Eine Analyse des VW-Skandals: Das dicke Ende kommt erst noch

+
Nachdenklich: VW-Vorstandschef Matthias Müller stellte mit den Quartalszahlen gestern auch die erste Abrechnung in der Volkswagen-Abgasaffäre vor.

Der Abgasskandal hat Volkswagen den ersten Quartalsverlust seit mehr als 20 Jahren eingebracht. Eine Analyse von Martina Hummel.

Es ist die erste Abrechnung in der Volkswagen-Abgasaffäre. Die Milliardenkosten für den Skandal um manipulierte Diesel haben die Rekordfahrt des Autokonzerns gestoppt. Die Wolfsburger weisen den ersten Quartalsverlust seit über 20 Jahren aus, kappen ihre Jahresziele - und bei der Vorlage der Quartalszahlen gibt sich Vorstandschef Matthias Müller demütig. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) steht im dritten Quartal ein Minus von 3,47 Milliarden Euro. Das Ergebnis liegt bei minus 1,7 Milliarden Euro.

Doch wie geht es weiter? Müller setzt Prioritäten, wie er den Skandal aufarbeiten will: 

- Hilfe für die Kunden, deren Autos betroffen sind und für die technische Lösungen gefunden werden müssen. 

- Aufklärung der Geschehnisse, sicher stellen, dass so etwa nicht wieder passiert und eine 

- neue Konzernstruktur sowie 

- mehr Offenheit, mehr Kooperation, mehr Dezentralität 

- eine Strategie 2025, die dem Wandel gerecht wird. Der Plan wird Mitte 2016 vorgestellt.

Mehr Eigenständigkeit

Doch was steckt hinter mehr Dezentralität? Marken wie Skoda, Seat und Co., aber auch Regionen wie Südamerika oder Osteuropa bekommen mehr Eigenständigkeit. Der Vorstand werde sich um markenübergreifende Strategien kümmern, um das Heben von Synergien und um den effektiven Einsatz der Ressourcen. „Wir werden das Portfolio von mehr als 300 Modellen ansehen. Und wir werden den Ergebnisbeitrag jedes einzelnen Modells untersuchen.“ Die leise Kritik geht in Richtung seines Vorgängers Martin Winterkorn. Das Prinzip höher, schneller, weiter der Strategie 2018 hat ausgedient. Es gehe nicht darum, ob man 100 000 Fahrzeuge mehr verkauft, sondern „um qualitatives Wachstum“, betont Müller. „Wir brauchen eine Kultur der Offenheit und der Kooperation.“ Auch das zielt auf Winterkorn - unter dessen Führung das Duckmäusertum keimte, das den Einsatz von Schummelsoftware auch befördert hat.

Kosten des Skandals

Wer große Antworten zum Abgasskandal erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Gesamtkosten wie Strafzahlungen, Rückrufaktionen, Entschädigungen für Wertverluste - sind noch nicht beziffert. Aufgrund der vielen offenen Fragen sei eine Bewertbarkeit der Risiken zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegeben. Das betont Müller in der Analystenkonferenz - das dicke Ende kommt erst noch. Bislang sind für die Folgen des Skandals 6,7 Milliarden Euro zurückgestellt worden. Nord-LB-Analyst Frank Schwope schätzt die Gesamtkosten aber auf 30 Milliarden Euro.

Für die Beschäftigten heißt dies: sparen, sparen, sparen. Auch deshalb dürfte sich Müller Sanierer Thomas Sedran in den Vorstand geholt haben. Sedran zuckte nicht, als er 2013 das Ende von Opel in Bochum beschloss.

Die ersten neun Monate: Von Januar bis Ende September hatte sich VW wacker geschlagen: Die Zahl der ausgelieferten Fahrzeuge fiel um 1,5 Prozent auf 7,43 Millionen, der Umsatz stieg um 8,5 Prozent auf 160,2 Milliarden Euro. Das Ergebnis nach Steuern fiel durch den Dieselskandal um gut die Hälfte auf 3,99 Milliarden Euro. Positiv wirkte sich die Trennung von Suzuki aus. Durch den Verkauf der Anteile kamen 1,5 Milliarden Euro in die Kasse, das China-Geschäft steuerte fast konstant 3,8 Milliarden Euro bei.

Selbst bei Sorgenkind VW-Pkw stieg im dritten Quartal die Marge: Vor Zinsen und Steuern blieben 2014 von umgesetzten 100 Euro 2,30 Euro über, nun sind es 2,80 Euro.

Lesen Sie auch: 

VW-Konzern im dritten Quartal mit Milliardenverlusten

VW-Werk Kassel: Nach Abgasskandal ruht die Hoffnung auf E-Antrieb

Folge des Abgasskandals: Freitag ruht die Arbeit im VW-Werk Kassel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.