Jamaika bekriegt sich im TV

Böser Zoff bei „Hart aber fair“ - nur Moderator Plasberg ulkt 

Im ersten TV-Talk nach dem Jamaika-Crash zerschmeißen die Parteien vor laufenden Kameras Porzellan. Im Blickpunkt: Die FDP. Aber auch die SPD wird hart angegangen.

Berlin - Immerhin einer war am Montagabend bester Dinge: ARD-Moderator Frank Plasberg. Denn er durfte zum Wochenstart erledigen, was der Kollegin Anne Will am Sonntag vor Millionenpublikum noch verwehrt geblieben war - die unsanfte und vorzeitige Trennung der Jamaika-Parteien als Talkmaster begleiten.

Der TV-Rosenkrieg geriet durchaus turbulent. Auch, wenn bis auf Grünen-Chefin Simone Peter die Politiker aus der allerersten Reihe fernblieben. Denn alle Beteiligten gaben sich Mühe, einen Sündenbock zu finden. Und, absichtlich oder unabsichtlich, vielsagende Interna preiszugeben. Sogar die eigentlich unbeteiligte SPD fand sich mitten im Getümmel.

FDP-Abgang - schlimmer als im Krisengebiet?

Einer der sattesten Schläge gehörte dabei Plasberg höchstpersönlich. Er stützte mit einer Wahlabend-Anekdote die These, FDP-Chef Lindner habe die Regierungsverantwortung absichtlich abgeschenkt: „An dem Wahlabend war er zerknirscht, weil er merkte, es läuft auf eine Regierung zu“, scherzte Plasberg. „Ich habe die Sendung moderiert, er stand neben mir, ich dachte erst, er wäre der Wahlverlierer!“

Keile für den Rückzug gab‘s für die Liberalen auch von den enttäuschten Verhandlungspartnern Grüne und CSU. Einen „Taschenspieler-Trick“ rügte Peter. „Der Zeitpunkt war ein ganz seltsamer“, sagte CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär  - und gab sich nicht nur sauer, sondern sogar enttäuscht. „Was ich auch sehr schade finde, wenn die FDP sagt, es war zu wenig Vertrauen da - das kann ich gar nicht verstehen!“

Mit Augenrollen und ungläubigen Blicken reagierten Simone Peter, Paul Ziemiak und Dorothee Bär (v.l.n.r.) auf die Ausführungen von FDP-Vertreterin Nicola Beer

Bär machte beim FDP-Bashing sogar einen rhetorischen Ausflug ins „Krisengebiet“: „Wir erwarten weltweit in allen Krisengebieten von wirklich schwierigen, militanten Parteien, sich zusammensetzen um eine Regierung der Einheit zu bilden und wir schaffen‘s nicht, in Deutschland, uns über einen Punkt wie den Soli zu einigen!“

Jeder gegen jeden

In die Haare bekommen sich auch Grüne und FDP. „Wir haben uns in den Sondierungsgesprächen bewegt“, erklärte Peter, „aber wir werden bei Neuwahlen wieder mit unseren klaren Prinzipien antreten!“ Die Klassifizierung sicherer Herkunftsländer sei etwa kein Mittel um „Asyl zu steuern“. „So sicher war die Einigung. Das erleben wir seit vier Wochen“, amüsierte sich FDP-Frau Beer. Die Kompromissbereitschaft in den Sondierungen fällt der Grünen also umgehend auf die Füße.

Als sich die beiden Jamaika-Juniorpartnerinnen wenig später erneut heftig beharken, entwickelt Plasberg Mitgefühl mit der „Moderatorin“ der Sondierungen: "Wir bekommen gerade einen Eindruck davon, was Frau Merkel in den vergangenen Wochen durchgemacht hat“, ulkt er.

Und wer sich wunderte, dass Angela Merkel bislang unbeschädigt davongekommen war, durfte bei Junge-Union-Chef Paul Ziemiak nochmal genau hinhören. Er dachte schon an Neuwahlen - notfalls die übernächsten: „Wir stehen alle geschlossen hinter ihr, aber wir brauchen neue und junge und auch frische Gesichter in anderen Positionen. Beides gehört für uns zusammen“, sagte er mit Blick auf die Kanzlerin.

Keiner will regieren - außer der Union?

Auch die nicht-sondierende SPD bekam ihr Fett weg. Vor allem von den Unions-Vertretern in der Runde, die offensichtlich die Sozialdemokraten sehr gerne wieder in einer GroKo sehen würden. Bär und Ziemiak fordern SPD-Vize Ralf Stegner auf, die Parteipolitik zurückzustellen und über eine neue Koalition nachzudenken - aus Verantwortung für das Land.

Stegner ist nicht begeistert. "Also wenn sich vier Leute streiten, soll der Fünfte Schuld sein?", fragt er - und kündigt schon mal an, man wolle gegebenenfalls mit „mehr Unterschieden“ und „in einer anderen Formation“ zu Neuwahlen antreten. Mit der „Formation“ sei freilich nicht das SPD-Spitzenpersonal, sondern lediglich die Regierungskonstellation gemeint, rudert Stegner fast erschrocken zurück. 

Das alles, obwohl Stegner zugibt, die ebenfalls schon in Neuwahl-Stellung verharrende Angela Merkel als eine Sondierungsgewinnerin zu sehen: "Eine Regierungsbildung nicht hinkriegen und trotzdem in der Wahrnehmung der eigenen Leute gut dastehen", das müsse man erstmal schaffen.

Alle News zu den Nachwehen der Jamaika-Verhandlungen erfahren Sie in unserem News-Ticker.

fn

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