Datenschützer besorgt

Alarmsystem fürs Auto: eCall-Notruf erneut verschoben

Testlauf für eCall, hier 2007 in Straubing: Auf einem mobilen Computer wird der Standort eines Autofahrers mit simuliertem Herzinfarkt gezeigt. Archivfoto: dpa

Brüssel. Datenschützer sind besorgt: Das Alarmsystem eCall im Auto darf kein heimlicher Datensauger werden, fordern sie.

Wenn’s kracht, holt eCall Hilfe - per Knopfdruck oder automatisch, europaweit, auf allen Straßen. Das ist die Idee hinter dem Auto-Alarmsystem der EU. Es wurde mehrfach verschoben, zuletzt kurz vor Weihnachten: Statt im Oktober 2015 sollen neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge nun spätestens ab April 2018 das Unfall-Alarmsystem an Bord haben. Angeschoben wurde das Projekt schon 2002: Die EU-Kommission wollte auch per eCall die Zahl von damals jährlich 50 000 Verkehrstoten bis 2010 halbieren. Die Marke wurde im vergangenen Jahr fast geschafft.

Auch ohne eCall. Das lässt weiter auf sich warten. Die Technik ist längst Standard, nach und nach schob sich neben das hehre Ziel Unfallrettung allerdings der Datenschutz. Die Möglichkeit, beim Unfall per SIM-Card und Mobilfunk Lebensretter in Marsch zu setzen, sehen Experten nur als Kulisse. Dahinter verstecken sich Datensauger, deren Nutzung so grenzenlos wie unreguliert ist.

„Parallel zum eCall-System wird still und heimlich ein zweites System in die Autos installiert, das Zusatzdienste erlaubt, die unbeschränkt und permanent Daten über das Netz vermitteln“, sagte Volker Lüdemann, Professor für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Osnabrück, im Juli 2014 dem Wochenblatt Zeit. „Hier wird unter dem Deckmantel der Lebensrettung die Grundlage für den gläsernen Autofahrer geschaffen.“

Schon heute sammeln Sensoren unter der Motorhaube jede Menge Fahrdaten. Mit eCall würde ihnen ein Weg ins Internet geebnet. Fahrtstrecken, Motordaten, Geschwindigkeiten, Bremsmanöver - alles wäre zu haben. Und willkommen bei Versicherern, die sich für den Fahrstil ihrer Kunden interessieren, bei der Polizei auf der Jagd nach Temposündern, bei Arbeitgebern, die wissen wollen, was in ihren Dienstwagen so läuft. Auch bei Autobauern, die vernetztes Fahren als nächstes großes Ziel ansteuern und in Online-Dienstleistungen unterwegs einen Milliardenmarkt wittern.

Extraangebot 

Als Extra bieten Autobauer einen eigenen Notruf längst an. Als erste deutsche Assekurranz lässt die Sparkassen-Versicherung S-Direkt seit einem Jahr 1000 Kunden freiwillig dauerüberwachtes Fahren per GPS-Satellit testen.

Die EU will gesetzlich regeln, dass eCall-Daten nur extrem sparsam versendet werden: Zu welcher Kfz-Klasse gehört der verunglückte Wagen? Wo liegt er? Was hat er im Tank? Nur das soll laut Europaparlament im Fall des Unfalls an die Notrufnummer 112 gehen. Daten sollen nicht heimlich weitergegeben werden dürfen, schnellstens und permanent wieder gelöscht werden. Zusatzdienste sollen die Plattform wohl nutzen können - aber nicht unreguliert.

Hintergrund

• Wer einen Pannenservice zum Unfallort schicken kann, wird große Teile des Werkstattnetzes kontrollieren. Darum streiten sich laut IT-Fachdienst ZDNet Verbände und Lobbyisten hinter den Kulissen.

• Zwischen der geplanten eCall-Pflicht und privaten Konkurrenzmodellen der Autoindustrie versucht Brüssel jetzt rechtliche Grundlagen zu präzisieren, den Datenfluss und Begehrlichkeiten zu kanalisieren. „Ohne tragfähiges Geschäftsmodell keine Lebensrettung“, umreißt ZDNet den Interessenkonflikt zwischen Datenschutz und Wirtschaft: „ Autofahrer wurden nicht gefragt.“

• Papier der Datenschützer

http://zu.hna.de/kfzdaten

• Hintergrund ZDNet

http://zu.hna.de/zdnetdaten

Von Wolfgang Riek

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