad fahren. Und wir sind überzeugt davon, dass Fahrradfahren sicher ist. Eine Helmpflicht hilft uns nicht weiter.

Eine Helmpflicht würde also zu einem Rückgang der Radfahrerzahlen führen? 

Stork: Das befürchten wir. Es gibt Beispiele aus den USA und Australien, wo dies so eingetreten ist. Allerdings: Wir sind nicht gegen den Helm. Wer sich damit sicherer fühlt, soll ihn tragen. Man soll aber selbst entscheiden können.

In der Abwägung zwischen Verkehrssicherheit und Wahlfreiheit ist Ihnen die Freiheit also wichtiger? 

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Stork: Nein. Verkehrssicherheit heißt in erster Linie, Unfälle zu verhindern. Und das kann ein Helm nicht leisten. Scharf formuliert: Wir führen gerade wieder eine Placebo-Debatte. Denn Unfälle können nur durch bessere Verkehrskonzepte verhindert werden. Ein Schutzhelm kann zwar in wenigen Fällen vor noch schlimmeren Verletzungen schützen. Aber er macht den Verkehr nicht sicherer.

In früheren Interviews haben Sie von der „volkswirtschaftlichen Bedeutung“ des Fahrrads gesprochen. Sehen Sie diese durch einen Helmzwang gefährdet? 

Stork: Absolut. Denn gefährlicher als das Fahrradfahren ist es, nicht Fahrrad zu fahren. Bewegungsmangel ist unser großes Problem in Deutschland: volkswirtschaftlich und gesundheitlich. Adipositas und Diabetes nehmen rapide zu. Je weniger Menschen Fahrrad fahren, desto teurer wird es für uns alle.

In Österreich gibt es eine Helmpflicht für Kinder bis zu zwölf Jahren. Kann dies kein Beispiel für Deutschland sein? 

Stork: Die Österreicher haben aus ihrer Helmpflicht-Regelung die Haftung herausgenommen - also genau die Frage, um die es im aktuellen Fall vor dem Bundesgericht ging. Das heißt: Kinder, die einen Unfall ohne Schutzhelm verursachen, sind in Österreich ganz bewusst von einer Haftung ausgeschlossen. Die Haftungsfrage ist in Österreich also auch nicht geregelt worden.

Mittlerweile wird seit 40 Jahren über die Helmpflicht gestritten. Hat sich die Debatte irgendwie weiterentwickelt? 

Burkhard Storck ist Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs.

Stork: Diese Debatte nervt. Es ist mein Eindruck, dass wir seit jeher ständig über die gleichen Fragen streiten. Die Helme haben sich nicht besonders weiterentwickelt. Und leider hat sich auch die Verkehrsstruktur der Städte nicht verändert: also der Platz, den man dem Radverkehr gibt, die Geschwindigkeits-Beschränkungen und die Verkehrsführung. Wir müssen mehr darüber reden, dass Radfahren in unseren Städten kein Problem ist, sondern eine Lösung. Also etwas, das man fördern muss, anstatt nur damit umzugehen. Frankfurt ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine Stadt so wieder lebenswert geworden ist.

Zur Person

Burkhard Stork ist Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs. Der 41-jährige Münsteraner lebt in Berlin. Er studierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Auf Radtouren der Familie Stork gilt eine private Helmpflicht.

Von Jan Schumann

Rubriklistenbild: © dpa

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