Die #Meetoo-Debatte ist keine Hexenjagd

Sex und Machtmissbrauch: Der Fall Wedel steht für ein ganzes System

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Ehemaliger Herrscher über die Hersfelder Stiftsruine: Der zurückgetretene Intendant Dieter Wedel

Nach seinem Rücktritt als Bad Hersfelder Festspielintendant gibt es neue Sex-Vorwürfe gegen Dieter Wedel. Es wird immer schwieriger, ihm zu glauben. Eine Analyse.

In den vergangenen Tagen war oft davon die Rede, dass Dieter Wedel ein Opfer sei. Ein Opfer der Medien, einer sensationsgeilen Öffentlichkeit und von Frauen, die sich angeblich viel zu spät an vermeintliche sexuelle Übergriffe erinnerten. Mittlerweile wird es immer schwieriger, daran zu glauben.

Die Vorwürfe gegen den zurückgetretenen Intendanten der Hersfelder Festspiele sind so massiv und erscheinen derart plausibel, dass man darüber reden muss. Im Fall Wedel geht es nicht um einen Einzelfall wie beim ehemaligen ARD-Wetterexperten Jörg Kachelmann, der von einer enttäuschten Geliebten der Vergewaltigung bezichtigt wurde.

Anders als dessen Ex-Partnerin haben die Frauen, die behaupten, Wedels Opfer zu sein, kein Motiv. Sie haben sich bislang auch nicht in Widersprüche verwickelt. Zeugen untermauern ihre Aussagen. Der Charakterdarsteller Michael Mendl bestätigt die Vorwürfe ebenfalls: "Es geht nicht, dass Wedel die Frauen der Lüge bezichtigt."

Im Fall Wedel handelt es sich offensichtlich um ein System, das Opfer wie Esther Gemsch hervorgebracht hat. Unter ihrem Mädchennamen Christinat sollte die Darstellerin 1980 die Hauptrolle in der TV-Serie "Bretter, die die Welt bedeuten" spielen, die Wedel für den Saarländischen Rundfunk drehte.

Der "Zeit" hat die 62-Jährige nun erzählt, wie ihre Agentinnen ihr rieten, den "großen Wedel" auf keinen Fall zu verärgern. Darum sei sie mit ihm aufs Hotelzimmer gegangen, wo er ihren Kopf gepackt und immer wieder aufs Bett geschlagen habe. Eine Dreiviertelstunde habe die Gewalt-Attacke gedauert. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Vereinsarzt des FC Bayern München, diagnostizierte laut Akte als "Folge der Gewalttätigkeit vom 12. 12. 80" unter anderen ein "Nacken-Schulter-Arm-Syndrom".

Gemsch verzichtete damals auf eine Anzeige, weil sie kein Geld hatte, erst 24 war und Wedel schon ein Gigant. Er habe ihr gedroht, sie zu vernichten, wenn sie etwas erzählen sollte.

Wer sich fragt, warum Frauen wie Gemsch erst so viel später ihr Schweigen brechen, muss sich nur die Facebook-Kommentare zu Wedels Rücktritt als Hersfelder Festspielintendant durchlesen. "Jetzt kommen offenbar alle aus den Löchern, die keinen Fuß fassen konnten, und versuchen, doch noch ins Rampenlicht zu kommen. Heutzutage kann man ja mit sowas berühmt werden", schreibt ein Torsten. Die #Meetoo-Debatte hätte zu Denunziantentum geführt, heißt es. Und viele fühlen sich an eine mittelalterliche Hexenjagd erinnert. Dabei ist bislang noch kein Mann verbrannt worden - weder der Filmproduzent Harvey Weinstein noch der Schauspieler Kevin Spacey, deren Verfehlungen in den USA alles ins Rollen brachten.

Der tiefe Fall des gesundheitlich angeschlagenen Wedel ist tragisch und taugt für ein Theaterstück. Das würde aber nicht nur von dem Regiestar und den Frauen handeln, über die er wie ein "Absolutist" geherrscht haben soll, wie ihm Mendl vorwirft. Es würde auch um vermeintliche Mitwisser gehen wie die Produzenten des Saarländischen Rundfunks und dessen Tochterfirma Telefilm Saar. Sie müssen sich ebenso unangenehmen Fragen stellen wie der Streamingdienst Netflix, der den Hauptdarsteller Spacey nach Bekanntwerden der Sex-Vorwürfe aus seiner Erfolgsserie "House of Cards" strich, vorher aber nichts von all den Dingen mitbekommen haben will.

Früher wurde Wedel immer wieder vorgeworfen, er würde für seine Erfolgsfilme gern erfolgreiche US-Produktionen kopieren. Es ist eine bittere Pointe, dass er nun wie ein deutscher Kevin Spacey oder Harvey Weinstein erscheint. Das einzig Gute daran ist, dass nun endlich auch hierzulande konkret über Machtmissbrauch durch Männer geredet wird, der jahrzehntelang nicht nur im Show-Geschäft an der Tagesordnung war.

Die Vorwürfe gegen Wedel

  • Am 3. Januar werfen drei Ex-Schauspielerinnen Wedel im "Zeit"-Magazin sexuelle Belästigungen in den 90er-Jahren vor. In einem Fall geht es auch um eine angebliche Vergewaltigung.
  • Die österreichische Schauspielerin Sonja Kirchberger verteidigt Wedel am 5. Januar in der "Bild"-Zeitung indirekt: „Es gab sehr viele Gerüchte über Affären, aber ich habe nie etwas über sexuelle Übergriffe gehört oder derartiges gesehen“. Viele Frauen seien dem Regisseur „nie abgeneigt“ gewesen, hätten sich „bisweilen äußerst aggressiv an ihn rangemacht“.
  • In der "Zeit" vom 18. Januar berichtet die Schauspielerin und Präsidentin der Deutschen Filmakademie, Iris Berben, Wedel habe sie bei einem Dreh gedemütigt, nachdem sie nicht auf seine Avancen eingegangen sei: "Er machte mich fertig. Wedel rächte sich, wenn jemand nicht bereit war, sein Spiel zu spielen."
  • Neue Vorwürfe in der "Zeit" am 25. Januar. Diesmal berichten die Schauspielerinnen Esther Gemsch (damals Christinat) und Uwe Christensen von sexuellen Attacken bis zur Vergewaltigung.

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