Peter Scholl-Latour sieht Deutschland von Unruhe in arabischer Welt nicht betroffen

Interview mit Autor Peter Scholl-Latour: „Dieser Krieg geht uns nichts an“

Die Welt aus den Fugen: Die arabische Revolution führt zu zahlreichen Gewaltausbrüchen im Nahen Osten. Der Bürgerkrieg in Syrien könnte zum Flächenbrand werden. Foto:  dpa

In seinem neuen Buch „Die Welt aus den Fugen“ vergleicht Nahost-Experte Peter Scholl-Latour die Welt mit einem heraufziehenden Gewittersturm. Wir haben mit ihm über mögliche Gefahren für Deutschland gesprochen.

Kann der Bürgerkrieg in Syrien auch für Deutschland gefährlich werden?

Peter Scholl-Latour: Für Deutschland wird das überhaupt nicht gefährlich. Deutschland bildet sich nur ein, dass es gefährlich werden könnte. Ich weiß gar nicht, warum wir uns darüber aufregen. Dieser Krieg geht uns nichts an.

Droht angesichts der Kämpfe zwischen Syrien und der Türkei ein Flächenbrand?

Scholl-Latour: Den Flächenbrand gibt es bereits. Ich weiß nicht, wer die Granaten abgeschossen hat. Es kann auch sein, dass die Aufständischen das Feuer im Grenzgebiet eröffnet haben. Denn die türkische Reaktion wäre natürlich im Interesse dieser Freiheitskämpfer. Dort sammeln sich die ganzen salafistischen Kräfte aus der islamischen Welt.

Könnte die Nato, könnten also auch deutsche Soldaten, in den Konflikt gezogen werden?

Scholl-Latour: Nach dem, was man in Libyen erlebt hat, wird man das wahrscheinlich nicht nochmal praktizieren. Ich bin froh, dass Muammar al-Gaddafi nicht mehr an der Macht ist, aber Libyen versinkt im Chaos. Nach dem Tod des amerikanischen Botschafters kam die Meldung, dass die Bevölkerung in Bengasi auf die Straße gegangen ist, um gegen die Mörder zu protestieren. Das ist nicht wahr. Da wurden Feindschaften zwischen den verschiedenen Gruppen ausgetragen.

Wie schätzen Sie vor allem die Rolle Saudi-Arabiens sowie anderer Nachbarländer Syriens ein?

Scholl-Latour: Es ist bezeichnend, dass der Vertreter der Hamas aus Syrien weggegangen ist und in Katar seine Zelte aufgeschlagen hat. Die kämpferischen Palästinenser sehen, dass Syrien ihnen nicht mehr helfen kann und setzen jetzt auf die sunnitischen Emirate, vor allem auf Saudi-Arabien. Saudi-Arabien und Katar liefern Waffen und das Geld an die syrischen Aufständischen.

Wo liegen aus Ihrer Sicht derzeit die größten Risiken in der islamischen Welt? Könnten sich Konflikte wie der zwischen Schiiten und Sunniten auf ganze Regionen oder Kontinente ausweiten?

Scholl-Latour: Das ist bereits geschehen. Im Libanon ist die Hisbollah die stärkste militärische Kraft. Im Irak ist der Krieg zwischen Hisbollah und Sunniten und Schiiten in vollem Gange.

Ein Blick nach Afghanistan: Wie schätzen Sie die Lage dort nach dem angekündigten Abzug der amerikanischen Truppen ein?

Scholl-Latour: Der amerikanische Verteidigungsminister hat eine Erklärung abgegeben, dass sich alles zum Besseren wende. Das ist gelogen. Die Situation hat sich verschlechtert. Die Nationalarmee, die vom Westen aufgestellt wurde, ist in keiner Weise zuverlässig und verursacht Verluste in den Reihen der Nato. Wie dort 2014 Sicherheit herrschen soll, ist mir unklar.

Welche Fehler hat der Westen dort gemacht?

Scholl-Latour: Alle, die man nur machen konnte. Dieser Feldzug nach dem 11. September 2001 war psychologisch verständlich. Aber dann hätte man sehen müssen, dass man die Taliban zunächst mal zerschlägt. Ab 2003 war sicher, dass die Sache schief gelaufen war und dass Hamid Karsai sich nicht halten können würde.

Wird der Konflikt zwischen Israel und Palästina auch künftig den Gewittersturm der Weltpolitik anfachen?

Scholl-Latour: Die Israelis haben 2006 im Krieg mit der Hisbollah im Libanon einen Rückschlag erlebt, damit hatte dort niemand gerechnet. Derzeit ist es an der libanesischen Grenze ja ruhig. Aber wenn die Moslem-Brüder in Syrien die Macht ergreifen, dann wird die Grenze am Golan auch nicht mehr sicher sein.

Wird sich das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern durch die arabische Revolution ändern?

Scholl-Latour: Das Verhältnis wird sich zusehends verschlechtern. Von israelischer Seite ist ja bereits gesagt worden, dass mit einem palästinensischen Staat nicht zu rechnen sei. Und wenn man auf die Landkarte schaut, ist das auch geografisch gar nicht möglich.

Welche Interessen sollte die deutsche Außenpolitik im Hinblick auf die arabische Revolution verfolgen?

Scholl-Latour: Die deutsche Politik soll sich aus den Sachen raushalten. Wir können nur unsere Karten verderben. Die Deutschen sind in der islamischen Welt beliebt. Da hat keiner was gegen uns. Ich weiß nicht, warum wir Sanktionen gegen den Iran verhängen, wir haben doch keine Konflikte. Wir sollten aufhören uns zu äußern, als würde Wilhelm II. noch leben.

Der deutsch-französische Autor und Fernsehjournalist Dr. Peter Scholl-Latour (88) gilt als einer der versiertesten Kenner der arabischen Welt. Er wurde 1924 in Bochum geboren. Nach dem Abitur am Kasseler Wilhelmsgymnasium studierte Scholl-Latour Philologie und Politologie in Mainz, Paris und Beirut. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes aus erster Ehe und hat Wohnsitze in Berlin, Paris und Nizza. Gestern ist sein neues Buch „Die Welt aus den Fugen: Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart“ erschienen (Propyläen Verlag, 24,99 Euro).

Von Kathrin Meyer

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