Interview über Schutz von Frauen und Kindern in Erstaufnahme-Camps

DRK-Vizepräsidentin: „Erzwungene Untätigkeit ist das Schlimmste“

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Ankunft in ungewisser Zukunft: Eine Flüchtlingsfrau auf der griechischen Insel Lesbos nach dem Übersetzen in einem Schlauchboot von der Türkei aus. 

Im Gespräch mit unserer Zeitung verlangt die DRK-Vizepräsidentin Donata Schenck Schutz von Frauen und Kindern in den Erstaufnahme-Camps.

Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland wächst täglich um einige Tausend. Eine riesige Zahl von Menschen wartet derweil in vielen Erstaufnahmeeinrichtungen darauf, dass es mit ihnen irgendwie weitergeht. Immer wieder kommt es zu Übergriffen und Polizeieinsätzen. In jüngster Zeit mehren sich Hinweise auf sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen. Aus diesem Anlass sprachen wir mit der Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg.

Frau Schenck, wie gut kennen Sie sich in den Erstaufnahmeeinrichtungen aus?

Schenck: Ich schaue sie mir quer durch Deutschland an und kenne viele. Ich melde mich oft nicht einmal an, wenn ich sie besuche, weil ich das richtige Leben sehen will und nicht nur die Oberfläche.

Sind die jungen Männer tatsächlich in der Mehrheit?

Schenck: Ja, das ist so, vor allem junge, alleinreisende Männer im Alter zwischen 20 und 30. Erst seit ein paar Tagen kommen vermehrt Frauen mit Kindern. Die jungen Männer verlassen ihre Heimat oft, weil sie nicht in den Krieg gehen wollen. Das ist in Syrien nicht anders als in Eritrea. Deren überschüssige Kraft kann in den Flüchtlingslagern oft ein Grund für Aggressionen sein. Die erzwungene Untätigkeit ist das Schlimmste.

Was schlagen Sie vor?

Schenck: Ideal wäre, wenn die Flüchtlinge schnell in Praktika und Jobs kämen. In den Camps selbst sollte es mehr Selbstverwaltung geben, gerade auch mit Tätigkeiten für Männer. Da muss kein Müll über den Zaun fliegen.

Das haben Sie gesehen?

Schenck: Im thüringischen Suhl. Auch im nordhessischen Schwarzenborn musste die öffentliche Müllabfuhr viel aufräumen, dafür war der Sanitätsbereich das Herz des Camps. Ein gutes Beispiel ist Calden bei Kassel, dort werden viele Flüchtlinge mit einbezogen, z.B. in der Kleiderkammer, bei der Essens- und Getränkeausgabe, bei Reparaturen.

Wie ist die Situation der Frauen in den Einrichtungen?

Schenck: Sie leben, wenn sie Glück haben, in eigenen Zelten oder Räumen. Wenn nicht, versuchen sie sich mit Vorhängen eigene Bereiche und Sichtschutz zu schaffen. Gerade alleinreisende Frauen müssen besonders geschützt werden. Duschen und Toiletten müssen abschließbar sein. Das Umfeld der Sanitärbereiche muss hell beleuchtet sein. Hygieneartikel für Frauen müssen von Frauen verteilt werden, und das in eigenen Bereichen. Die Kompetenz und eine fortlaufende Schulung des Sicherheitspersonals sind meines Erachtens auch in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Am besten wäre jeweils eine Art Hausmutter als Ansprechpartnerinnen für Frauen und Kinder.

Haben Sie Kenntnis von Übergriffen?

Schenck: Manche Gerüchte bestätigen sich nicht. An anderen wird was dran sein. Deswegen gibt das DRK Handlungsempfehlungen für seine Einrichtungen heraus, damit nichts passiert. Die ständig zunehmende Zahl von Flüchtlingen und Einrichtungen erschwert die Etablierung von Qualitätsstandards. Wir wünschen uns Gemeinschaftsräume, Spielzimmer und mehr Beratungen.

Die Flüchtlinge dürften ja wohl ganz eigene Vorstellungen von ihrem Leben in Deutschland haben und vielleicht ja auch schon familiäre Verbindungen?

Schenck: Ja, das stimmt. Ich habe jemanden getroffen, der zu seinen Verwandten nach Frankfurt wollte. Er musste aber in einen Bus steigen und wurde nach der Verteilung des Königsteiner Schlüssel irgendwohin gefahren. Bei diesen Menschen müssen wir davon ausgehen, dass sie bei der nächsten Gelegenheit zu ihren Verwandten türmen.

Was sollte für die Frauen und Kinder getan werden?

Schenck: Wir müssen zwischen den Erstaufnahmeeinrichtungen und späteren Lösungen gemäß des Königsteiner Schlüssels unterscheiden. Spätestens wenn sie die Erstaufnahme verlassen konnten, sollten Frauen intensiv in Gespräche über ihre Rechte, über Sitten und Gewohnheiten hierzulande eingebunden werden, Deutsch lernen und angebotene Kurse belegen. Da gibt es ganz tolle Initiativen gerade von Ehrenamtlichen. Das ist der Einstieg, das stiftet Beziehungen und Vertrauen. Gute Dolmetscher, besonders für Arabisch, fehlen oft.

Wie optimistisch sind Sie denn über die Erfolgsaussichten der Frauen mit Blick auf konservative Wertvorstellungen und eventuelle Verbote ihrer Männer?

Schenck: Das zu überwinden dauert wohl mindestens eine ganze Generation. Wir müssen sehr langfristig und in vielen kleinen Schritten und Projekten denken.

Zur Person

Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg (64) ist Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. Die Sozialpädagogin war u.a. Mitglied im Beirat der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration. Sie lebt in Hausen (Schwalm-Eder-Kreis) und zeitweilig in Berlin, ist verheiratet und hat drei Kinder.

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