Interview zum Freikauf von Geiseln vom IS: „Schmutziges Geschäft“

Mit dem Leben davongekommen: Eine Jesidin aus dem Nordirak mit ihren Kindern auf der griechischen Insel Lesbos, wo sie nach der Flucht durch die Türkei und der Überfahrt über die Ägäis gelandet ist. Das Foto entstand am 13. November dieses Jahres. Foto:  afp

Lösegelderpressung gehört zu den Einnahmequellen der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Im Irak hat der IS 5000 jesidische Frauen als Geiseln genommen. Holger Geisler vom Zentralrat der Jesiden in Deutschland erklärt, wie Freikäufe vonstatten gehen.

Was genau stört den Islamischen Staat (IS) an Jesiden? 

Holger Geisler: Das Jesidentum ist eine über 4000 Jahre alte, monotheistische Religion. Sie ist mündlich überliefert, hat also kein Buch. Damit ist das Jesidentum aus Sicht der selbsternannten Gotteskrieger des IS auf der Liste der Ungläubigen noch weiter unten als abtrünnige Muslime oder Christen.

Bei seinem Vormarsch im Irak vor einem Jahr hat der IS jesidische Frauen und Mädchen als Geiseln genommen. Wieviel Lösegeld haben Jesiden bislang bezahlt? 

Geisler: Das ist als Gesamtsumme schwierig zu benennen. Es gibt Fälle, wo Leute für weniger als 1000 Dollar freigekommen sind, und solche, wo bis zu 150.000 Dollar für eine Person gezahlt worden sind. Das ist ein perfides Geschäft. Ich weigere mich auch, von Geiselnahmen und Freikauf zu sprechen.

Warum? 

Geisler: Geiseln werden einigermaßen versorgt, damit man Geld für sie bekommt. Diese Frauen werden aber nicht betreut, sondern bis zu 40 Mal am Tag vergewaltigt und weiterverkauft. Selbst siebenjährige Mädchen gelten den selbsternannten Gotteskriegern des IS als vollwertige Frauen. Dann kommt plötzlich ein Angebot, 200 Frauen freizukaufen, mit der Begründung, die seien jetzt unsauber und zu nichts mehr zu gebrauchen - dann könne man sie ja an die Jesiden zurückverkaufen. Das hinterlässt Spuren bei denen, die sich so etwas anhören müssen und annehmen können, dass es sich um Frauen aus ihrem Dorf handelt.

Was meinen Sie mit „weiterverkauft“? 

Geisler: Die Frauen sind auch in andere arabische Staaten verkauft worden, zum Teil auf Sklavenmärkten in Mossul, wo Käufer eingeflogen wurden. Je jünger, je blonder, je blauer die Augen, desto höher war der Preis.

Wie werden Lösegeldforderungen übermittelt? 

Geisler: Das läuft immer über Mittelsmänner, und ich habe starke Zweifel, dass alle diese Mittelsmänner das aus Gutherzigkeit und Überzeugung tun. Das ist einfach ein schmutziges Geschäft geworden. Es kann auch sein, dass es nicht klappt, dann ist das Geld weg und die Frauen sind trotzdem nicht frei.

Wie viele jesidische Frauen sind bis jetzt freigekommen? 

Geisler: Es wurden etwa 5000 jesidische Frauen entführt, davon sind gut 2000 wieder zurück. Die sind aber nicht alle freigekauft worden, einige konnten fliehen, ganz wenige sind befreit worden.

Woher kommt das Geld für das Lösegeld? 

Geisler: Es gibt ja im Irak auch Gegenden, die nicht zerstört sind. Dann verkaufen die Leute ihr Hab und Gut, und machen auch Schulden, um Verwandte freizukaufen. Es gibt auch eine große Solidarität in der jesidischen Gemeinde und Anstrengungen, mit öffentlichen kurdischen Geldern zu helfen.

Gibt es Spenden? 

Geisler: Also, das kann in Deutschland einen strafrechtlichen Aspekt haben. Mit dem Freikauf unterstützt man eine terroristische Vereinigung, dafür kann man in Deutschland auf die Anklagebank kommen. Das ist für spendenwillige Unternehmen durchaus ein Problem. Andererseits kaufen ja auch Regierungen Geiseln von Terroristen frei. Wenn man die Möglichkeit hat, eine Verwandte freizukaufen, wird man alles tun, damit das gelingt. Da schiebt man rechtliche Bedenken beiseite.

Die Frauen sind traumatisiert. Die können doch in Deutschland nicht in einem normalen Erstaufnahmelager unterkommen. 

Geisler: Och, das wäre schon toll - das Problem fängt aber bereits in Kurdistan und Bagdad an, wo man keine Pässe ausstellt, wenn die Frauen keine männlichen Verwandten mehr haben. Und ohne Pässe bekommen wir sie nicht hierher. Die Bundesländer, die sich zur Aufnahme bereit erklärt haben, stellen eine medizinische und psychologische Betreuung sicher. Die Frauen werden teils stationär, teils ambulant behandelt. Da wird wirklich viel getan.

Man kann sich kaum vorstellen, wie die Frauen in Deutschland neu anfangen sollen.

Geisler: Meine Erfahrung aus Besuchen im Krisengebiet ist: Man kann in diesem Elend so nicht leben, die Bedingungen sind unmenschlich. Dennoch würden viele gerne bleiben, ihr altes, bescheidenes Leben zurückhaben. Wenn man in Europa nicht will, dass diese Menschen sich woanders eine Zukunft zum Überleben suchen, dann müssen wir endlich eine Strategie entwickeln und vor Ort helfen. Jeder Euro, den man dort investiert, ist so viel wert, als würde man hier zwanzig Euro für Flüchtlinge ausgeben, wäre also gut investiert.

Stichwort: Jesiden 

Die Mitglieder der jesidischen Glaubensgemeinschaft sind meist Kurden. Siedlungsgebiete der mehreren Hunderttausend Gläubigen sind im Irak, Iran, in der Türkei und Syrien. Man kann nicht ins Jesidentum konvertieren, man wird als Jeside geboren.

Zur Person: 

Holger Geisler (51) ist Sprecher des Zentralrats der Jesiden in Deutschland in Oldenburg. Der freiberufliche Journalist übt diese Funktion ehrenamtlich aus. Geisler ist unter anderem Herausgeber der jesidischen Zeitung „Lalis Dialog“. Er ist ledig und lebt in Oldenburg.

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