Interview

Drama in Norwegen: Polizist Rainer Wendt warnt vor schnellen Schuldzuweisungen

Utøya/Kassel. Vier Wochen nach dem verheerenden Doppelanschlag von Norwegen werden immer mehr Vorwürfe gegen die Polizei laut. Die Beamten hätten Breivigs Treiben auf der Insel Utøya zunächst tatenlos zugesehen und auf Verstärkung gewartet.

Dadurch wurde kostbare Zeit vergeudet. Wie würden deutsche Beamte mit einer solchen Situation umgehen? Darüber sprachen wir mit Rainer Wendt, dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Herr Wendt, angeblich hat die norwegische Polizei auf Verstärkung gewartet, bevor sie auf Utøya eingriff. Wie würden deutsche Beamte in einem solchen Fall reagieren?

Rainer Wendt: Das ist nur schwer zu vergleichen, da es eine solche Situation in Deutschland noch nicht gegeben hat. Aber die deutsche Polizei hat bei Einsätzen dieser Art, so genannten Amoklagen, andere Strategien. Nach dem Amoklauf an einer Schule in Erfurt hat sie dazulernen müssen. Damals haben die Beamten wie in Norwegen zunächst auf das Eintreffen der Spezialkräfte gewartet, was auch der damaligen Einsatztaktik entsprach. Diese ist nach dem Vorfall bundesweit geändert worden. Bei uns sind die Streifen, also die am nächsten verfügbaren Einsatzkräfte, verpflichtet, auf den Täter einzuwirken und ihn unschädlich zu machen - auch unter Einsatz ihres Lebens.

Wie beurteilen Sie die Kritik an den norwegischen Kollegen?

Wendt: Damit halte ich mich zurück. Was die einzelnen Geschehensabläufe betrifft, will ich den Untersuchungsergebnissen nicht vorgreifen - das wäre auch sehr ungerecht. Man muss sich einmal in eine solche Situation hineinversetzen. Nach dem Bombenanschlag in Oslo herrschte ein heilloses Chaos. Dann noch die Situation auf Utøya unter Kontrolle zu bringen, war ungeheuer schwierig, da die Kollegen noch nie etwas Vergleichbares erlebt hatten. Ob die zuständige Leitstelle richtig gehandelt hat, muss sich zeigen. Vielleicht konnte sie unter dem enormen Stress auch gar nicht anders reagieren. Vorwürfe sind jetzt fehl am Platz.

Erscheint Ihnen im Rückblick das Vorgehen der norwegischen Polizei plausibel?

Wendt: Unter zwei Aspekten war das Vorgehen nachvollziehbar: Erstens ist Norwegen ein sehr friedliches Land, weshalb die Beamten vor Ort in besonderem Maße von den Anschlägen überrascht wurden. Zweitens ist jede Polizei nur so gut, wie die Politik sie ausstattet. In Oslo war zunächst weder ein Hubschrauber noch ein Boot verfügbar. Das alles ist ein Ergebnis von Entscheidungen, die nicht in den Händen der Polizei liegen.

Wie gut ist die deutsche Polizei ausgestattet?

Wendt: Beim Personalbedarf gibt es gravierende Missstände. In den vergangenen zehn Jahren sind gut 10.000 Planstellen abgebaut worden, weitere 10.000 sollen vor allem in den neuen Bundesländern gestrichen werden. Bundesweit stößt die Polizei an ihre Grenzen, da wir große Probleme haben, die Spezialeinheiten aufzustocken. Wer will schon für eine Gefahrenzulage von 154 Euro sein Leben riskieren? Sie sollte mindestens 400 Euro betragen.

Wie sieht gute Prävention aus?

Wendt: Neben einer guten Wirtschaftspolitik ist eine gesunde und funktionierende Gesellschaft die beste Prävention, so banal das klingt. Wenn man sich in einem Land wohlfühlt, neigt man nicht zu solchen kruden Gedanken. Grundsätzlich muss man aber akzeptieren, auf solche Fälle nie zu hundert Prozent vorbereitet sein zu können.

Muss die deutsche Polizei nach Norwegen ihre Strategien für Einsätze neu überdenken?

Wendt: Nein, wir haben in Deutschland sehr erfahrene Einsatzführer und ausgefeilte Strategien für solche Einsätze. Die Stabsarbeit der Polizei, die Einteilung in bestimmte Einsatzabschnitte, die richtige Schwerpunktsetzung - das alles sind Teile eines stimmigen Konzepts. Was wir brauchen, sind genügend Einsatzkräfte, um solche Dinge auch üben zu können.

Von Kristin Dowe

Zur Person:

Rainer Wendt (54), Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft und Polizeihauptkommissar, stammt aus Duisburg. Er ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.

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