Interview mit USA-Experte

Proteste in Ferguson als nationales Problem: „Ein tief verwurzelter Rassismus“

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Martialisches Auftreten: Polizisten gingen mit Tränengas gegen Demonstranten in Ferguson vor.

Ferguson. Die US-Kleinstadt Ferguson im Bundesstaat Missouri kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Tod eines schwarzen Teenagers, der von Polizisten erschossen worden war, kam es zu tagelangen Protesten und Ausschreitungen. Die tieferliegenden Ursachen der Proteste von Ferguson erläutert der Politologe Prof. Dr. Christian Lammert.

Warum kommt Ferguson nicht zur Ruhe? 

Prof. Dr. Christian Lammert: Das muss man auf mehreren Ebenen betrachten. Ein generelles Problem ist nach wie vor Rassismus und die sozioökonomische Situation von Schwarzen in den USA, die noch immer strukturell benachteiligt sind. Ein Indikator dafür ist die Armutsrate. Die liegt für Weiße um die zehn Prozent, für Schwarze bei fast 30 Prozent. Es gibt große Probleme bei der Integration der Schwarzen in die Wirtschaft, in die Gesellschaft und auch in die Institutionen der amerikanischen Gesellschaft.

Haben die Unruhen keine Wurzeln in Ferguson? 

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Lammert: Zum Teil. Ein Grund ist das miserable Konfliktmanagement. Diese Eskalation seitens der Polizei, mit diesem martialischen Auftreten in voller Montur und dem Einsatz von Tränengas. Das ganze Zusammenspiel der Behörden funktioniert nicht.

Wo sehen Sie die nationale Dimension? 

Lammert: Die Unruhen in Ferguson werden genutzt, um gezielt zu mobilisieren, über die Stadt hinaus. Es kommen jetzt viele Leute nach St. Louis, um an den Protesten teilzunehmen. Es entwickelt sich ein breiter Protest der schwarzen Bevölkerung gegen ihre wirtschaftliche Benachteiligung. Das ist längst ein nationales Thema, das ist eingebettet in eine Diskussion über die Benachteiligung der Schwarzen im Rechtssystem der USA allgemein. Es gibt überproportional viele Polizeikontrollen bei Schwarzen, es gibt überproportional viele schwarze Gefängnisinsassen.

Dass es an Integration fehlen soll, ist aber auf den ersten Blick schon erstaunlich. Immerhin ist in diesem Land ein Schwarzer Präsident. 

Lammert: Als Obama 2008 Präsident wurde, haben die Amerikaner gedacht, jetzt kämen sie endlich dazu, dass Schwarze komplett integriert werden. Dann lief die Diskussion aber darauf hinaus: Man sieht doch, die amerikanische Gesellschaft ist offen, und wer schwarz ist, kann es sogar ins Weiße Haus schaffen.

Was ist daran verkehrt? 

Lammert: Es wurde wieder auf die Eigenverantwortung geschoben - wer sich nicht genügend anstrengt hat eben Probleme. Genau das ist der Fehler in der Gesamtargumentation. Wir sehen eindeutig, dass die schwarze Bevölkerung historisch und aktuell benachteiligt ist.

Und das 50 Jahre nach Martin Luther King. Haben die Amerikaner nichts gelernt? 

Lammert: Doch, die Situation hat sich verbessert. In den 1960er-Jahren, das war eine komplett andere Situation. Es gibt heute keine offene Diskriminierung mehr. Auf der formellen Ebene ist die Integration mit der Bürgerrechtsbewegung der 60er- und 70-er Jahre gelungen, aber auf der informellen Ebene, im alltäglichen Zusammenleben, ist der Rassismus noch stark ausgeprägt.

Wie muss man sich das vorstellen? 

Hände hoch: Demonstranten halten in Ferguson Schilder mit dem Symbol ihres Protests hoch. Der getötete Teenager soll laut Zeugen die Hände erhoben gehabt haben, als die Polizei auf ihn schoss.

Lammert: Wenn man sich Stadtgebiete anschaut, sind manche Regionen ausschließlich von Weißen bewohnt und andere nur von Schwarzen. Das hat Auswirkungen auf die Infrastruktur. Die Schulen sind in den Gebieten der Schwarzen schlechter ausgestattet, die Leute kriegen eine schlechtere Ausbildung, haben später schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Man muss nicht bis zur Sklaverei zurückgehen, aber das hat sich in den USA sehr verfestigt, und es wird noch eine Zeit brauchen, bis sich in den Köpfen etwas ändert. Viele haben gedacht, dass mit Obama die Gesellschaft schon weiter wäre. Jetzt zeigt sich, dass es noch einen tief verwurzelten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft gibt.

Wie könnte die Integration vorangebracht werden? 

Lammert: Nehmen wir Ferguson: Bevölkerung hauptsächlich schwarz, Polizei hauptsächlich weiß. Man muss versuchen, gezielt die Repräsentation der Schwarzen in der Stadtverwaltung, im Stadtrat, in der Polizei zu erhöhen, damit sie besser integriert werden. Es braucht außerdem eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die stärker fördernd eingreift und die Bildungschancen der Schwarzen verbessert. Das gab es in den 90er-Jahren schon, aber das war nicht ausreichend.

Dr. Christian Lammert (45) ist seit 2005 Professor für die Innenpolitik Nordamerikas an der FU Berlin. Der Frankfurter studierte Politik, Philosophie und Geschichte in seiner Heimatstadt, wo der Pendler auch heute mit seiner Familie lebt.

Von Tatjana Coerschulte

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