Moderation, Gedicht und Dialog

Dokumentation: Die Türkei und der Fall Böhmermann

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Moderator Jan Böhmermann (links) und der türkische PräsidentPräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Die „Schmähkritik“ des ZDF-Moderators Jan Böhmermann: Wie ein ZDF-Moderator, den viele lustig finden, die Kanzlerin in Bedrängnis bringt. Eine Dokumentation.

Wir dokumentieren das sogenannte Schmähgedicht des ZDF-Moderators Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Böhmermann trug es in der Sendung „Neo Magazin Royale“ vor, die am 31. März bei ZDF neo ausgestrahlt wurde.

  • Die Moderation davor: Böhmermann nahm in seiner Anmoderation Bezug auf die NDR-Sendung „Extra3“. Hier war ein Lied mit dem Titel „Erdowie, Erdowo, Erdowan“ ausgestrahlt worden, das unter anderem die Menschenrechtsverstöße in der Türkei aufspießte. In Ankara war deshalb der deutsche Botschafter einbestellt worden. Böhmermann sagte dazu: „Was die Kollegen von Extra 3 da gemacht haben, also inhaltlich humorvoll mit dem umgegangen sind, was Sie da quasi politisch unten tun, Herr Erdogan – das ist in Deutschland, in Europa gedeckt von der Kunstfreiheit, von der Pressefreiheit, von der Meinungsfreiheit ... Das darf man hier.“ Anders sei dies bei einer herabwürdigenden Schmähkritik. „Vielleicht erklären wir das an einem praktischen Beispiel“, kündigte Böhmermann an und trug dann das „Schmähkritik“-Gedicht vor - mit dem fragenden Hinweis: „Also, das Gedicht. Das, was jetzt kommt, das darf man nicht machen?“ Sein Dialog-Partner im Studio, Ralf Kabelka, antwortete: „Darf man nicht machen.“ Darauf Böhmermann: „Wenn das öffentlich aufgeführt wird, das würde in Deutschland verboten.“ Kabelka antwortete: „Bin der Auffassung: das nicht.“ Böhmermann: „Okay. Das Gedicht heißt Schmähkritik.“ Dann trug er es vor.

  • Das Gedicht: „Sackdoof, feige und verklemmt, ist Erdogan der Präsident. Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner, selbst ein Schweinefurz riecht schöner. Er ist der Mann, der Mädchen schlägt, und dabei Gummimasken trägt. Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken, Kurden treten, Christen hauen und dabei Kinderpornos schauen. Und selbst Abends heißt statt schlafen, Fellatio mit hundert Schafen. Ja, Erdogan ist voll und ganz ein Präsident mit kleinem Schwanz. Jeden Türken hört man flöten, die dumme Sau hat Schrumpelklöten, Von Ankara bis Istanbul, weiß jeder, dieser Mann ist schwul, pervers, verlaust und zoophil Recep Fritzl Priklopil. Sein Kopf so leer, wie seine Eier, der Star auf jeder Gangbang-Feier. Bis der Schwanz beim Pinkeln brennt, das ist Recep Erdogan, der türkische Präsident.“
  • Der Dialog danach: Nach dem Applaus des Studio-Publikums ging der Dialog von Böhmermann und Kabelka weiter. (... ) Kabelka: „Nicht klatschen!“ Böhmermann: „Dankeschön. Also, das ist jetzt ‘ne Geschichte, was könnte da jetzt passieren?“ Kabelka: „Unter Umständen nimmt man es aus der Mediathek! Das kann jetzt rausgeschnitten werden.“ Böhmermann: „Also, wenn die Türkei oder ihr Präsident da was dagegen hätte, müsste er sich erst mal ‘nen Anwalt suchen.“ (...)

Fragen und Antworten zur Staatsaffäre Böhmermann:

Wer ist der ZDF-Moderator Jan Böhmermann? 

Der 35-Jährige ist ein rhetorisch begabter, schlagfertiger und wortwitziger Medienprofi. Leser, die diesen Satz für Satire halten, sollten Böhmermann immerhin zubilligen, dass er sich zu inszenieren versteht und dass seine Nischensendung „Neo Magazin Royale“ auf ZDF neo immer wieder auch jenseits von Programmtipps im Gespräch ist. Die Latenight-Show hatte zuletzt 290.000 Zuschauer. Bei Facebook und Twitter hat er jeweils weit mehr als eine halbe Million Fans. Der aus Bremen stammende und in Köln lebende Böhmermann war einst Mitglied im Team des ehemaligen Fernseh-Entertainers Harald Schmidt.

Wie reagierten die Chefs des ZDF auf sein „Gedicht“? 

Der Sender erwirkte die Löschung der Clips mit dem „Schmähgedicht“ von Videokanälen. Die „Neo Magazin Royale“-Folge wurde aus der Mediathek gelöscht, später – um den Beitrag mit dem Gedicht gekürzt – wieder eingestellt. ZDF-Verantwortliche sahen die Grenzen von Ironie und Satire überschritten. Inzwischen gibt es auch Strafanzeigen gegen ZDF-Verantwortliche. Der Sender ließ verlauten, man wolle an Böhmermann festhalten. Die für heute geplante Sendung sagte Böhmermann ab. Zudem steht er unter Polizeischutz, weil ihn Anhänger Erdogans bedrohen könnten. Lustige wie seriöse Zeitgenossen und Kollegen Böhmermanns bekundeten ihre Solidarität.

Wie reagierte der türkische Präsident Erdogan? 

Er verlangte in einer diplomatischen Note an die Bundesregierung, dass Böhmermann strafrechtlich verfolgt wird. Erdogan stellte Strafantrag wegen Beleidigung und lässt sich von einem Münchner Anwalt vertreten. In Deutschland könnte Paragraf 103 des Strafgesetzbuches greifen, der die Beleidigung von Staatsoberhäuptern mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe belegt. Der türkische Vize-Regierungschef Numan Kurtulmus meint: Böhmermann habe mit dem Gedicht alle 78 Millionen Türken beleidigt und „ein schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen“.

Wie reagierte die Bundesregierung? 

Die Bundesregierung muss einem Verfahren nach Paragraf 103 zustimmen. Man prüfe den förmlichen Wunsch der Türkei nach Strafverfolgung, lautet die offizielle Reaktion. Ein Regierungssprecher berichtete, dass Kanzlerin Angela Merkel das „Gedichte“-Thema in einem Telefonat mit dem türkischen Regierungschef Ahmed Davutoglu angesprochen habe. Beide seien sich einig gewesen, „dass es sich um einen bewusst verletzenden Text handele“. Unabhängig davon seien die Freiheit der Kunst und der Presse für die Kanzlerin nicht verhandelbar.

In welcher Zwickmühle steckt die Kanzlerin jetzt? 

In der Debatte werden Fragen aufgeworfen wie: Was darf Satire? Ist heutzutage jeder verbale Müll schon Satire? Hat Böhmermann die Meinungsfreiheit ausgenutzt oder die Grenzen so überschritten, dass er juristisch belangt werden muss? Sollte die Kanzlerin einem Verfahren nach Paragraf 103 nicht zustimmen, gefährdet sie womöglich die Beziehungen zur Türkei, auf deren Wohlwollen sie in der Flüchtlingskrise angewiesen ist. Sollte Merkel dagegen ein Verfahren in Gang setzen lassen, wird dies von vielen als Kuschen vor dem autoritären Erdogan gewertet werden. Dass Merkel betont, das eine – Flüchtlingspolitik – habe mit dem anderen – Affäre Böhmermann – nichts zu tun, versteht sich von selbst. Realisten könnten diesen Merkel-Satz aber auch als politische Satire werten.

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