Bestseller-Autor Thilo Sarrazin in Kassel

+
Streitbar: Der Volkswirt und Ex-Politiker Thilo Sarrazin geht mit der Euro-Rettungspolitik hart ins Gericht.

Kassel. Wer die Hoffnung hegt, die Euro-Krise könne bald ausgestanden sein, ist bei Thilo Sarrazin an der falschen Adresse.

Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen seines Buches „Deutschland braucht den Euro nicht“, ist der streitbare Volkswirt gegenüber den Rettungsaktionen für die Gemeinschaftswährung weder milder noch optimistischer gestimmt.

„Ich halte die Situation um den Euro für immanent instabil“, sagte Sarrazin am Donnertagabend vor 150 Zuhörern auf einer HNA-Podiumsdiskussion in Kassel. „Und ich glaube, dass sie auch die nächsten acht bis zehn Jahre immanent instabil bleiben wird.“

Lesen Sie auch:

-Thilo Sarrazin: "Griechenland ist das Bremen Europas"

Sarrazin, ehemals Spitzenbeamter, Berliner Senator, Bahnmanager und Bundesbankvorstand, ist ein Provokateur mit einem gewaltigen Vorrat an Zahlen. Etwa, wenn er vorrechnet, dass die Finanzhilfen für Griechenland 53 mal so hoch sind wie die Summe, die Deutschland durch den Marshall-Plan erhielt  – dem Programm, mit dem die USA nach dem Zweiten Weltkrieg die westeuropäische Wirtschaft anschoben. Hochverschuldet, von Finanzhilfen abhängig – „Griechenland ist das Bremen Europas“. Die Hellas-Stütze beläuft sich laut Sarrazin bisher auf 150 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts. Übertragen auf Deutschland käme das einer Hilfe von 4000 Milliarden Euro für Deutschland gleich. Ein Hilfsprogramm dieser Intensität könne sich die Eurozone nur einmal leisten. Aber Griechenland drohe, zum Testfall für weitere Krisenkandidaten zu werden.

Hoffnung, dass die Euro-Zahler ihre Hilfen jemals wiedersehen, bestreitet Sarrazin: „Griechenland wird niemals seine Schulden bezahlen können.“ Einmal im Zuge, fegt er das Argument von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom Tisch, dass Europa scheitere, wenn der Euro scheitert: „unhistorischer Politkitsch“.

Die Verletzung der No-bail-out-Klausel im Maastricht-Vertrag, nach der kein Euroland für die Schulden eines anderen einstehen muss, sei jedoch nicht der Kern der Eurokrise. Ihre Ursache liege in der unterschiedlichen Kosten- und Preisentwicklung in den Eurostaaten, die nicht mehr durch Änderungen der Wechselkurse ausgeglichen werden können.

Sarrazin will den Euro nicht abschaffen, aber er will ihn nicht um jeden Preis für Alle. Zurück zum Maastricht-Vertrag, keine weiteren Finanzhilfen, müssten die Forderungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel sein – auch wenn dann einzelne Länder aus dem Euro ausstiegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse sich auf ihre ursprüngliche Aufgaben der Geldpolitik beschränken.

Doch die Politik werde wohl am Euro festhalten und die EZB weiter Geld in die Finanzmärkte pumpen, und eine anziehende Inflation in den nördlichen Euroländern in Kauf nehmen, sagt Sarrazin voraus. Baldige Rettung? Kaum. „Das kann nur gelingen, wenn wir aus Griechen, Spaniern und Franzosen eine Mischung von Deutschen, Holländern und Schweizern machen. Und das halte ich für utopisch.“

Von Barbara Will

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.