DDR-Grenze: Monstrum unter der Lupe

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Die innerdeutsche Grenze hat über Jahrzehnte Landschaften, Dörfer und Familien getrennt. Ein Buch schildert detailliert Beginn und Ende des häßlichen Bollwerks.

Wenige Tage vor dem Ende der DDR, am 21. September 1990, unterschrieb DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann den Befehl 49/90 zur Auflösung der Grenztruppe. In Ziffer 6 enthielt dieses Dokument diese Festlegung: "Die Arbeiten zum Abbau der Grenzsicherungs- und Ausbildungsanlagen, zum Rückbau der fernmeldetechnischen Anlagen sowie zur Rekultivierung und Herstellung der Sicherheit in Abschnitten ehemaliger Minensperren sind fortzusetzen..."

Mit der Herstellung der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 fielen alle Grenzsperren an das Verteidigungsministerium in Bonn, das bestrebt war, diese Altlasten so schnell wie möglich zu beseitigen. Ironie der Geschichte: 4800 ehemalige DDR-Grenzsoldaten bauten ihre eigenen Anlagen ab - mit eigenem Gerät, aber auch mit Bundeswehr-Unterstützung.

Das neue Grenzschutzkommando Ost griff 1990/91 sogar auf Angehörige der Paßkontrolleinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit zurück. "Ihr Fachwissen war zunächst unverzichtbar", heißt es in dem Buch "Die Grenze - ein deutsches Bauwerk". Jürgen Ritter und Peter Joachim Lapp unternehmen damit erstmals den Versuch, die Entstehung der Grenze, aber auch ihre Demontage bis ins letzte Detail aufzuarbeiten. Zur Erinnerung: Minenräumtrupps mußten sich bis Ende 1995 der ebenso mühevollen wie gefährlichen Arbeit der Suche nach Bodenminen unterziehen.

Schon Monate vor der Kapitulation Deutschlands legten die Alliierten am 12. September 1944 fest, das Land nach dem Sieg in Besatzungszonen aufzuteilen (die Hauptstadt Berlin in Sektoren). Hatte die Potsdamer Konferenz 1945 erklärt, daß die wirtschaftliche Einheit Deutschlands gewahrt werden sollte, scherte die sowjetische Militäradministration frühzeitig aus.

Die SMAD traf schnell und zielstrebig Vorkehrungen, um ihre Zone abzuschotten. Aufgrund von Befehlen der SMAD begannen im November 1946 die Landesbehörden der Sowjetisch Besetzten Zone mit dem Aufbau einer eigenen Grenzpolizei. Die Sowjets, so die Erkenntnisse des Autorenteams, sicherten sich dabei ein absolutes Weisungsrecht in allen Angelegenheiten und ordneten nach 1948 die Zentralisierung der Polizeieinheiten an.

1952, die DDR war mittlerweile gegründet, erhielten Offiziere der Deutschen Grenzpolizei von ranghohen sowjetischen Militärführern exakte Weisungen zur künftigen Ausgestaltung der Demarkationslinie: Fünf-Kilometer-Sperrzone, Zehn-Meter-Schutzstreifen, 500-Meter-Schutzstreifen, Ausweiszone gehörten dazu. Eine Geheimaktion, die erst später von der Regierung der DDR in Gesetze umgesetzt wurde. Sowjetische Militärs, so Ritter und Lapp, prägten aber auch weiterhin das DDR-Grenzregime.

War es in den 50er Jahren noch möglich, die weithin grüne und noch durchlässige Grenze zu überwinden, leitete der Mauerbau am 13. August 1961 die Wende ein. Er war das Signal für den gezielten Ausbau der Grenze zu Westdeutschland.

Milliarden steckte die DDR in Baumaterial, Technik und natürlich in Bewachungspersonal. Besonders perfide war die Idee, am vorderen Grenzzaun Splitterminen vom Typ SM 70 anzubringen. Die "Todesautomaten" detonierten beim Berühren der Kontaktdrähte und konnten Flüchtlinge zerfetzen.

Mit auffälligem Tempo wurden die SM 70 entlang der 1393 Kilometer langen Grenze zwischen Lübeck und Hof 1984 beseitigt. Angeblich war dies ein Zugeständnis, das der westdeutsche Politiker Franz-Josef Strauß bei der Vermittlung seines berühmten Milliardenkredites an Ostberlin erreichen konnte. Hatten die Sowjets lange Zeit im Hintergrund auch Regie an der Grenze geführt, soll diese Aktion voll an ihnen vorbeigelaufen sein. Behaupten jedenfalls die Autoren.

Die Grenze, Ein deutsches Bauwerk, Jürgen Ritter/Peter Joachim Lapp, Ch. Links Verlag Berlin, September 1997, 178 Seiten, mit Illustrationen und Karten; 68 Mark.

Von Werner Keller

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