Interview

Israels Ex-Botschafter Avi Primor: „Das ist ein neues Deutschland“

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Im Interview lobt Israels Ex-Botschafter Avi Primor die Hilfsbereitschaft in der Flüchtlingskrise. In den 90er-Jahren war Primor Israels Botschafter in Deutschland. Am Sonntag erhält er den Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“. Aus diesem Anlass sprachen mit ihm über Deutschland, die Flüchtlingskrise und seine Heimat Israel.

Sie sind seit vielen Jahren ein kritischer, aber auch wohlwollender Beobachter Deutschlands. Wenn Sie sich das Flüchtlingsdrama der vergangenen Wochen und die Haltung der Deutschen anschauen - sind Sie überrascht?

Avi Primor: Ich erlebe die Deutschen in diesen Tagen so, wie ich sie über all die Jahre vorher kennengelernt habe.

Ich hoffe, Sie meinen nicht die Rassisten und Hetzer?

Primor: Nein, extremistische Minderheiten gibt es auch in anderen europäischen Ländern, da sitzen sie sogar in größerer Zahl in vielen Parlamenten. In Deutschland sind sie auch kein reines Problem des Ostens. Dort verschärft es sich nur, weil den Menschen 40 Jahre wirkliche demokratische Erziehung fehlt. Nein, beeindruckt bin ich von der Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit der Deutschen in diesen Tagen.

Woher kommt diese Hilfsbereitschaft in einem Land, da man an vielen Behördenschaltern, Ladenkassen und im Straßenverkehr nicht immer auf Höflichkeit und Hilfsbereitschaft stößt?

Primor: Niemand ist perfekt, und die Deutschen sind eben auch nur Menschen und keine Götter. Aber Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit rühren meines Erachtens doch aus einer humanistischen Grundhaltung der meisten Deutschen. Wenn es noch eines letzten Beweises bedurft hätte, dass es ein neues Deutschland nach der Nazizeit gibt, dann wird er in diesen Tagen angetreten.

Trägt die Welle der Hilfsbereitschaft aber nicht doch auch naive, romantische Züge? Berauscht sich Deutschland nicht gerade an sich selbst nach dem Motto „Seid umschlungen, Millionen“?

Primor: Die Erkenntnis, dass man angesichts des demografischen Wandels - in Deutschland werden einfach zu wenig Kinder geboren - vor allem auch Zuwanderung braucht, ist ja keine naive Vorstellung, sondern eine rationale Überlegung. Deutschland braucht qualifizierte Arbeitskräfte, darf sich aber auch nicht übernehmen.

Sie meinen die Dimension des Flüchtlingsproblems?

Primor: Ja. Allein im Nahen Osten leben zig Millionen Menschen, die vor Bürgerkrieg und Chaos lieber heute als morgen fliehen würden, um in Europa und speziell in Deutschland einen Neuanfang zu wagen. Deutschland sollte sich und anderen deshalb rechtzeitig klarmachen, dass nicht alle Flüchtlinge aufgenommen werden können. Das ist wirtschaftlich und technisch nicht möglich.

Wir haben mit Hilfsbereitschaft und Willkommenskultur die eher schönen Seiten gesehen, aber Bürger und Politiker, die in diesen Tagen mit Optimismus Probleme angehen, müssen sich auch darauf vorbereiten, dass das nicht unbegrenzt weitergehen kann.

Während viele Deutsche laut Umfragen derzeit kaum Angst vor den großen Herausforderungen des Flüchtlingsproblems haben, scheint mir Israel von Angst geleitet zu sein, wenn es an seine Zukunft denkt. Stimmt dieser Eindruck?

Primor: Ja. Dabei handelt es sich aber um ein widersprüchliches Mentalitätsphänomen. Dass die Juden nach Nazizeit und Holocaust ängstlich waren, liegt auf der Hand. Und sie waren es natürlich immer noch, als der Staat Israel gegründet wurde und sich gegen seine arabischen Nachbarn wehren musste. Dass Angst und Unsicherheit aber heute noch die Israelis und ihre Politik beherrschen, ist absurd.

Warum?

Primor: Weil wir - nicht nur im Vergleich zu unseren Nachbarn - wirtschaftlich und technologisch hochmodern und fortschrittlich sind. Weil wir zudem militärisch hervorragend aufgestellt sind und aus den USA modernste Waffen bekommen, wenn wir sie notfalls brauchen. Wenn die Israelis aber an die Wahlurnen gerufen werden, wählen sie aus Angst. Sie stimmen für Politiker, die auf Abschottung und Konfrontation setzten statt auf Offenheit und Dialog.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Primor: Vielleicht hat es mit Psychologie zu tun, von der ich aber nichts verstehe. Ich sehe jedoch, dass diese Mentalität auch Ergebnis von Propaganda des rechten und rechtsextremistischen Lagers ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Primor: Einen Tag vor der letzten Parlamentswahl im Mai hielt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine Rede, in der er von einer Bedrohung durch die Minderheit der israelischen Araber sprach, eine Bevölkerungsgruppe, die nun wirklich keine Gefahr darstellt. Meinungsforscher sagen, dass diese Hetze Netanjahus kurz vor der Wahl ihm fünf seiner dann 30 Mandate gebracht hat. Seine neue Regierung wird den Friedensprozess nur schwer wieder in Gang bringen können.

Kann die Initiative dazu nur von Israel ausgehen?

Primor: Sie muss immer vom Stärkeren ausgehen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass auch die meisten Palästinenser mit uns in Frieden leben wollen. Aber unsere jetzige Regierung ist davon nicht begeistert.

Zur Person:

Avraham „Avi“ Primor (80), in Tel Aviv geboren, war von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland. Seine Mutter emigrierte 1932 von Frankfurt nach Palästina - ihre gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet. Sein Vater stammte aus den Niederlanden. Primor studierte Politik und Internationale Beziehungen in Jerusalem, New York und Paris. Der verheiratete Vater von drei Kindern war in vielen Funktionen für den diplomatischen Dienst Israels tätig und Vizepräsident der Universitäten Jerusalem und Tel Aviv. Der begeisterte Reiter ist Autor mehrerer Bücher (zuletzt die Autobiographie „Nichts ist jemals vollendet“, Quadriga-Verlag).

Stichwort: Glas der Vernunft

Der Preis „Das Glas der Vernunft“ wurde 1990 von Bürgern der Stadt Kassel und der Region gestiftet. Anlass war der Fall der Mauer am 9. November 1989, der schließlich ein Jahr später in die Wiedervereinigung Deutschlands mündete. Mit dem Bürgerpreis soll bewusst gemacht werden, dass mit Vernunft und Toleranz ideologische und religiöse Schranken überwunden werden können. Erster Preisträger war der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Der Preis besteht aus einer Urkunde, einer von dem Kunstprofessor und documenta-Künstler Karl Oskar Blase entworfenen Skulptur mit einem Prisma (dem analytischen Glas der Aufklärung) und einem Geldpreis von 10 000 Euro.

www.glas-der-vernunft.de

Von Wolfgang Blieffert

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