Militär geht gegen abtrünnige Region vor

Humanitäre Krise in Äthiopien: Dürre, Heuschrecken und jetzt Krieg

Flüchtlinge aus der Konfliktregion Tigray in einem Lager der Vereinten Nationen im Sudan.
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Flüchtlinge aus der Konfliktregion Tigray in einem Lager der Vereinten Nationen im Sudan.

Seit Anfang November wird in Nord-Äthiopien gekämpft. Nach Dürren, Überschwemmungen, der Heuschrecken-Plage und der Corona-Pandemie wird die humanitäre Lage am Horn von Afrika immer schlimmer.

Sich gegenüber stehen die Truppen des äthiopischen Militärs unter dem Kommando des Ministerpräsidenten Abiy Ahmed und Kämpfer der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), welche die Regierung der nördlichen Region stellt. Der bewaffnete Konflikt droht die gesamte Region zu destabilisieren. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht.

Die Lage eskalierte im Herbst, nachdem die Zentralregierung für dieses Jahr vorgesehene Wahlen wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschob. Sie sollen nächstes Jahr stattfinden. Die TPLF ließ trotzdem wählen, was in der Hauptstadt Addis Abeba nicht anerkannt wurde. Die Tigray-Führung wiederum erkennt die Regierung von Ahmed nicht mehr an. Die ersten Angriffe sollen von der TPLF ausgegangen sein, doch gesichert ist das wie so vieles nicht. Die Region ist von der Außenwelt abgeschnitten. Ahmed schickte Truppen und Flugzeuge, mittlerweile wurden auch Ziele im seit 1993 von Äthiopien unabhängigen Nachbarstaat Eritrea von der TPLF attackiert.

Ethnische Gruppen in Äthiopien haben sich bewaffnet

Die Ursprünge dieses Konflikts gehen jedoch viel weiter zurück. „Die TPLF dominierte seit 1991 das politische Geschehen in Äthiopien, bis Abiy Ahmed 2018 zum Ministerpräsidenten wurde“, erklärt Nicole Hirt, wissenschaftliche Mitarbeiterin am GIGA-Institut für Afrika-Studien in Hamburg. Die TPLF war Anfang der 1990er-Jahre maßgeblich für den Sturz der sozialistischen Derg-Diktatur verantwortlich, die 1974 Kaiser Haile Selassie gestürzt hatte. Von 1991 bis 2019 gehörte die TPLF der regierenden Parteienkoalition an, welche unter dem neuen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed aufgelöst wurde. Fortan war die TPLF außen vor.

Unter der Parteienkoalition entstand 1991 der äthiopische Staat, der bis heute besteht: ein ethnischer Föderalismus. Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat, die 112 Millionen Einwohner verteilen sich auf mehr als 100 Gruppen. Die größten sind die Amharen und die Oromo, die mit Abiy Ahmed erstmals einen Ministerpräsidenten stellen. Er stieß Reformen an, ließ Gefangene frei. Zu den Tigray gehören etwa sechs Millionen Menschen, sie stellten von 1995 bis 2012 mit Meles Zenawi den langjährigen Regierungschef.

„Ahmed hat für Aufbruchsstimmung gesorgt, gerade unter den jungen Oromo“, sagt Michael Tröster, Landesdirektor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Äthiopien. „Aber diese Form des Föderalismus hat den ethnischen Nationalismus in den Köpfen der Leute gefördert und sich über die Jahre festgesetzt.“ Nicole Hirt betont: „Die verschiedenen ethnischen Gruppen haben sich stark militarisiert.“

Ahmed (44) erhielt 2019 für seine Aussöhnungspolitik mit Eritrea den Friedensnobelpreis. „Der Frieden mit Eritrea wurde von der alten Garde der TPLF als Affront empfunden, die von 1998 bis 2000 im Grenzkrieg gegen Eritrea gekämpft hatte“, sagt Tröster. Eritreer und Tigray hatten bis 1991 noch zusammen gegen die sozialistische Militärdiktatur gekämpft.

Hilfsorganisationen kommen nicht in umkämpfte Region Tigray

Die aktuellen Gefechte treffen ein Land, welches tief in einer humanitären Krise steckt, sagt Matthias Späth, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Addis Abeba. „Es gab mehrere Jahre in Folge schwerwiegende Dürren, gefolgt von Überschwemmungen. Dann kamen die Heuschrecken, das Coronavirus, immer wieder aufflammende ethnische Konflikte mit vielen Toten und nun ein Krieg im eigenen Land.“ Laut Späth sind mindestens 20 Millionen Äthiopier auf Hilfslieferungen angewiesen. Die Landwirtschaft und mit ihr die Viehzucht – an vielen Orten die einzige Proteinquelle für die sehr junge Bevölkerung – liegt am Boden.

Späth berichtet von mindestens 25 000 Geflüchteten aus Tigray, die bereits im benachbarten Sudan angekommen sind. Er erwartet bis zu 200 000 weitere Menschen auf der Flucht, die das abgeriegelte Tigray derzeit aber kaum verlassen können. „Wir brauchen dringend sichere Zugangskorridore zu diesen Menschen, um sie mit Nothilfe versorgen zu können.“ Erst wenn die grundlegendsten Bedürfnisse dieser Menschen wieder gesichert seien, könnten Perspektiven entstehen – auch für den Sudan, der die Menschen nicht alleine versorgen könne.

Verhärtete Fronten: Keine Lösung des Konflikts in Sicht

Wie die Kämpfe beendet werden könnten, ist nicht abzusehen. „Die TPLF hat erfahrene Kämpfer in ihren Reihen, sie kennen die bergige Region auswendig. Sie sind klar im Vorteil, auch wenn Ahmed über Kampfflugzeuge verfügt“, schätzt Hirt die Lage ein. „Das Eskalationspotenzial ist enorm.“

Äthiopien-Beobachter, wie Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen, haben die Sorge, dass unter Ahmed autoritäre Tendenzen zurückkehren. „Er ist Teil des alten Modells.“ Der Regierungschef entstammt dem Sicherheitsapparat des Staates, der auch dem Sturz der Diktatur keine freien Wahlen ermöglichte.

„Es braucht international abgestimmtes Vorgehen, um beide Seiten an den Verhandlungstisch zu bringen. Die Fronten sind zu sehr verhärtet. Außerdem sind äthiopische Einheiten wichtig im Kampf gegen islamistische Terrorgruppen in Somalia, da wurden schon erste Soldaten abgezogen“, sagt Tröster von der Friedrich-Ebert-Stiftung. (Von Gregory Dauber)

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