Hochwasser in Deutschland

Hat der Katastrophenschutz versagt? Experten sprechen von „monumentalem Systemversagen“ 

Nach den dramatischen Hochwassern mit Todesopfern in Deutschland wird nun der Katastrophenschutz stark kritisiert. Dieser weist allerdings jede Schuld von sich. 

Kassel – In dem vom Hochwasser betroffenen Gebieten ziehen sich die Wassermassen allmählich zurück und die Aufräumarbeiten haben begonnen. Aktuell stellt sich die Frage, ob man eine solche Flutkatastrophe nicht noch hätte verhindern können - besonders der Katastrophenschutz rückt dabei in den Fokus der Kritik.

Die meterhohen Fluten durch die schwere Unwetter-Serie haben insbesondere in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ganze Ortschaften zerstört: Mehr als 150 Menschen kamen ums Leben, zahlreiche Häuser stürzten ein oder wurden komplett zerstört. Viele Menschen haben ihre Existenz verloren. „Das ist ohne Zweifel die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg in dem Kreis“, sagte Jürgen Pföhler (CDU), Landrat des Landkreises Ahrweiler (Rheinland-Pfalz), laut einem Bericht von focus.de. Auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer zeigt sich bestürzt. „Es gibt Tote, es gibt Vermisste, es gibt viele, die noch in Gefahr sind. Es gibt keinen Bereich, der nicht betroffen ist“, so die SPD-Politikerin.

Nach dramatischem Hochwasser in Deutschland: Katastrophe sei „nicht absehbar“ gewesen

Innerhalb weniger Minuten hätten die gewaltigen Wassermassen alles geflutet. In einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung im rheinland-pfälzischen Sinzig fielen zwölf Personen diesen zum Opfer. „Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses“, sagte der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos.

Viele Dörfer liegen nach dem verheerenden Hochwasser in Deutschland in Trümmern - zahlreiche Menschen fielen diesem zum Opfer. Jetzt wird Kritik am Katastrophenschutz laut.

Viele Menschen stellen sich daher die Frage, ob die Hochwasser-Katastrophe nicht absehbar gewesen sei und sogar rechtzeitig verhindert hätte werden können. Laut Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) hätte es jedoch keinen Hinweis gegeben, „dass es so dramatische Ausmaße nehmen würde“. Einige Wetter-Experten sehen das anders. Die Wettermodelle hätten so stark ausgeschlagen, dass man mit einem Unwetter durch Starkregen rechnen konnte. „Spätestens am Montag muss allen klar gewesen sein, dass es zu einem Hochwasser in Westdeutschland kommen wird“, so Jan Schenk von „The Weather Channel“. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gab unter anderem die höchste Warnstufe „violett“ für den Landkreis Ahrweiler heraus.

Kritik nach Hochwasser-Katastrophe: „Monumentales Systemversagen“ in Deutschland

Die Krisenstäbe der Landkreise würden sich jedoch nicht nur an Wetter-Prognosen, sondern auch an offiziellen Hochwasser-Warnungen der zuständigen Ämter orientieren. „Grundsätzlich haben wir schon gewarnt“, sagte aber ein Sprecher. Die örtlichen Feuerwehren seien in Alarmbereitschaft gewesen, wären aber von den gewaltigen Wassermassen überrascht worden. Sogar das europäische Flutwarnsystem EFAS habe eine Warnung vor „extremem Hochwasser“ veröffentlicht.

Dass trotzdem so viele Menschen sterben mussten, sei laut der britischen Hydrologin Hannah Cloke „ein monumentales Systemversagen“. Sie hätte sich gewünscht, dass Menschen in solch einer Situation evakuiert werden. „Man erwartet nicht, dass so viele Leute im Jahr 2021 wegen Hochwasser sterben.“ Sie glaube außerdem, dass Hochwasser-Katastrophen wie diese in Zukunft vermehrt vorkommen werden, da dies eine Folge des Klimawandels sei. „Ich finde es absolut schockierend, dass wir in einem Land wie Deutschland 100 tote Menschen haben durch ein Ereignis, das vorhersehbar war“, kritisierte Cloke.

SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach attackiert einem Bericht von n-tv.de zufolge derweil den Katastrophenschutz, da dieser „genauso schlecht vorbereitet“ sei, wie der Pandemie-Schutz. Man müsse sich darauf vorbereiten, dass es zukünftig mehr Naturkatastrophen geben werde und die Infrastruktur aus diesem Grund ausbauen. Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die selbst in den Krisengebieten vor Ort war, forderte daher eine Neuformierung des Katastrophenschutzes und eine Instanz, die in Notsituationen alle Kräfte bündelt und koordiniert. „Hilfe funktioniert nur, wenn alles ineinandergreift“, sagte die Politikerin.

Extremwetter „äußerst selten“: Politiker verteidigt Katastrophenschutz nach Hochwasser in Deutschland

Doch Katastrophenschützer wehren sich gegen die Kritik und die Vorwürfe. Laut Thomas Linnertz, Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), die in Rheinland-Pfalz den Katastrophenschutz koordiniert, hätten die Anwohner die Lage vermutlich unterschätzt. Es hätte am Mittwoch (14.07.2021) auch die Warn-Apps Katwarn und Nina ausgelöst. „Viele Menschen haben jedoch gedacht, dass vielleicht der Keller volllaufen würde.“

Auch der Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, Armin Schuster (CDU), hat in einem Interview mit dem ZDF den Katastrophenschutz verteidigt. Sie seien auf Hochwasser und Überschwemmungen „eigentlich ganz gut vorbereitet“. Allerdings hätten sie die Extremwetterereignisse überrascht, da diese in Deutschland äußerst selten vorkommen würden. „Nur ist es schwierig in einem Land, das nie solche Erfahrungen gemacht hat, mit einer solchen Kommunikation durchzukommen“, sagte Schuster. Das sei bisher ein „schweres Mühen“ gewesen, weil sie bisher oft den Ruf als „Panikmacher“ gehabt hätten.

Armin Schuster, Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, verteidigt die Arbeit des Katastrophenschutzes nach dem schweren Unwetter mit Hochwasser in Deutschland.

Auf die Frage, warum die Ratschläge und Warnungen des Bevölkerungsschutzes nicht durchgedrungen sind, beteuerte er: „Na ja, unsere Warn-Infrastruktur hat geklappt im Bund“. Jedoch hätten die betroffenen Gebiete auch kurz vorher noch nicht genau ermittelt werden können. „Eine halbe Stunde vorher ist es oft noch nicht mal möglich zu sagen, welchen Ort es trifft, mit welcher Menge“, so der CDU-Politiker. Damit in Zukunft noch mehr Menschen deutlich gewarnt werden können, sollen 90 Millionen Euro in die Installation neuer Sirenen investiert werden. Zudem fordert er einen Bevölkerungsschutz als „Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Kommunen“. An all dem werde bereits gearbeitet. (Alina Schröder)

Rubriklistenbild: © Marius Becker/dpa

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