„Ein Rapper spricht Leute besonders an“

Interview: Salafismus-Experte erklärt, wie Fundamentalismus funktioniert

Kassel. Etwa 500 Islamisten mit deutschem Pass kämpfen in Syrien für den Islamischen Staat. Doch was treibt vor allem junge Männer in die Arme der Terroristen? Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht der Theologe und Islamwissenschaftler Friedmann Eißler über die Ursachen.

Der radikale Islam ist in Deutschland längst Jugendkultur. Warum werden junge Männer Salafisten und ziehen in den Dschihad in Syrien? 

Friedmann Eissler:Das Stichwort, das oft fällt, ist der Salafismus, eine besonders strikte Auslegung des Islams. Diese geht einher mit Konfrontation und mit der radikalen Ablehnung der hiesigen Gesellschaft. Es ist eine totalitäre Ideologie, die alle Lebensbereiche beansprucht und gerade dadurch für junge Menschen in Krisensituationen und auf der Suche nach Orientierung eine gewisse Anziehungskraft hat. Denn sie erhalten klare Ansagen: So ist es richtig, so falsch.

Attraktiv ist außerdem die gemeinsame Identität. Dazu kommt ein soziales Milieu, man hat einen gemeinsamen Slang. Die Jugendlichen werden kumpelhaft auf Deutsch angesprochen, das kommt gut an.

Ist der Hauptgrund die Zugehörigkeit oder die Orientierungslosigkeit? 

Eissler: Die Gründe sind sehr individuell. Dennoch spricht vieles dafür, dass eine gewisse Aussichtslosigkeit Jugendliche eher anfällig macht für die salafistische Ideologie, die sich als moralische Instanz aufspielt. Hassprediger pflegen die Opfermentalität, die Muslime seien Opfer der Gesellschaft. Auch darauf springen Jugendliche an.

Ist die Gesellschaft schuld, die diese Männer hinten runter fallen lässt oder die Staatsmacht, die nicht hart genug durchgreift? 

Eissler: Im Grunde ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, da gehören aber die staatlichen Institutionen auch dazu. Nicht durch mehr Kontrollen durch staatliche Instanzen, sondern wir brauchen eine breite, offene und auch kritische Diskussion über die Fragen von Radikalisierung und von Fundamentalismus. Ist denn wirklich Religion gefährlich, muss die Frage sein oder ist es nicht vielmehr so, dass die Gläubigen auch Beiträge leisten können zu Frieden, zur Toleranz in der Gesellschaft. Aber nicht im pauschalen „Wir haben uns alle lieb“-Gefühl, sondern in einer kritischen Diskussion, was die Entwicklung von fundamentalen Positionen in der Religion angeht.

Auffällig ist, dass einige IS-Terroristen früher Rapper waren: Welche Rolle spielt die Musik bei der Radikalisierung? 

Eissler: Rapper spielen keine besonders große Rolle, es gibt auch Feuerwehrleute und andere, die als Konvertiten eingetaucht sind. Wichtiger ist die Jugendkultur, ein Rapper spricht die Leute besonders an. Aber auch andere Salafisten wie Pierre Vogel holen sie da ab, wo sie sind, sie sprechen ihre Sprache. Es gibt allerdings auch die religiösen Gesänge namens Naschid, die praktisch missbraucht werden. So wird plötzlich mit Naschids zum Dschihad aufgerufen und Gewaltbereitschaft gepredigt.

Zur Person

Dr. Friedmann Eißler (49) ist wissenschaftlicher Referent für Islam und andere nichtchristliche Religionen und interreligiösen Dialog der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Er ist verheiratet, Vater dreier Kinder und lebt in Berlin.

Von Nina Nickoll

Rubriklistenbild: © dpa

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