Oft auf einsamen Pfaden

Deutscher Sonderweg in europäischem Gewand? Ein Blick in die Geschichte

Otto von Bismarck, Angela Merkel, Johann Wolfgang von Goethe, Konrad Adenauer

Geht Deutschland in der Flüchtlingskrise einen Sonderweg? Angela Merkels Politik erweckt ganz den Anschein. Es wäre nicht der erste Sonderweg in der deutschen Geschichte, diesmal als „Europäische Lösung“.

Nur wird die von fast allen anderen europäischen Nationen abgelehnt. Ein Blick zurück auf die deutsche Sonderwegs-Debatte.

Im Jahr 1995, als das Schengen-Abkommen in Kraft trat, da schien der jahrzehntealte Ost-West-Konflikt endgültig beigelegt. Keine Grenzen mehr in Europa, Reise- und Niederlassungsfreiheit - der Geist von Schengen spiegelt die Euphorie jener Wendejahre, die von manchen als Ende der Geschichte wahrgenommen wurden.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wie auch mit dem in der EU beschworenen immer engeren Zusammenwachsen der europäischen Völker schien in Deutschland ein von manchen als peinlich empfundenes Thema ein für alle Mal erledigt: der deutsche Sonderweg. Deutschland, so schien es, war angekommen im Kreis jener Nationen, die ihm in Sachen Demokratie und ziviler Gesellschaft stets voraus gewesen waren, namentlich Frankreich und Großbritannien.

Der deutsche Sonderweg, von Historikern wie Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) sowie Philosophen und Soziologen wie Helmut Plessner (1892-1985) oft beschrieben - das war ein Versagen der deutschen Eliten vor allem im 19. Jahrhundert bis hinein in die Katastrophe der Diktatur von 1933-45, aber auch schon lange vorher.

Deutscher Sonderweg, das ist: Anders als die Franzosen 1789 scheitern die Deutschen 1848 mit ihrer Revolution. Demokratische Rechte, sofern die Deutschen sie überhaupt erhalten, werden ihnen gnädig gewährt oder wie 1945 von den Alliierten beschert, statt dass sie sich diese selbst erkämpfen. Ihren Nationalstaat lassen sich die Deutschen 1871 von dem stramm preußisch königstreuen und antiparlamentarisch gesonnenen Reichskanzler Otto von Bismarck schenken. Den Kaiser gibt´s gleich obendrauf. Unterdessen haben sich die Briten mit ihrer parlamentarischen Monarchie längst ein Weltreich aufgebaut, und die Franzosen werden mit ihrem Anspruch universal geltender Menschenrechte, mit den Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Geburtshelfer des modernen Staats überhaupt: die USA.

Deutschland, schreibt Plessner in seinem 1959 erschienenen Buch „Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit des deutschen Geistes“, wird zur „Großmacht ohne Staatsidee“. An Dichtern wie Johann Wolfgang von Goethe und Denkern wie Immanuel Kant mangelt es nicht. Aber an Emanzipation gegenüber der Obrigkeit.

Martin Luther (1483-1546), der große Reformator? Der litt Plessner zufolge an einem „römischen Komplex“, weswegen er und seine Leute umso eifriger den Schutz der Mächtigen in Deutschland suchten. Der Aufstand gegen Rom wurde in Deutschland mit Folgsamkeit entgolten.

Deutschland ist im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) das Hauptschlachtfeld der europäischen Mächte. Krieg, Gewalt, Hungersnöte und Seuchen entvölkern ganze Landstriche, traumatisieren ein Land für viele Generationen.

Politik? Das ist etwas für Ruhestörer.

„Betrachtungen eines Unpolitischen“ nennt Thomas Mann (1875-1955) am Vorabend des Ersten Weltkriegs seine Abgrenzung angeblich höherer deutscher Kultur gegenüber französischer Zivilisation. Sein Bruder Heinrich (1871-1950), entschiedener Demokrat, setzt seinen Roman „Der Untertan“ dagegen.

All das schien mit der Wende von 1989/90 überstanden. Die Skepsis der Briten und Franzosen gegenüber der Wiedervereinigung irritierte hierzulande viele. War Deutschland nicht fest in Europa eingebunden? Die Isolation der Bundeskanzlerin in der Flüchtlingskrise zeigt nun ein anderes Bild: Europa ist wieder Schauplatz eines deutschen Alleingangs von historischer Dimension. Nur diesmal unter europäischem Banner.

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