Politologe und Bundeswehr-Hauptmann Lindemann über die Afghanistan-Strategie

„Die Politik hat Angst“

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Marc Lindemann

Der Norden Afghanistan galt vor Jahren noch als ruhig und sicher, heute ist er Kampfzone.

Hat die Bundeswehr versagt?

Marc Lindemann : Nein Die Bundeswehr hat stets das Beste geleistet, was sie angesichts ihrer ständigen personellen Unterbesetztung und der magelhaften Ausrüstung tun konnte. Versagt haben andere.

Wer sind das?

Lindemann: Es wird übersehen, dass nicht nur das Verteidigungsministerium hier zuständig ist, sondern auch Entwicklungsministerium, Innenministerium und Auswärtiges Amt Verantwortung übernommen haben. Bei meinen beiden Einsätzen in Afghanistan konnte ich keinenzusammenhängenden Ansatz, keine Koordinierung des Wiederaufbaus erkennen.

Was hat das für Folgen?

Lindemann: Den Afghanen ist ab 2001 alles mögliche versprochen worden. Demokratie - nun gut, daran waren sie nie stark interessiert - aber eben auch Wiederaufbau, Frieden, Stabilität, Entwicklung. Das ist alles nicht eingetreten, und viele Afghanen wenden sich deshalb unseren Gegnern zu.

Hätte man zur Friedenssicherung nicht die vielen Waffen beschlagnahmen müssen, die durch die verschiedenen Kriege der Vergangenheit immer noch im Land vorhanden sind?

Lindemann: Ja, eine monströse Aufgabe, die man hätte angehen müssen. Aber man setzte auf Entwaffnungsprogramm auf freiwilliger Basis - dies entsprach einem idealistisches Menschenbild fern der Realität. Diese Waffen waren teuer gekauft worden, die gibt niemand freiwillig ab. Vor militärischem Zwang scheute man aber aus Angst vor Verlusten zurück.

Hätte das Bundeswehr-Mandat eine gewaltsame Entwaffnung überhaupt hergegeben?

Lindemann: Wenn es das nicht hergegeben hätte, hätte man das Mandat der Realität anpassen müssen und nicht umgekehrt.

Lindemann: Die politische Führung hatte stets Angst vor den Konsequenzen, das Militär zu dem einzusetzen, wozu es ausgebildet ist, nämlich mit Waffengewalt Stabilität in Afghanistan herzustellen. Man glaubte lange, die Lage werde sich von alleine irgendwie beruhigen. Die Truppe vor Ort hat die Probleme gesehen, denn sie hatte viel Kontakt mit den Afghanen. Sie hat die Klagen gehört, die Bitten um Hilfe. Aber die Truppe musste sagen: Wir dürfen nicht. Von zivilen Helfern und ihren Organisationen ist oft zu hören, erst die Anwesenheit der Bundeswehr bringe die Helfer und ihre Arbeit in Gefahr.

Haben Sie Verständnis für diese Sichtweise?

Lindemann: Ich respektiere den Ansatz einiger Organisatuion, die sagen, wir wollen grundsätzlich nichts mit Militär zu tun haben, auch nicht, wenn die Lage brenzlig wird. Das ist jedermanns eigene Entscheidung. Aber es hilft nichts, Mädchenschulen zu bauen und Gleichstellungsseminare abzuhalten, wenn die jungen Frauen sich nicht mehr auf die Straße wagen. Dann ist eine Mädchenschule nur ein leer stehendes Gebäude. Ohne Stabilität sind alle zivilen Projekte nichts wert.

Nun ist vor der Afghanistan-Konferenz von mehr ziviler Hilfe und einer Aufstockung des Bundeswehrkontingents die Rede Ist das der richtige Weg?

Lindemann: 500 Mann mehr scheinen mir zu wenig. Es kann zwar nicht darum gehen, das Land großflächig zu befrieden, das ist auch nicht notwendig. Aber in Kernbereichen, dort, wo die Taliban wieder Fuß gefasst haben, muss ich kampfbereit sein, muss ich in der Lage sein, den Feind zu besiegen.

Muss das nicht Aufgabe der afghanischen Armee sein?

Lindemann: Die muss zunächst vernünftig ausgebildet werden. Wir können zwar einmal eine Kompanie oder einBatallion zu einer Operation hinzuziehen, aber das Land allein kontrollieren und befrieden kann die Armee nicht.

Entwicklungsminister Dirk Niebel hat im Zusammenhang mit der neuen Afghanistan-Strategie davon gesprochen, die Bundeswehr igele sich zu sehr in ihren Camps ein.

Lindemann: Ein ähnliche Aussage von US-General McChrystal habe ich schon als bodenlose Unverschämtheit empfunden. Wo sind denn unsere 36 Soldaten gefallen? Doch ausserhalb der Lager! Natürlich hat sich die Lage verändert. Wir können nicht mehr im offenen Geländewagen durch die Gegend fahren, hier eine Reispfanne essen und dort Tee mit der Bevölkerung trinken. Die Sicherheitslage gibt das nicht mehr her. Aber unsere Männer und Frauen fahren täglich raus und riskieren ihr Leben. Das Bundeswehrkontingent soll jetzt offenbar aufgestockt werden.

Das ist aber doch schon in der Vergangenheit geschehen.

Lindemann: Aber immer nur als Reaktion auf eine fast schon außer Kontrolle geratene Lage. Man hat nie versucht, die Initiative zu erlangen - und das ist wider jeglichen militärischen Sachverstand, der sagt, wir müssen immer Reserven schaffen. Man hätte schweres Gerät - Artillerie, Kampfpanzer und mehr Hubschrauber - an den Hindukusch schaffen müssen. Nicht, um es ständig einzusetzen, sondern um im Ernstfall schnell reagieren zu können.

Warum wurde das Ihrer Meinung nach versäumt?

Lindemann: Das hätte nach Krieg ausgesehen. Lieber hat man den Bürgern etwas von einem Stabilisierungseinsatz vorgegaukelt.

Fühlen sich die deutschen Soldaten im Stich gelassen?

Lindemann: Schon lange. Die Soldaten sind im Kampf, und sie wollen das nicht als Stabilisierungseinsatz verniedlicht wissen. Sie haben Anspruch darauf, Ernst genommen zu werden.

Ist es nicht eine Lehre der Geschichte, dass man am Ende eines Krieges doch irgendwie mit dem Gegner, dem Feind verhandeln muss? Niemand glaubt doch, dass die Taliban besiegt werden können.

Lindemann: Ich kann mich Verhandlungen nie verschließen. Aber es dürfen keine Verhandlungen aus einer Position der Schwäche sein. Und es darf nicht vergessen werden, dass es einen kleinen harten Kern islamistischer Kräfte gibt, die keinen Frieden wollen.

Von Wolfgang Blieffert

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