Junge mit Down-Syndrom soll kein Präzedenzfall sein

Fall Henri: Warum Junge mit Down-Syndrom nicht in seine Wunschschule darf

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Henri hat das Down-Syndrom: Seine Eltern möchten den Elfjährigen dennoch gern auf das Gymnasium im badischen Walldorf schicken, weil dort die meisten seiner Freunde sind.

Henri (11) aus Walldorf bei Heidelberg macht bundesweit Schlagzeilen, seine Mutter schafft es bis in Günther Jauchs Talk-Show: Sie will ihr Down-Syndrom-Kind auf das Gymnasium oder die Realschule schicken, doch die Schulen lehnen dies ab. Fragen und Antworten zur Inklusion in Theorie und Praxis.

Obwohl der Raum Mannheim Modellregion für Inklusion ist, lehnen zwei Schulen den elfjährigen Henri ab. Warum greift Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) nicht ein?

Kultusminister Stoch will den Schulen nichts aufzwingen und Henri nicht zum Präzedenzfall machen: „Für mich funktioniert Inklusion nur, wenn sie von den Beteiligten mitgetragen wird.“

Warum möchten Henris Eltern den Jungen unbedingt dorthin schicken?

Henri soll mit seinen bisherigen Schulkameraden zusammen bleiben. Sie seien für ihn eine große Unterstützung.

Bedeutet die Ablehnung, dass es an Gymnasien keine Inklusion geben wird? 

Nein, Stoch erwartet von den Schulen, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen. Denn im Sommer 2015 soll ein neues Schulgesetz gelten, das den Eltern die Wahlfreiheit zwischen Förder- und Regelschule gibt.

Kommt die Regelung für Henri nicht zu spät? 

Fälle in Hessen und Niedersachsen 

Dem Kultusministerium in Hessen ist kein Fall im Bundesland bekannt, bei dem Eltern auf den Gymnasialbesuch ihres geistig behinderten Kindes klagen, sagt ein Sprecher. Das Ministerium weist auf die Unwahrscheinlichkeit hin, dass ein geistig behinderter Schüler den Anforderungen standhalte. In Niedersachsen haben Eltern geistig oder körperlich behinderter Kinder seit vergangenem Schuljahr einen Rechtsanspruch auf einen Schulplatz in allen Schulzweigen – auch im Gymnasialzweig. In Niedersachsen werden neun geistig behinderte Schüler an Gymnasien unterrichtet, sagte die Sprecherin des Kultusministeriums, Susanne Schrammer. (dag)

Aus Sicht des Ministers nicht. Denn Henris Eltern haben schon jetzt das Angebot, den Jungen auf eine Werkrealschule oder eine von zwei wohnortnahen Gemeinschaftsschulen zu schicken. Diese Schulen hätten Erfahrung mit Inklusion und auch die Möglichkeiten dafür. Wahlfreiheit, so der Kultusminister, beziehe sich auf Förder- oder Regelschule, aber nicht auf die Wahl einer bestimmten Schule. Es geht also nicht darum, Henri auf eine Förderschule zu zwingen. Wo er letztlich unterrichtet werden wird, steht noch nicht fest. Gestern wollte sich die Mutter auf Anfrage unserer Zeitung nicht dazu äußern.

Hätte Henri im Gymnasium überhaupt eine Chance mitzukommen?

Darum geht es nicht. Henris Eltern wissen, dass er kein Abitur machen kann. Inklusiver Unterricht bedeutet, für jedes Kind individuelle Lernziele festzulegen. Die Kinder lernen also auf unterschiedlichen Anspruchsebenen. Inklusion bedeutet nicht, Behinderte in ein System zu integrieren. Behinderte und Nichtbehinderte sollen vielmehr selbstverständliche Teile eines Systems sein.

Fürchten Eltern nichtbehinderter Kinder gerade an Gymnasien zu Recht Nachteile für ihre Kinder? 

Inklusive Bildung richtet sich ja nicht nur an die Behinderten. Verstärkte individuelle Förderung soll allen Kindern angeboten werden. Experten meinen, sie erhöhe die Lernwirksamkeit und verringere schulisches Scheitern bei allen Schülern.

Was wird aus den behinderten Kindern, deren Eltern die Förderschule vorziehen?

Gerade weil Inklusion noch keine Selbstverständlichkeit ist, soll es keinen Zwang zur Inklusion geben. Laut Kultusministerkonferenz liegt der Anteil der Förderschulkinder in Deutschland in den letzten Jahren konstant bei 4,8 Prozent, 2012 waren es 355 100 Kinder. Gleichzeitig bekommen an den Regelschulen immer mehr Kinder sozialpädagogische Förderung, die Quote stieg seit 2003 von 14,4 auf 28,2 Prozent 2012.

Warum tun sich die Länder schwer mit der Inklusion? 

Zum einen, weil es viele Vorbehalte gibt. Zum anderen, weil Inklusion Geld kostet. Das hessische Schulgesetz sagt, dass Inklusion nur dort möglich ist, wo auch die Ressourcen zur Verfügung stehen. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die Inklusion befürwortet, forderte am Sonntag bei Jauch mehr Ehrlichkeit in der Debatte. Der Staat habe im Moment nicht das Geld, „an jeder Schule dafür zu sorgen, dass Inklusion perfekt gelebt wird.“

Von Petra Wettlaufer-Pohl

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