Debatte um Kirchenaustritte: "Ich sehe das mit Sorge"

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Verlor vor Gericht: Hartmut Zapp, der der Glaubensgemeinschaft der katholischen Kirche angehören, jedoch keine Kirchensteuer mehr zahlen möchte.

Nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts hat Thomas Schüller, Kirchenrechtler von der Universität Münster, das Urteil für uns eingeschätzt.

Für wen ist das Urteil eine gute und für wen eine schlechte Nachricht? 

Thomas Schüller: Das ist eine schlechte Nachricht für den Kläger Hartmut Zapp, eine gute hingegen für die katholische Kirche in Deutschland und die deutschen Bischöfe, die sich in ihrer vor einigen Tagen nochmal festgelegten Richtung bestätigt sehen dürften.

Entscheidet jetzt das Zahlen von Kirchensteuer darüber, ob die durch die Taufe begründete Mitgliedschaft in der Kirche gültig bleibt?

HNA-Kommentar zum Thema

Tibor Pézsa: Kirche wie ein Verein?

Schüller: Das hat mit der Historie zu tun. In Deutschland ist es so, dass zur äußeren, rechtlichen Seite der Kirche der Körperschaftsstatus dazugehört. Nach katholischer Lehre ist klar, dass man als Gläubiger nicht zwischen innerer und äußerer Seite der Kirche unterscheiden kann. Es gibt zwar beide Seiten, aber man kann sie nicht trennen. In der evangelischen Kirche hingegen ist diese Trennung selbstverständlich.

Soll das heißen, die Frage wäre im evangelischen Kirchenrecht anders entschieden worden?

Schüller: Nein, die staatlichen Gerichte in Deutschland dürfen überhaupt nicht in das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen eingreifen.

Geht es den Austrittswilligen Ihrer Meinung nach hauptsächlich um das Sparen der Kirchensteuer?

Schüller: De Verengung auf die Kirchensteuerthematik ist nicht der entscheidende Punkt, weil nur ein Drittel der gemeldeten Katholiken in Deutschland überhaupt Kirchensteuer zahlt. Das ist nur für Wenige ein positiver Nebeneffekt, dass man dann nicht mehr zahlen muss.

Was wären Auswirkungen eines anders gearteten Urteils gewesen?

Schüller: Es hätte massive finanzielle Auswirkungen auf das Kirchensteueraufkommen gehabt, das geben die Bischöfe ja auch durchaus zu. Aber das Grundmotiv ist, dass sich äußere und innere Seite der Kirche nicht trennen lassen. Die Definitionsgewalt über das, was Kirche ausmacht und wer zu ihr gehört, kommt allein den Bischöfen zu.

Wie sieht es in Österreich und in der Schweiz aus?

Schüller: In Österreich gibt es kein Urteil, die Tendenz würde aber meiner Meinung nach ähnlich sein. In der Schweiz hingegen ist die Doppelstruktur von Staat und Kirche deutlicher, deshalb ist vor kurzem gerichtlich entschieden worden, dass man nur aus der staatlichen Einrichtung austreten kann. Man wird sehen, wie sich das entwickelt.

Wie geht Ihrer Meinung nach die Debatte in Deutschland weiter?

Schüller: Ich glaube, die Kirche muss plausibler machen, was sie mit der Kirchensteuer macht. Sie muss das viel transparenter den Gläubigen offenlegen. Es muss effizienter mit den Mitteln umgegangen und das auch belegt werden. Nur dann steigt die Akzeptanz. Man wird sehen, wie viele Menschen aufgrund dieser Entscheidung für sich sagen, das akzeptieren wir oder endgültig entscheiden, jetzt haben wir die Nase voll. Ich sehe das mit Sorge.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Schüller

Prof. Dr. Thomas Schüller (51) ist Direktor des bundesweit einzigen Instituts für Kanonisches Recht (Katholisches Kirchenrecht) in Münster. Schüller ist verheiratet und hat drei Kinder. Er wohnt während der Woche in Münster, seine Familie lebt im Westerwald. In seiner Freizeit singt er gerne und ist Fan des 1. FC Köln. Außerdem zählt Bergsteigen zu seinen Hobbys.

Von Kathrin Meyer

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