„Ein Privileg der Eltern“: Benehmen als Ausdruck der inneren Haltung

Lehrer Lämpel aus Wilhelm Buschs (1832-1908) berühmten „Max und Moritz“ von 1865. Wie die anderen Erwachsenen auch, so ist Lehrer Lämpel ein Opfer der bösen Buben. Busch kritisierte mit seiner Geschichte auch das Benimm-Ziel seiner Zeit, ein gehorsames, unauffälliges Funktionieren des Kindes. Archivfoto: nh

Gutes Benehmen ist Glückssache? Die Mehrheit der Deutschen möchte sich darauf nicht verlassen und wünscht, dass an Schulen Benimmunterricht erteilt wird.

Warum das wenig bringen würde, erläutert Dr. Asfa-Wossen Asserate im Interview.

In einer Umfrage sagen 75 Prozent der Deutschen, dass es an Schulen Benimm-Kurse geben sollte - je älter die Befragten, desto wichtiger fanden sie das. Was halten Sie von dieser Forderung? 

Dr. Asfa-Wossen Asserate: Gutes Benehmen allein bedeutet gar nichts. Wenn Sie jemanden haben, der die Etikette perfekt einhält, der weiß, wie er sich zu kleiden hat und sämtliche Anreden korrekt beherrscht - das besagt nur wenig, denn das Wesentliche fehlt. Und das sind zwei Werte: innere Haltung und Herzensbildung. Ohne diese Voraussetzungen bildet man keinen zivilisierten Menschen aus.

Warum nicht? 

Asfa-Wossen Asserate: Gutes Benehmen als Teil der Manieren ist ein ästhetischer Ausdruck der Moral. Dazu bedarf es eben dieser inneren Voraussetzungen.

Wie kommt ein Mensch zu innerer Haltung und Herzensbildung? 

Asfa-Wossen Asserate: Einem jungen Menschen innere Haltung zu vermitteln, das ist ein Privileg der Eltern, das diese sich auch nicht nehmen lassen dürfen. Diese Art der Menschwerdung muss im Elternhaus stattfinden.

Das heißt: Benimm-Kurse an Schulen bringen nichts? 

Asfa-Wossen Asserate: Verzeihung, aber wer an den Schulen soll den Schülern denn heute Manieren beibringen? Die Lehrer? Sie stammen doch zum größten Teil aus meiner Generation, der 68er, oder wurden nach deren Idealen erzogen. Das ist doch gerade die Philosophie, die sämtliche Manieren aus dem Fenster herausgeworfen hat.

Wie würden Sie den Wunsch nach besseren Manieren verstehen? 

Asfa-Wossen Asserate: Das zeigt die Hilflosigkeit vieler Menschen, weil der Respekt im Miteinander abnimmt. Was wir uns in den letzten 30 Jahren in Europa geleistet haben, ist die totale Zerdepperung von Tabus. Das bedeutete Orientierungs- und Bindungslosigkeit für die heutigen jungen Menschen, bei denen die Egozentrik eine wichtige Rolle zu spielen begann.

Wer legt heute in Deutschland fest, was gute Manieren sind? 

Asfa-Wossen Asserate: Das ist das grundlegende Problem: Es gibt keine Instanz, die diese Maßstäbe festsetzen könnte. Jeder kann sich heute seine Tugenden selbst aussuchen und neue Werte ausprobieren.

Welche denn? 

Asfa-Wossen Asserate: Wenn ich vor Schülern spreche, dann frage ich sie: Warum legt ihr nicht fest, wie man sich im Internet benimmt? Und warum sagt ihr nicht: Bestimmte Dinge mache ich im Internet nicht, denn das ist unter meiner Würde?

Haben reiche Menschen bessere Manieren als arme? 

Asfa-Wossen Asserate: Mitnichten, in keiner Weise! Wenn man das glaubt, ist das eine Beleidigung des deutschen Arbeiterstandes. Man schaue sich die vergilbten Fotografien aus den 1920er-Jahren an: deutsche Arbeiter, die im Anzug und mit Bowlerhut zu Demonstrationen erschienen. Mit dieser Haltung zeigten sie dem Adel und dem Bürgertum: Wir sind genauso anständig wie ihr.

Sind gute Manieren nicht auch von der Kultur abhängig? Chinesen spucken aus, was in Europa ein schlechtes Benehmen ist. 

Asfa-Wossen Asserate: Das ist etwas anderes, dabei handelt es sich um unterschiedliche Sitten. In Mitteleuropa ist es zum Beispiel höflich, den Teller leer zu essen. In China sollte man das aber nicht tun, weil man damit anzeigt, dass man noch Hunger hat. Dann bekommt man so oft aufgetan, bis man endlich etwas übrig lässt.

Gibt es gute Manieren, die weltweit gültig sind? 

Asfa-Wossen Asserate: Ja, es gibt Werte, die auch in unserer globalisierten Welt universelle Geltung haben. Das sind zum Beispiel Anstand, Respekt vor dem Alter, Achtung der Menschenwürde. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, das ist der schönste Satz im deutschen Grundgesetz. Die philosophische Wertung dieses einen Satzes sollte Pflichtunterricht an allen deutschen Schulen sein - dann kommt das gute Benehmen von ganz allein!

Hintergrund

„Benehmen“ als Schulfach, am besten gar verpflichtend? Drei von vier Bürgern in Deutschland (75 Prozent) sind nach einer neuen Umfrage dafür. 51 Prozent meinen, dass Benimm-Kurse an Schulen Pflicht sein müssten, für 24 Prozent immerhin Wahlfach. Ein obligatorisches Unterrichtsfach „Benehmen“ läge den Befragten damit mehr am Herzen als Wirtschaft (48 Prozent), Gesundheitskunde (42), Suchtprävention (39) oder Computerprogrammierung (35). Das Institut YouGov befragte 1330 Bürger

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