VdK-Sprecher: Zahl der Menschen wird sich verdoppeln

Interview zur Altersarmut: „Das ist eine soziale Zeitbombe“

Frankfurt. Der VdK-Landesverband Hessen warnt vor Massenarmut im Alter. Sein Sprecher Philipp Stielow erläutert, warum.

Herr Stielow, wie kommen Sie darauf, dass die Altersarmut dramatisch ansteigt?

Stielow: Nach einem von uns in Auftrag gegebenen Gutachten wird sich die Zahl der Menschen in Hessen, die Grundsicherung im Alter bekommen, von 36 000 im Jahr 2008 bis 2020 auf 68 000 fast verdoppeln.

Was ist die Ursache?

Stielow: Schon heute müssen Durchschnittsverdiener knapp 40 Jahre arbeiten, damit ihre Rente 2020 an die Armutsschwelle heranreicht. Das sind heute 925 Euro, 2020 werden es circa 1194 Euro sein. Auf Grundsicherung angewiesen sein werden dann viele der Menschen, die heute Hartz IV beziehen oder im Niedriglohnsektor beschäftigt sind. Das sind derzeit 600 000 Menschen in Hessen.

Niedriglohn reicht nicht aus für die Rente?

Stielow: Ein Geringverdiener würde 50 Beitragsjahre brauchen, um 2020 an die Armutsschwelle zu kommen. Aber auch viele Alleinerziehende und Menschen, die ihre Arbeit verlieren, haben kaum eine Chance, darüber zu kommen. Durch die Erhöhung des Rentenalters und das Absenken der gesetzlichen Rente werden auch Normalverdiener Probleme bekommen.

Aber es ist doch nichts Neues, dass man privat vorsorgen soll.

Stielow: Das ist bei Geringverdienern eine geradezu zynische Forderung. Sie haben kein Geld für Vorsorge. Und wenn sie etwas sparen können, wird es ihnen bei der Grundsicherung wieder angerechnet, weil die wie Hartz IV staatlich finanziert wird. Sie bleiben in der Armutsfalle.

Sie sprechen von Massenarmut, ist das nicht übertrieben?

Stielow: Nein, wir meinen das ernst. Der heutigen Rentnergeneration geht es noch vergleichsweise gut, weil früher Zeiten der Erwerbslosigkeit stärker angerechnet wurden. Heute sind diejenigen die Dummen, die ihre Arbeit verloren haben, Kinder erziehen oder alte Menschen pflegen und deswegen zu wenig Beitragsjahre haben.

Was fordern Sie?

Stielow: Zunächst soll die Politik das Problem als soziale Zeitbombe erkennen. Menschen, die arbeiten, müssen eine gesetzliche Rente deutlich über der Grundsicherung bekommen. Die Menschen fragen sich doch sonst, warum sie überhaupt Beiträge zahlen.

Aber wenn immer weniger Beschäftigte für immer mehr Rentner aufkommen müssen, funktioniert das System dann noch?

Stielow: Das ist doch ein Totschlagargument. Zum einen sind die Rentenkassen derzeit übervoll. Zum anderen müssen wir an mehreren Stellschrauben drehen: Der Rentenbeitrag könnte noch um einen Prozentpunkt erhöht werden und man müsste die Zahl der Beitragszahler erhöhen.

Also zum Beispiel auch die Selbstständigen einbeziehen?

Stielow: Ja. Wenn ein kleiner Selbstständiger insolvent wird und nicht ausreichend vorsorgen konnte, landet er im Alter schnell bei der Grundsicherung.

Haben Sie den Eindruck, es bewegt sich was?

Stielow: Leider nicht. Egal, welche Regierung wir in den letzten 15 Jahren gehabt haben, das System der umlagenfinanzierten Rente wird ohne Not an die Wand gefahren.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Zur Person

Philipp Stielow (43) ist Referatsleiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit des VdK-Landesverbandes Hessen. Stielow wurde in Kassel geboren, wuchs in Marburg und Frankfurt auf. Er studierte Geschichte, Sozialwissenschaften und Politik. Vor drei Jahren übernahm er die Sprecherfunktion. Stielow lebt mit Frau und Kind in Frankfurt.

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