„Wir brauchen mehr Jugendtherapeuten“

Depressionen bei Jugendlichen: Das sagt eine Fachärztin aus Kassel

Kassel. Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Waren 2004 deutschlandweit 4200 Jugendliche wegen Depressionen in stationärer Behandlung, stieg die Zahl der jungen Patienten laut einer Studie der Krankenkasse DAK bis zum Jahr 2012 auf 12 500 an. Auch in Hessen stieg die Zahl bestätigt die Kasseler Ärztin Inge Schreier im Interview.

Frau Schreier, nehmen seelische Leiden zu?

Inge Schreier: Ich kann zumindest bestätigen, dass in Hessen immer mehr Kinder und Jugendliche in Krankenhäusern behandelt werden müssen. Innerhalb von acht Jahren hat sich die Zahl der stationären Behandlungen bei Patienten zwischen zehn und 19 Jahren verdreifacht.

Zur Person:
Dr. Inge Schreier

Dr. Inge Schreier (63) studierte Medizin und Soziologie in Marburg. Im Jahr 1993 absolvierte sie eine Facharzt-Ausbildung an der Vitos-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Kassel. Ab 2000 war sie als Oberärztin in der Klinik tätig. Seit 2008 leitet Schreier ihre eigene Praxis. Sie ist ledig.

Meist werden die Jugendlichen als Notfall aufgenommen, weil sie entweder suizidale Äußerungen gemacht oder bereits einen Selbstmordversuch unternommen haben. An diese Akutbehandlung schließt sich die längerfristige, stationäre Behandlung an.

Wie äußern sich Depressionen speziell im Kindes- und Jugendalter?

Schreier: Eine Diagnose zu stellen, ist nicht einfach. Kinder im Grundschulalter äußern sich weniger verbal über ihre Stimmungslage. Dazu kommt die Depression nicht immer als eigenständige Erkrankung vor, sondern begleitet oft andere Symptome.

Dr. Inge Schreier

Bei Kindern zeigt sich eine Depressivität weniger in Stimmungsschwankungen als vielmehr in somatischen Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen. Bei Jugendlichen kann sich eine Depression zum Beispiel hinter dem vermehrten Konsum von Alkohol und Drogen verbergen. Je älter sie werden, desto mehr gleicht sich die Symptomatik der der Erwachsenen an.

Geht auch ein selbstverletzendes Verhalten einher?

Schreier: Ja, auch das ist im Praxisalltag zu beobachten. Ich würde sagen, dass sich 30 bis 50 Prozent der Jugendlichen in stationärer Behandlung auch selbst verletzten. Das geschieht in der Regel durch Ritzen. Das Spektrum reicht von leichten Verletzungen, die sich durch die Fingernägel beigebracht werden, bis zum Gebrauch von Rasierklingen oder dem Ausdrücken von brennenden Zigaretten auf der Haut.

Lässt die stark gestiegene Zahl der Patienten auf eine Enttabuisierung des Themas Depression schließen?

Schreier: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Jugendliche scheuen sich davor, Mitschülern und Freunden von ihrer Behandlung zu berichten. Sie fürchten sich davor, damit aufgezogen zu werden, dass sie ,in der Klapse’ sind oder als Opfer verulkt zu werden. Allerdings sind die Kinder- und Hausärzte in ihrer Wahrnehmung und Interpretation von Beschwerden sensibler geworden. Dazu kommt, dass sie diese Symptome auch deutlich ernster nehmen.

Wie empfinden die Kinder und Jugendlichen die stationäre Aufnahme?

Schreier: Gerade von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen wird eine solche Behandlung nur widerwillig in Kauf genommen. Sie befürchten zu lange Fehlzeiten in der Schule und die daraus resultierenden negativen Folgen, wie etwa die Wiederholung einer Klasse.

Sind genügend Behandlungsplätze vorhanden?

Schreier: Nein, die Zahl reicht nicht aus. In Kassel beläuft sich die Wartezeit im ambulanten Bereich mitunter auf sechs Monate. Schwierige Patienten warten teilweise noch länger. Dabei ist für die Behandlung einer depressiven Episode keine Spezialisierung notwendig. Was wir dringend brauchen, sind mehr Kinder- und Jugendtherapeuten.

Von Nicolai Ulbrich und Emily Spanel 

Hintergrund: Niedersachsen liegt über Bundestrend

Auch in den niedersächsischen Krankenhäusern landen immer mehr depressive Kinder und Jugendliche. Innerhalb von zwölf Jahren ist die Zahl der stationären Behandlungen von Patienten zwischen zehn und 19 Jahren um das Siebenfache gestiegen. Darüber informiert die DAK-Gesundheit mit Bezug auf aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts für die Jahre 2004 bis 2012. Demnach zählten die niedersächsischen Krankenhäuser im vergangenen Jahr 1367 Fälle, im Jahr 2000 dagegen nur 187.

Damit liegt der Anstieg in Niedersachsen noch über der Zunahme im Bundesgebiet. Wie in sämtlichen Bundesländern waren auch in Niedersachsen mehr Frauen als Männer betroffen. (esp)

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