Menschenrechtlerin Waris Dirie über die Untat

Interview zu Genitalverstümmelung: „Verbrechen im Geheimen“

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Instrumente des Verbrechens: Missio-Mitarbeiterin Elisabeth aus Kenia zeigt die Werkzeuge, mit denen Mädchen beschnitten werden. Laut UN sind täglich 8000 Frauen davon betroffen, zunehmend auch in Deutschland.

Das ehemalige somalische Top-Model Waris Dirie kämpft seit Jahren gegen weibliche Genitalverstümmelung. Im Interview schildert sie das Ausmaß des Verbrechens.

In der Neuauflage ihres Buches „Schmerzenskinder“, die am heutigen Donnerstag erscheint, berichtet Waris Dirie, dass das grausame Ritual nun auch in Deutschland praktiziert wird.

Frau Dirie, wie ist das Ritual der weiblichen Genitalverstümmelung nach Deutschland gelangt? 

Waris Dirie: Migranten bringen ihre Traditionen, Sitten und Bräuche aus ihren Heimatländern mit und halten daran fest. Leider gehört dazu auch weibliche Genitalverstümmelung, Viele Einwanderer befürchten, dass ihre Töchter, falls sie nicht beschnitten werden, zu europäisch werden.

Was genau heißt die Formulierung „zu europäisch“? 

Dirie: Das heißt, dass die Töchter dann zu emanzipiert und damit für ihre Familien und ihre zukünftigen Ehemänner nicht mehr kontrollierbar sind. Sie lassen sich dann nur schwer verheiraten. Für solche Mädchen zahlt niemand einen Brautpreis. Das gilt als Schande für die Familie. Viele zugewanderte Großeltern, Eltern und Brüder der Mädchen kommen mit dem europäischen Wertesystem und Frauenrechten überhaupt nicht klar.

In der Neuauflage von „Schmerzenskinder“ erzählen Sie von einem muslimischen Mädchen aus Deutschland, das Hilfe bei Ihnen sucht. Erreichen Sie viele solcher Hilferufe? 

Dirie: Unser Büro in Berlin beantwortet pro Jahr über 10 000 Email-Anfragen aus der ganzen Welt - von Mädchen, die meist sehr verzweifelt sind und nicht weiterwissen.

Wie können Sie und Ihre Organisation „Desert Flower Foundation“ helfen? 

Dirie: Wir kontaktieren sofort in der Stadt, in der das Mädchen lebt, die Jugendämter und Fürsorge, damit sie sich mit ihm in Verbindung setzen. Außerdem versuchen wir, psychologische Hilfe zu leisten.

Wie ist es mit dem muslimischem Mädchen aus Deutschland weitergegangen? 

Dirie: Als Mitarbeiter des Jugendamts die Familie aufsuchten, beschimpfte sie die Mutter als Rassisten. Ihrer Meinung nach hätte sie das Recht, ihre Töchter zu beschneiden. Das hilfesuchende Mädchen war schon beschnitten. Sie hatte jedoch Angst um ihre jüngeren Schwestern. Selbst die Tatsache, dass Genitalverstümmelung in Deutschland unter Strafe steht, konnte die Mutter nicht umstimmen. Darum wurden die Mädchen zu ihrem eigenen Schutz in eine betreute Wohngemeinschaft gebracht.

Wie kann es sein, dass es trotz Verbots Beschneidungen in Deutschland gibt? 

Dirie: Das Verbrechen an den Mädchen wird im Geheimen praktiziert und, wenn überhaupt, von Ärztinnen bei Untersuchungen entdeckt. Es gibt keine Meldepflicht und daher auch keine Anzeigen. Außerdem gibt es in Deutschland skrupellose Ärzte, die es trotz Verbots und drohender Strafe für einige tausend Euro dennoch tun.

Die Opfer haben meist Todesangst, darüber zu sprechen. Warum? 

Dirie: Die Familien kommen oft aus Ländern, in denen Frauen keine Rechte haben. Gewalt gegen Frauen ist gesellschaftlich und manchmal auch durch Religion legitimiert. Als Mitglied einer Gemeinschaft hast du keine Chance, dem zu entkommen. Brichst du dein Schweigen, riskierst du deine Gesundheit. Die Beschneiderinnen werden auch nicht angezeigt, da es den Ausstoß aus der Gemeinschaft für denjenigen bedeutet, der diese Frauen anzeigt.

Meist sind die Opfer muslimische Frauen. Wird das im Koran gefordert?

Dirie: Nein. Weibliche Beschneidung ist laut Koran sogar verboten. Es gibt aber viel zu wenige Imame, die dagegen predigen. Genitalverstümmelung ist wie Sex ein Tabuthema. Darüber wollen Muslime nicht reden. Würden die Imame sich gegen die menschenverachtende Praxis stärker einsetzen, wären Beschneidungen bald Geschichte.

Derzeit kommen viele Flüchtlinge in Deutschland an. Was tun Sie, um die Frauen aufzuklären? 

Dirie: Weibliche Genitalverstümmelung ist auch in Syrien und Irak weitverbreitet. Daher versuchen wir, alle Volksgruppen anzusprechen. Wir legen großen Wert auf Aufklärung in den Asylheimen und bei der Antragstellung auf Asyl. Außerdem gehen wir in Schulen und Krankenhäuser. Seit Jahren fordere ich, dass alle Mädchen bei Schuluntersuchungen auf ihre Unversehrtheit kontrolliert werden.

Haben Sie es jemals bereut, Ihre Geschichte öffentlich gemacht zu haben? 

Dirie: Nein. Schon als kleines Mädchen habe ich mir nach meiner grausamen Verstümmelung vorgenommen, eines Tages dagegen zu kämpfen. Ich wusste nicht wie, wo und wann ich damit beginnen würde. Als ich als Supermodel bekannt wurde, ergriff ich die Chance, denn die Beschneidung ist ein Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen und die Täterinnen gehören bestraft.

Hintergrund: Genitivalverstümmelung ist eine Straftat

Als das Buch „Schmerzenskinder“ von Waris Dirie 2005 erstmals in Deutschland erschien, galt weibliche Genitalverstümmelung europaweit nur in Frankreich als Straftat. Diries Bericht über die Zunahme von Beschneidungen in Europa brachte das Thema in die Medien und rief auch deutsche Behörden auf den Plan. So gilt seit 2013 Genitalbeschneidung von Mädchen in Deutschland als schwere Körperverletzung und wird mit sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Im selben Jahr eröffnete Diries mit ihrer Organisation „Desert Flower Foundation“ mit dem Krankenhaus Waldfriede ein Zentrum in Berlin, in dem Frauen nach einer Genitalverstümmelung eine chirurgische und psychologische Behandlung erhalten können. 

Kontakt: „Desert Flower Center“ Waldfriede, Berlin, 030/818 10 85 82, desertflower@waldfriede.de

www.waldfriede.de

Zur Person

Waris Dirie

Waris Dirie (50) ist Model , Autorin und Menschenrechtlerin somalischer Herkunft. Mit 14 floh sie nach Europa, um nicht zwangsverheiratet zu werden. Als Dirie vier Jahre alt war, wurde ihr die Klitoris abgeschnitten. Bis heute hat sie mit den Erinnerungen zukämpfen. 1998 veröffentlichte sie im Buch „Wüstenblume“ ihre Erlebnisse. Das Buch wurde zum Bestseller. 2009 wurde Diries Geschichte unter dem gleichnamigen Titel verfilmt. Die 50-Jährige lebt mit ihren vier Kindern (zwei sind adoptiert) in Polen und Somalia. Sie ist nicht verheiratet. In ihrer Freizeit geht sie laufen, schwimmen, malt und hört Musik.

„Schmerzenskinder“ von Waris Dirie, Knaur Taschenbuchverlag, Oktober 2015, 272 Seiten.

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