Tod in der Flammenhölle

Vor 70 Jahren: Dresden lag nach Bombardierung in Schutt und Asche

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Stadt der Toten: Auf dem Dresdner Altmarkt wurden städtischen Akten zufolge 6865 Leichen verbrannt.

Dresden. Lange gab es Streit um die Opferzahl. Historiker haben die Frage inzwischen geklärt. Dresden gedenkt in diesen Tagen der Bombardierung vor 70 Jahren.

Es geht noch alles zu Grunde. Nun ist schon Liegnitz besetzt, und Görlitz wird geräumt. In Dresden wimmelt es von Flüchtlingen. Das Herz kann einem bluten. Und niemand macht ein Ende.“

Die Dresdnerin Frida Mehnert schreibt diese Zeilen am 12. Februar 1945 an ihren Bruder. Von Osten rückt die Rote Armee näher, und aus der Luft wird die Stadt immer wieder von alliierten Bombern angegriffen. Seit Kriegsbeginn hat es 174 Fliegeralarme gegeben, 98 Mal schon haben die Einwohner der Stadt in die Keller flüchten müssen. Am Abend des 13. Februar 1945 heulen die Sirenen erneut. Auch Frida Mehnert und ihr Mann Karl suchen Schutz in den Kellern unter der Erde. Um kurz nach zehn fallen die ersten Bomben. Es ist der Beginn der Zerstörung Dresdens. Eine Stadt von opulenter Schönheit fällt in dieser Nacht in Schutt und Asche. In zwei Angriffswellen werfen 786 britische Lancaster-Bomber 2650 Tonnen Luftminen, Spreng- und Brandbomben ab. In den Explosionen und im Feuersturm kommen Tausende um, in den Kellern ersticken die Menschen. Viele, die sich durch die Trümmer ins Freie kämpfen, verbrennen auf den Straßen bei lebendigem Leibe.

Stadt der Toten: Auf dem Dresdner Altmarkt wurden städtischen Akten zufolge 6865 Leichen verbrannt.

Das Feuer rast durch die Stadt, von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, vergiftet die Luft, verzehrt den Sauerstoff, weicht den Asphalt auf. Flüchtende bleiben stecken, werden von Todesangst gepackt, schreien um Hilfe, Tausende rennen um ihr Leben, bis zu den Elbwiesen, in den Großen Garten. Hier hoffen sie, zu überleben. Doch auch diese Fluchtpunkte, so berichten Augenzeugen, werden von den Bombern ins Visier genommen. Hans Schröter entkommt der Flammenhölle. Er schreibt später in einem Brief: „Ich habe kein Interesse mehr am Leben. Stehe nun ganz alleine auf der elenden Welt – keinen Sinn und Zweck mehr – für was soll ich noch arbeiten? Habe Familie und sieben Angehörige durch die Wahnidee Hitlers eingebüßt.“ Hans Schröter findet seine Familie am Morgen des 14. Februar in der Marienstraße – dem Zentrum des Feuersturms. Sie ist in dem Inferno erstickt. Wenige Tage, bevor der Dresdner Hans Schröter seine grausige Entdeckung macht, ist das Schicksal seiner Stadt wohl besiegelt worden. Auf der Konferenz von Jalta legen US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Großbritanniens Premier Winston Churchill und Russlands Staatschef Josef Stalin die Endphase des Krieges fest: „Zeitliche Folge, Umfang und Koordinierung von neuen und noch kraftvolleren, gegen das Herz Deutschlands von Osten, Westen, Norden und Süden her durch unsere Heeres- und Luftstreitkräfte zu führende Schläge sind in vollem Einvernehmen beschlossen und in allen Einzelheiten geplant worden.“

Die alliierten Schläge unter Leitung des britischen Luftwaffenmarschalls Arthur Harris lassen den Dresdnern kaum Zeit, Tote zu bergen und Verwundete zu versorgen. Nach der apokalyptischen Nacht folgt der nächste Angriff am Mittag des 14. Februar. Die US-Luftwaffe bombardiert den Güterbahnhof, mehrere Stadtteile und den Bahnhof, wo sich viele Flüchtlinge aufhalten. 24 Stunden später werfen amerikanische B-17-Besatzungen nochmals Sprengbomben über dem Stadtgebiet ab. Die ausgebrannte Frauenkirche bricht zusammen. Das Wahrzeichen liegt darnieder. Die Stadt ist am Ende. „Elbflorenz“ ist untergegangen. Das Motiv für diese infernalische Zerstörung und das übergeordnete strategische Ziel der Alliierten über das bloße Lahmlegen des unverteidigt daliegenden Verkehrsknotenpunktes hinaus, sind bis heute umstritten. Klar ist: Für die Rüstung arbeitende Betriebe und das Kasernengelände wurden nicht gezielt angegriffen. Britische Historiker haben von einem britischen und amerikanischen „Geheimplan Donnerschlag“ berichtet, der im Bewusstsein des Sieges vorgesehen habe, deutsche Großstädte im Osten einzuäschern, um nach Kriegsende über die Aufteilung Deutschlands „mit den Russen von der Position der Stärke aus verhandeln zu können“. Der ehemalige Präsident des Verbandes der britischen Luftwaffenveteranen, Michael Beetham, betonte dagegen die psychologische Wirkung der Bomben auf die Bevölkerung Dresdens: Der Angriff habe der deutschen Moral einen schweren Schlag versetzt und zur Niederlage Hitlers beigetragen. „Es mag zynisch klingen“, sagte Beetham, „aber Dresden war ein Ziel wie jedes andere auch.“ Wie Tausende andere hat auch Frida Mehnert die Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 nicht überlebt. Sie und ihr Mann Karl erstickten im Keller des Hauses Nr. 42, Marienstraße, inmitten der Flammenhölle von Dresden. (jsc)

Das Gedenken: Gauck in der Frauenkirche

Vor fünf Jahren rief Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (61) erstmals zu einer Menschenkette in der Stadt auf, um ein friedliches Zeichen aller demokratischen Kräfte gegen die Vereinnahmung des 13. Februars durch Neonazis zu setzen. Seitdem beteiligen sich jedes Jahr über 10.000 Menschen daran. Diesmal will auch Bundespräsident Joachim Gauck dabei sein. Er will in der Frauenkirche eine Rede halten. (dpa)

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