"Auch ein Breivik hat Rechte" - Interview mit Spiegel-Gerichtsreporterin

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„Der Verteidiger hat dafür zu sorgen, dass dem begangenen Unrecht nicht noch staatliches Unrecht hinzugefügt wird.“ Gisela Friedrichsen über Anwälte wie Geir Lippestad (links), der mit seinen Kollegen in Oslo den Massenmörder Anders Breivik (rechts) verteidigt.

Kassel. Massenmörder, Vergewaltiger, Kinderschänder - ihre Taten ziehen den Zorn der Gesellschaft auf sich. Trotzdem werden solche Täter nicht allein gelassen. Im Rechtsstaat haben auch Menschen wie der Massenmörder Anders Breivik das Recht auf einen Verteidiger. Er soll dafür sorgen, dass der Prozess fair abläuft - und hat es dabei nicht immer einfach.

Der Kannibale von Rotenburg, der Sexualstraftäter Marc Dutroux, jetzt Anders Breivik: Gisela Friedrichsen hat schon über viele Prozesse berichtet, die die Welt beschäftigt haben. Als Gerichtsreporterin des Spiegel hat sie Einblicke in bedeutende juristische Fälle gehabt. Mit ihr haben wir über den Auftrag des Strafverteidigers gesprochen.

Haben Sie jemals einen Strafverteidiger gesehen, der sich dafür geschämt hat, einen Mörder, einen Vergewaltiger zu vertreten?

Gisela Friedrichsen: Nein, so etwas habe ich nie erlebt. Ich kenne Strafverteidiger, die sagen: Einen mutmaßlichen Vergewaltiger verteidige ich grundsätzlich nicht, ich übernehme in einem solchen Fall lieber die Vertretung der Nebenklage. Oder: Das Mandat eines mutmaßlichen NS-Verbrechers würde ich nicht annehmen. Aber dass sich ein Verteidiger der vorgeworfenen Tat seines Mandanten schämt - nein, so etwas kenne ich nicht.

Was gibt es bei dutzendfachem Mord wie dem in Oslo eigentlich noch zu verteidigen?

Friedrichsen: Auch wenn die Tat nicht bestritten wird oder gar nicht zu bestreiten ist, ist ein Verteidiger nicht überflüssig. Erstens schreibt das Gesetz in schweren Fällen die Hinzuziehung eines Verteidigers vor. Zweitens ist immer noch die Rechtsordnung zu verteidigen. Denn auch ein Angeklagter hat Rechte, die in einem Rechtsstaat zu beachten sind, zumal er erst als schuldig gilt, wenn dies rechtskräftig festgestellt ist.

Aber daran müssen sich die Beteiligten eines Verfahrens doch sowieso halten, oder?

Friedrichsen: Ich habe genug Fälle erlebt, in denen vor Prozessbeginn der oder die Angeklagten schon als Verbrecher schlimmster Art abgestempelt waren, und nachher gab es Freisprüche. Denn Ermittler können schlampig arbeiten, die Staatsanwaltschaft kann irren, Sachverständige können mangelhafte, ja falsche Gutachten erstellen, Angeklagte eine Tat gestehen, die sie gar nicht begangen haben. Wenn dann kein wehrhafter Verteidiger zur Stelle ist, hat der Angeklagte - und der Rechtsstaat - verloren.

Bei Anders Breivik ist aber klar: Er hat Dutzende Menschen getötet. Da gibt es nichts zu bestreiten. Was sind das für Menschen, die solche Täter verteidigen, obwohl deren Taten offen zutage liegen?

Friedrichsen: In einem Rechtsstaat haben auch solche Täter Anspruch auf Verteidigung und Wahrung ihrer Rechte. Es gibt sicher Anwälte, die eine gewisse Affinität zur Denkweise ihrer Mandanten haben. Das ist aber nicht die Regel. Gerade der Täter, der besonders große Schuld auf sich geladen hat und über den die ganze Welt den Stab bricht, braucht einen Menschen, nämlich den Verteidiger, der darauf achtet, dass dem begangenen Unrecht nicht noch weiteres Unrecht, nämlich staatliches, hinzugefügt wird. Stellt sich ein Anwalt dieser Aufgabe, verdient er allen Respekt.

Ist das also das Motiv eines Strafverteidigers - ein Soldat des Rechts, der nur aus Prinzip arbeitet?

Friedrichsen: Der gute Strafverteidiger hat dafür zu kämpfen, dass die Strafe im richtigen Verhältnis zur Schuld steht. Seine Rolle ist der Widerpart zur Anklage des Staates. Und so muss auch sein Selbstverständnis sein.

Haben Sie ein Beispiel?

Friedrichsen: Wie oft wird Mord angeklagt, und am Ende kommt zum Beispiel Totschlag im minderschweren Fall heraus, weil das Gericht eine sorgfältige Aufklärungsarbeit geleistet hat. Oder der Verteidiger, ich erinnere an den Fall Kachelmann, findet heraus, dass sich das so genannte Opfer offensichtlich aus Rache oder Enttäuschung eine Geschichte zurecht gelegt hat, so dass der Angeklagte gar nicht zu verurteilen ist.

Ob einer wirklich ein Mörder oder Vergewaltiger ist, steht vor Prozessbeginn ja noch nicht fest. Der Verteidiger macht sich erst mal ein Bild anhand der Aktenlage und schaut, was zugunsten seines Mandanten vorzubringen ist. Das kann so weit gehen - etwa in Fällen, in denen falsche Geständnisse abgelegt wurden - , dass von der Anklage nichts mehr übrig bleibt.

Welche Rolle spielt der Karrierewunsch von Verteidigern in Mord- oder Inzestprozessen?

Friedrichsen: Natürlich freut sich jeder junge Verteidiger, wenn er an einen Fall gerät, der ihn schlagartig bekannt macht. Denn dies tut seinem Geschäft gut, schließlich ist er ja kein Beamter, sondern selbstständig. Andererseits schließt der Abscheu der Öffentlichkeit vor seinem Mandanten auch ihn bisweilen mit ein. Wie oft mussten sich Verteidiger, die nichts weiter als ihren Job taten, schon vor Morddrohungen schützen. Wie oft hören Strafverteidiger von Kollegen, die sich lieber mit lukrativen Wirtschaftsmandaten befassen, Fragen à la: „Hast Du das nötig? Wieso machst Du so etwas?“

Fragen Sie sich das auch mit Blick auf die Strafverteidiger?

Friedrichsen: Ich meine, gerade der Verteidiger, der Strafverteidigung auf sich nimmt, hat Respekt verdient. Denn ohne den Verteidiger wäre der Rechtsstaat eine hohle Formel. Natürlich genießen Breiviks Verteidiger auch den Auftritt vor der Weltöffentlichkeit. Na und?

Sie finden es nicht anstößig? Immerhin geht es dabei um 77 Tote.

Friedrichsen: Meine Güte, was haben diese Verteidiger denn zu verteidigen? Die Unschuld? Breivik streitet seine Taten nicht ab. Ob er nun als Kranker lebenslang in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Einrichtung weggesperrt wird oder im Gefängnis, ist letztlich gleich. Ohnehin sind diese Verteidiger wohl nicht zu beneiden. Denn es gibt genug Leute, die sie mit dem Mandanten gleichsetzen. Also sei ihnen die Publicity gegönnt.

Kann Rechtsstaatlichkeit auch unmoralisch sein?

Friedrichsen: Unmoralisch würde ich nicht sagen, weil Moral etwas anderes ist als Recht und Gesetz. Die Regeln des Rechtsstaats einzuhalten, statt einfach Rachegelüsten nachzugeben, kann jedoch mitunter schwer fallen. Es ist für Opfer nicht leicht zu begreifen, wenn Gerichte etwa wegen geringer Schuld ein Verfahren einstellen oder gar freisprechen, weil dem oder den Angeklagten die Schuld an einem furchtbaren Unglück nicht nachzuweisen ist. Doch das muss eine Gesellschaft ebenso wie der Einzelne aushalten.

Manchmal ist auch die Sprache des Rechts und seine Interpretation nur schwer verständlich.

Kennen Sie ein Urteil, das nur schwer auszuhalten war?

Friedrichsen: Ich habe mal einen Fall erlebt, in dem ein Kind über Jahre hinweg auf unvorstellbare Weise misshandelt worden war. Weil es aber in seinen letzten Stunden vermutlich bewußtlos war, so dass zu seiner Tötung weitere grausame Handlungen nicht nötig waren, wurde der Täter nicht wegen Mordes sondern nur wegen Totschlags verurteilt. Denn das Mordmerkmal der Grausamkeit bezieht sich nur auf den Tötungsakt. Da war auch ich mit meinem Latein am Ende, wie ich dies dem Leser erklären sollte.

Von Andreas Berger

Zur Person

Gisela Friedrichsen (66) wurde 1945 in München geboren. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Friedrichsen volontierte 1973 bei der Augsburger Allgemeinen, ab 1974 arbeitete sie 16 Jahre lang als Redakteurin für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Seit 1989 schreibt sie für den Spiegel. Sie gilt als Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin. So berichtete sie unter anderem über den Kannibalen von Rotenburg, über den belgischen Mörder und Sexualstraftäter Marc Dutroux, über Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einer Kellerwohnung gefangen hielt, über den Kindermörder Gäfgen und über die SED-Größen Erich Mielke und Erich Honecker.

Hintergrund: Der Fall Breivik

Am Nachmittag des 22. Juli 2011 zündete Anders Breivik eine Bombe in der Osloer Innenstadt. Wenig später landete er in falscher Polizeiuniform auf der nahen Insel Utøya, auf der die Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei ein Sommerlager abhielt. Dort schoss er auf die Jugendlichen und Betreuer. Insgesamt kamen bei den Anschlägen 77 Menschen ums Leben. Seit Mitte April steht der selbst ernannte Kämpfer gegen alle Muslime und multikulturelle Entwicklungen in Oslo vor Gericht.

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