In der Medizin bislang oft unterschätzt

Droge als Medizin: Strafrechtler setzen sich für Cannabis ein

Hanfpflanzen: Cannabis ist zum Konsum verboten, ist aber in der Medizin hilfreich. Foto: dpa

Frankfurt. Strafrechtler setzen sich für eine liberalere Politik im Umgang mit Cannabis ein. Eine unterschätze Rolle spielt die medizinische Seite bei der Schmerztherapie.

Für die einen ist es eine Droge, die verboten bleiben muss, weil sie schnell zur Abhängigkeit führt und krank machen kann, für die anderen ein Segen in der Medizin. Anders als beispielsweise in den Niederlanden sind die Gesetze in Deutschland restriktiv. Cannabis-Produkte gelten als illegale Suchtmittel, Besitz, Handel und Anbau sind mit wenigen Ausnahmen für Schmerzpatienten verboten. Eine hochkarätige Gruppe von Strafrechtsprofessoren will das ändern. Sie setzt sich für eine Freigabe ein, um Cannabis zu entkriminalisieren. Bei einer Tagung gestern in Frankfurt gab es einen breiten Konsens, für eine Liberalisierung. Geplant ist ein Modellversuch. Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland.

Trotz der unbestrittenen Suchtgefahren und negativen Auswirkungen auf das Gehirn (siehe Artikel rechts) wird die Rolle von Hanf in der Medizin bislang oft unterschätzt. Den beiden Hauptwirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) wird eine krampflösende und vor allem schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben.

Für den Wiesbadener Arzt Dr. Thomas Nolte sind entsprechende Produkte „eine effektive, gut verträgliche Substanz und eine Bereicherung im Spektrum eines Schmerztherapeuten und Palliativmediziners“. Das sagte er der Deutschen Presseagentur. Vor allem bei Patienten mit sehr starken Schmerzen, etwa bei Tumorerkrankungen oder Multipler Sklerose, eignen sie sich. In der Medizin wird Cannabis nicht geraucht, sondern als Tablette oder ölige Substanz verordnet.

Betäubungsmittelrezept

Dennoch wird Dronabinol - der Handelsname einer Substanz, die aus dem Cannabis-Wirkstoff THC hergestellt wird - nach den Erfahrungen von Nolte nur selten verschrieben. Grund: Es müsse über ein Betäubungsmittelrezept verordnet werden, die Krankenkassen trügen nur manchmal die Kosten.

Firmen wie etwa THC Farm in Frankfurt stellen eine Rezeptursubstanz her, aus der Apotheker für jeden einzelnen Patienten individuell dosierte Kapseln oder Tropfen zusammenstellen. Vorraussetzung ist eine ärztliche Verordnung.

Nolte fordert, dass Ärzte über Cannabis-Medikamente genauso verfügen können müssten wie über Antidepressiva oder Antiepileptika. In Deutschland zugelassen ist lediglich das Medikament Sativex.

Israelische Forscher arbeiten an einer Methode, die Konzentration der Wirkstoffe so zu steuern, dass sie in der Schmerztherapie eingesetzt werden können und gleichzeitig keine rauschhafte Wirkung mehr entfalten. Die suchtfördernden Substanzen sollen quasi herausgefiltert werden. Die Wissenschaftler stellten einen Inhalator vor, der ähnlich wie eine E-Zigarette funktioniert. Dabei wird konzentriertes THC-Granulat in Mikrogramm-Portionen verdunstet. In israelischen Krankenhäusern wird das Gerät bereits eingesetzt.

Studie: Gehirnareale werden geschädigt

Wissenschaftler der Universität Texas schlagen Alarm: In einer Studie wiesen sie nach, dass regelmässiger Cannabiskonsum über einen langen Zeitraum bestimmte Areale des Gehirns zum Schrumpfen bringen kann. Für die Studie mussten 48 Erwachsene sechs Monate lang mindestens viermal pro Woche Cannabis konsumieren. Ergebnis: Das Volumen der so genannten grauen Hirnsubstanz war bei ihnen danach deutlich kleiner als bei Nicht-Konsumenten. Ein hohes Volumen an grauer Substanz wird in Zusammenhang mit einem höheren Intelligentquotienten gebracht. Im Umkehrschluss heißt das: Je geringer die graue Hirnsubstanz, desto weniger intelligent ist der Betroffene.

Allerdings, so fanden die Wissenschaftler weiter heraus, kann sich die weiße Substanz im Gehirn durch Cannabis erhöhen. Sie ist für das Zusammenspiel der Nervenzellen, die Konnektivität, zuständig.Vermutet wird, dass das Gehirn damit den Mangel an grauer Substanz auszugleichen versucht. Bei langem Konsum sinke die Konnektivität aber wieder. Die gespaltene Entwicklung mache deutlich, wie komplex die Auswirkungen auf das Gehirn seien, so die Autoren der Studie.

Von Peter Klebe

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