Belgien will schwerstkranken Kindern ab Mai Sterbehilfe erlauben

Sterben auf Verlangen: „Ein Engel soll mich holen“

Brüssel. Nathalie ist 14 Jahre alt. Sie möchte sterben. Am liebsten in den Armen ihrer Eltern. „Bitte machen Sie, dass ein Engel kommt und mich endlich holt“, hat sie vor einigen Tagen zu ihrem Arzt gesagt, der sie seit langem in dem Krankenhaus nahe Brüssel wegen des ständig weiter wachsenen Gehirntumors behandelt.

Er habe Tränen in den Augen gehabt, erzählt der Kinder-Onkologe. „Ich möchte ihr so gerne helfen, aber ihr hilft nichts mehr. Warum soll sie nicht sterben dürfen, wenn sie es will?“

Nathalie wird weiter leiden müssen. Erst kurz vor den Wahlen im Mai will das belgische Parlament einen Gesetzentwurf verabschieden, der Sterbehilfe auch an Kindern unter 18 Jahren erlaubt. Seit Monaten spaltet die Diskussion über das Vorhaben das Land. „Warum soll man Kindern, die unheilbar krank sind und unerträglich leiden, nicht die gleichen Möglichkeiten einräumen wie Erwachsenen?“, fragt Jan Bernheim von der Forschungsgruppe Sterbebegleitung der Freien Universität Brüssel. Liberale, sozialistische und grüne Politiker haben den Gesetzentwurf zusammen mit Kinderärzten ausgearbeitet.

HNA-Kommentar

Detlef Drewes: Begleiten, nicht töten

Gerlant van Berlaer ist einer von ihnen. Der 45-jährige Vater von zwei leiblichen und fünf Pflegekindern, sagt offen: „Ich will nicht Gott spielen. Ich will aber auch nicht das Leiden zum Tode geweihter Kinder, für die es keine Behandlung mehr gibt, gegen ihren Willen verlängern müssen.“ „Dr. Tod“ nennen ihn die belgischen Medien seither. Wenn die betroffenen Minderjährigen „Urteilsfähigkeit“ besitzen, „unheilbar krank sind“ und unter „unstillbaren physischen Schmerzen“ leiden, soll der belgische Gesetzgeber ihnen die Möglichkeit zur Sterbehilfe geben, sagt er.

Die Autoren der Sterbehilfe-Reform sagen, was damit gemeint ist: Euthanasie, das bewusste und aktive Eingreifen eines Arztes, der mit seinem Handeln das Leben des Patienten beendet. Dazu zählt die Abgabe von Medikamenten – nicht das Abschalten beispielsweise eines Beatmungsgeräts. Rechtlich handelt es sich dabei um den Verzicht auf eine Weiterbehandlung, die in Belgien wie auch in Deutschland längst erlaubt sind.

„Ein Kind kann in Belgien kein Haus kaufen. Ein Kind kann in Belgien keinen Alkohol kaufen. Dieses Gesetz würde dem Kind aber erlauben, seine Tötung zu fordern“, zeigt Carine Crochier vom Europäischen Institut für Bioethik in Brüssel den Widerspruch auf. Sie wird unterstützt von Bischöfen, katholischen Laien und muslimischen Verbänden.

Die Mediziner halten dagegen. Die Kinder seien durch die Auseinandersetzung mit ihrer schweren Krankheit und dem absehbarem Tod deutlich reifer als Gleichaltrige. Deshalb könnten sie bewusst und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte den Wunsch nach ihrem eigenen Tod formulieren.

Die Regelungen zur Sterbehilfe in der EU

Hilfe zum Sterben oder Mord? Wir erläutern die verschiedenen Begriffe und die Regelungen dazu in europäischen Ländern.

Aktive Sterbehilfe: Diese haben die meisten europäischen Staaten unter Strafe gestellt, auf eine Stufe mit Mord. Lediglich in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg dürfen Ärzte auf Wunsch des Betroffenen und nach zum Teil langwierigen Verfahren den Tod mit Hilfe von Medikamenten herbeiführen.

Beihilfe zur Selbsttötung: Der assistierte Suizid wird von einigen Ländern - wie zum Beispiel Deutschland - erlaubt. Neben Belgien, den Niederlanden und Luxemburg gilt das auch für die Schweiz und Schweden. Dennoch bleibt sie heftig umstritten, weil sie den beteiligten Arzt in große Schwierigkeiten bringt. Rein rechtlich darf er einem Sterbewilligen nämlich die entsprechenden Medikamente bereitstellen, muss aber eingreifen, wenn der die Präparate einnimmt.

Indirekte Sterbehilfe: Diese wird mit Ausnahme Polens von nahezu allen EU-Mitgliedstaaten hingenommen. Dabei bekommt der Patient starke Medikamente, die vorrangig zur Schmerzlinderung bestimmt sind, aber die Lebensdauer verkürzen (zum Beispiel Morphium). In Deutschland wie den meisten übrigen Staaten sind dazu eine Willensäußerung des Patienten oder eine gültige Patientenverfügung als Voraussetzung nötig.

Passive Sterbehilfe: Diese gilt in allen europäischen Ländern außer Polen als der gängige Weg, das Leiden eines Sterbenden zu verkürzen. Sie besteht im Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen. Sie wird auch häufig bei denjenigen angewendet, die keinen ausdrücklichen Willen oder eine Patientenverfügung hinterlassen haben. Ihr Ziel besteht darin, dem Schwerkranken ein würdevolles Sterben zu ermöglichen, ohne ihn zum Spielball der Apparatemedizin zu machen.

Problem mit freier Äußerung des Willens

Ein großes Problem der heutigen Gesetzgebung in Belgien ist der Umgang mit der wachsenden Zahl von Demenzkranken, die nicht mehr in der Lage sind, ihren eigenen Willen zu bekunden. Die geplante Reform sollte eigentlich ihnen den Zugang zu einem "würdevollen Tod" ermöglichen. Allerdings hätte man auf eine ausdrückliche und voll bewusste Zustimmung des Patienten verzichten müssen. Mit diesem Argument stieß man das Tor zur Euthanasie von Kindern auf, während Erleichterungen für alte Menschen wieder fallengelassen wurden.

Bei Umfragen gab es immer wieder eine Mehrheit für die Öffnung der Sterbehilfe auch für Minderjährige. Andere sprechen sich stattdessen für eine Ausweitung der Palliativmedizin nach deutschem Vorbild aus. Hierzulande haben Sterbende einen Anspruch auf Begleitung, bei Kindern ist sogar eine Betreuung der gesamten Familie vorgesehen.

Hintergrund: Verfahren dauert bis zu einem Jahr

2002 hat Belgien die aktive Sterbehilfe erlaubt. 1432 Patienten bekamen 2012 die Erlaubnis, durch die Hand eines Arztes aus dem Leben zu scheiden. Das Verfahren ist kompliziert, erfordert mehrere Gutachten von Medizinern und Überprüfungen der Willensäußerung. Am Ende muss eine Kommission entscheiden - bis zu einem Jahr kann sich das Verfahren hinziehen. Und dennoch gibt es scharfe Kritik, nicht nur von Katholiken, Protestanten, Muslimen und anderen Religionsgemeinschaften.

Von Detlef Drewes

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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