„Das hört lange nicht auf“

+
Warten auf die Deportation: In Prag internierte Sudetendeutsche im Juli 1945 - darunter ein Mann, dessen Mantel mit einem weißen Hakenkreuz beschmiert wurde. Frauen hat man Hakenkreuze auf die Stirn gemalt.

Am Sonntag findet in Augsburg wieder das Pfingsttreffen der Sudetendeutschen statt. Wie kann es sein, dass es auch 70 Jahre nach Kriegsende immer noch Vertriebene gibt? Darüber sprach HNA-Nchrichtenchef Tibor Pézsa mit der Buchautorin Sabine Bode.

Frau Bode, kann man eigentlich als Vertriebener geboren werden? Hört denn dieses Flucht- und Vertreibungsthema nie auf? 

Bode: Solche katastrophalen Erlebnisse hören nicht einfach auf. Das ist Teil der Identität, in Familien und kollektiv. Natürlich werden die Nachkommen nicht als Vertriebene geboren. Aber sie sind nun mal Nachkommen von Vertriebenen. Wir alle sind ja nicht nur die Summe unserer individuellen Erfahrungen. Auch die einschneidenden Erfahrungen unserer Vorfahren, sei es im Guten wie im Schlechten, wirken auf uns ein. Die massenhafte Erfahrung von Flucht und Vertreibung von vor 70 Jahren gehört sicher dazu. Das hört lange nicht auf.

Also sehen Sie den Bund der Vertriebenen auch heute noch als berechtigt an? 

Bode: Ja. Der BdV hat in seiner Geschichte schon viele Wendungen erlebt. Heute wird er ja nicht mehr von der Generation geleitet, die das Geschehen am eigenen Leib erlebt hat. Der BdV hilft zweifach. Das eine ist die Erinnerung: Wo kommen wir her? Was ist unsere Geschichte, unsere Tradition? Denken Sie etwa an den ostpreußischen Dialekt, der im Verschwinden begriffen ist. Das mag nicht als schwerwiegend erscheinen. Aber es ist ein Verlust, wenn man einen Teil seiner Wurzeln derartig verliert.

Und das zweite? 

Bode: Viele BdV-Mitglieder, gerade auch die jüngeren, haben gute Kontakte nach Osteuropa. Sie sind diejenigen, die durch ihre privaten Kontakte - ausgelöst durch ihre Familiengeschichten - die Europäische Union und ihre Osterweiterung mit guten Begegnungen und Absichten füllen. Da wird etwa für eine Kirchenrenovierung gespendet, oder es werden Jugendbegegnungen organisiert. Da entstehen Freundschaften. Das hat mit Revisionismus nichts mehr zu tun.

Auch weil die meisten direkt Betroffenen heute nicht mehr leben? 

Bode: Wenn sie deren Kinder befragen, dann hören Sie: Viele ihrer Eltern sind niemals in ihrer neuen Heimat im Westen oder in der DDR angekommen. Das blieb eine Wunde in der Seele. Und der Verlust an Sicherheit und Vertrautheit betraf auch die Kinder. Und noch eine Generation weiter hatte es dann mit Eltern und Großeltern zu tun, die von diesen Erfahrungen ganz entscheidend geprägt worden waren, aber nie oder fast nie darüber gesprochen haben.

Aber gab es nicht umgekehrt auch Vertriebenenfamilien, wo die Erinnerung bewusst sehr wach gehalten wurde? 

Bode: Ja, das war das andere Extrem. Das war dann für die Kinder eine enorme Belastung, wenn sie mit Schreckensgeschichten geradezu überschüttet wurden. Die Behauptung jedenfalls, die Vertreibung beträfe nur jene Personen, die selbst vertrieben worden sind, stimmt einfach nicht. Das ist Teil unserer Geschichte, genauso wie der Nationalsozialismus, die DDR und das Bismarckreich.

Politisch wurde das Vertriebenen-Thema ja unter größten Anstrengungen und mit viel Widerspruch erledigt - durch die Ostpolitik Willy Brandts, die faktische Anerkennung der neuen deutsche Ostgrenze seit 1970 und schließlich durch den Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990. 

Bode: Ja, das waren Vernunftentscheidungen. Aber das seelische Erleben war und ist etwas ganz anderes. Auf dieser Ebene wurde wohl das meiste auf privaten Reisen in den Osten abgearbeitet. Das taten zunächst viele Betroffene der ersten Generation. Dann aber auch Eltern mit ihren Kindern, die an die Orte ihrer Herkunft reisten. Oft spürten die Jüngeren dann im Osten zum ersten Mal: Das ist ja ein Teil von mir. Manchmal fahren auch nur die Kinder oder Enkel an die Orte ihrer Vorfahren und tauschen sich dann aus.

In Polen könnten sie dann mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auf polnische Vertriebene treffen... 

Bode: Ja, natürlich: Polen, die aus Ostpolen vertrieben wurden. Da gibt es wunderbare Geschichten von Begegnungen und auch deutsch-polnische Freundschaften, über die man leider nur wenig liest.

Das heißt, dass Menschen mit ähnlichen Familienerfahrungen sich auf eine Weise nah sein können, die man vor allem aus ihren Geschichten verstehen kann? 

Bode: Ja. Leider ist es aber auch ein Teil unserer Geschichte, dass viele Menschen gegenüber ihren Familienerfahrungen selbst so geschichtslos geworden sind. Cicero hat geschrieben: Nicht zu wissen, was vor der eigenen Geburt geschehen ist, heisst immer ein Kind zu bleiben. So sehe ich es auch.

Was verbindet das Schicksal der deutschen Flüchtlinge vor 70 Jahren mit dem der heutigen Flüchtlinge aus Afrika und Nahost? 

Bode: Dass beide dasselbe gebraucht haben und brauchen: Sie müssen sich willkommen fühlen. Nur dann kann sich dieses Bedrohungsgefühl allmählich setzen. Nur dann merkt man allmählich: Die Gefahr ist vorbei. Ich kann mich jetzt darum kümmern, in diesem Land irgendwie anzukommen, so schwierig es auch ist. Je eher Flüchtlinge sich willkommen fühlen, desto eher öffnen sie sich für Beratung und Hilfe. Das hat früher oft gefehlt. Damals waren ja alle überfordert. Aber auch damals galten die Flüchtlinge als völlig Fremde. Die sind teilweise gefragt worden, ob sie da, wo sie herkommen, überhaupt in Betten geschlafen haben.

Wieviele Generationen müssen vergehen, bis eine Familie wieder neue Heimat gefunden hat? 

Bode: Die erste Generation bringt jedes Opfer dafür, dass es ihren Kindern besser geht als ihr selbst. Die zweite Generation kommt an, und in der dritten Generation sind die jungen Männer und Frauen dann weitgehend integriert. Das sehen Sie ja zum Beispiel auch an Türken, die zunächst aus einem uns fremden Kulturkreis hierher gekommen sind.

Zur Person

Sabine Bode (68), in der Magdeburger Börde geboren, aufgewachsen im Rheinland, lebt heute mit ihrem Mann in Köln. Die einstige Redakteurin beim Kölner Stadt-Anzeiger arbeitet seit 1978 freiberuflich als Journalistin und Buchautorin. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde sie mit ihren Büchern über "Kriegskinder" und "Kriegsenkel". (tpa) www.sabine-bode-koeln.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.