Deutschland im August 1914: Zwischen Kriegsbegeisterung und Zukunftsangst

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Lächelnd in die Krieg: Nachdem Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914 die allgemeine Mobilmachung verkündet hatte, zogen deutsche Soldaten siegessicher in den Krieg. Nach vier Jahren waren weltweit 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste zu beklagen.

Ganz Deutschland eint zu Kriegsbeginn 1914 ein patriotisches "August-Erlebnis" - der berühmte Burgfrieden. Viele Soldaten ziehen begeistert ins Feld. So weit der Mythos. Längst aber hat die Forschung herausgefunden: Die Wirklichkeit sah anders aus.

Siegesgewisse Soldaten winken jubelnd aus den Waggons, die sie an die Front bringen. „Nach Paris, mich juckt die Säbelspitze“, haben sie mit Kreide geschrieben. Oder: „Weihnachten sind wir wieder da“ - es wird ein schneller Feldzug erwartet. Vor dem Berliner Schloss ruft Kaiser Wilhelm II. zu einer begeisterten Menge: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“ Die Glocken läuten, vaterländische Lieder erklingen, Deutschland ist in diesem schicksalhaften Sommer 1914 kriegsbegeistert: Doch diese Vorstellung - bis heute im historischen Bewusstsein der Deutschen verankert - ist ein Mythos.

„Man drückt uns das Schwert in die Hand.“

„Längst schon hat die historische Forschung die vermeintliche Kriegsbegeisterung infrage gestellt“, meint der Historiker Tillmann Bendikowski. Ein alle Bevölkerungsschichten umfassendes „August-Erlebnis“, das die Nation bei Kriegsausbruch 1914 einte, habe es so nicht gegeben. „In der historischen Wirklichkeit waren die Reaktionen auf die Kriegsgefahr und den Beginn des Krieges sehr viel komplexer und widersprüchlicher.“

Zwar gab es - vor allem in Großstädten wie Berlin - viele „hurrapatriotische“ Versammlungen. Auch ein berühmtes Bild von einer Kundgebung auf dem Münchner Odeonsplatz zeigt jubelnde Menschen. Mitten unter ihnen: der 25-jährige Adolf Hitler.

Es gab aber auch, heute beinahe vergessen, massive Proteste: Tausende Menschen nahmen an Antikriegsdemonstrationen der SPD teil. Allerdings vollzieht die SPD-Führung dann, als der Krieg feststeht, eine Kehrtwende: Sie stimmt im Reichstag Kriegskrediten zu - aus einem vaterländischen Pflichtgefühl zur Landesverteidigung heraus. Der berühmte „Burgfrieden“ der Parteien ist geboren.

Aus schnellen Vorstößen wurden Stellungskriege: Deutsche Soldaten im Schützengraben.

In der Tat wird der Krieg in weiten Teilen Deutschlands als Verteidigungskrieg angesehen. „Man drückt uns das Schwert in die Hand“, sagt Kaiser Wilhelm II. in einer Rede vom Balkon des Berliner Schlosses. „Neider überall zwingen uns zur gerechten Verteidigung.“ Viele junge Deutsche melden sich freiwillig zum Kriegsdienst.

Vor allem konservativ-bürgerliche und akademische Kreise rüsten zur „geistigen Mobilmachung“. Deutschland habe „das Schwert gezogen gegen die Brutstätten schleichender Hinterhältigkeit“, sagt der Physiker Max Planck zu seinen Studenten. Professoren vergleichen den Feldzug mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon 100 Jahre zuvor.

Vor allem auf dem Land und bei den Arbeitern ist bereits 1914 von einer Kriegsbegeisterung wenig zu spüren, wie neuere Forschungen zeigen. Es überwiegen die Zukunftssorgen. „Das Volk denkt sehr real, und die Not liegt schwer auf den Menschen“, heißt es etwa im Bericht eines Pfarrers über die Stimmung im Berliner Arbeiterbezirk Moabit.

Der damals 17-jährige Wilhelm Eildermann, ein überzeugter Sozialdemokrat, der den Krieg ablehnt, kann bei der Mobilmachung alles andere als eine Kriegsbegeisterung ausmachen: „Alle haben das Gefühl: Es geht direkt zur Schlachtbank.“

Der Kriegsalltag setzt vielen Deutschen schon nach kurzer Zeit zu. Viele heben in Panik ihre Ersparnisse von den Bankkonten ab und sichern sich aus Angst vor Rationierungen Lebensmittel, wie Leonhard schreibt. Bereits im August herrscht Massenarbeitslosigkeit. Die Lebensmittelpreise steigen, die Armut nimmt zu.

„Alle haben das Gefühl: Es geht direkt zur Schlachtbank.“

Es habe in diesem schicksalhaften Sommer 1914 keine dominierende Stimmung gegeben, wie Historiker Bendikowski resümiert. „Diese Wochen waren vielmehr von Ambivalenzen geprägt. Zwiespältig und zerrissen waren die Gefühle der Deutschen, widersprüchlich, oft sprunghaft und zuweilen unberechenbar.“ Es sei ein „Sommer der Extreme“ gewesen.

An der Front lässt das Grauen des Kriegs viele Soldaten schnell ernüchtern. Vor allem der Stellungskrieg im Westen wird zur sinnlosen Materialschlacht, Millionen Menschen sterben. Ein Student schreibt nach seinen ersten Schlachterfahrungen in sein Tagebuch: „Mit welcher Freude, welcher Lust bin ich hinausgezogen in den Kampf (?) Mit welcher Enttäuschung sitze ich hier, das Grauen im Herzen.“

Hintergrund: Schriftsteller zum Krieg: Reinigung, Befreiung, Hoffnung

"Wir leben in einem Rausch der Gefühle. Die Worte Deutschland, Vaterland, Krieg haben magische Kraft", schreibt der Schriftsteller Ernst Toller. Auch er meldet sich freiwillig in den Krieg.

Zwei Jahre später erleidet Toller einen totalen Zusammenbruch und wird zu einem glühenden Pazifisten und revolutionären Sozialisten.

Auch Thomas Mann begrüßt den Krieg zunächst. In seinem Aufsatz "Gedanken im Kriege" spricht der Schriftsteller von einem "Kulturkrieg", bei dem es um Deutschlands Moral, seine Eigenständigkeit und Identität gehe: "Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden und eine ungeheure Hoffnung."

Sein Bruder Heinrich Mann, Autor des beißend-kritischen Romans "Der Untertan", dagegen ist ein erbitterter Kriegsgegner.

Zum Kriegsende 1918 muss sich dann auch Thomas Mann eingestehen: "Die Katastrophe und Weltniederlage (?) ist da. Es ist auch die meine." (dpa)

Von Andreas Hoenig, dpa

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