Wie schwer werden die Folgen für das kleine nordafrikanische Land sein?

Tunesien nach dem Museums-Attentat: Einig in Trotz und Hoffnung

Tunesier in Trauer und Wut vereint: Unser Bild zeigt die Mutter des von den Terroristen getöteten tunesischen Polizisten Ayman Morjane mit Angehörigen und Kameraden ihres Sohnes bei der Trauerfeier in einer Kaserne in Tunis. Foto: afp

Tunis/Tozeur. Redakteure unserer Zeitung waren kurz vor dem Attentat auf das Bardo-Museum in Tunis noch selbst dort. Sie analysieren nun die Folge der Anschläge für Tunesien.

Wie schwer werden die Folgen des Attentats im Bardo-Museum von Tunis für das kleine nordafrikanische Land sein? Das ist die Frage, die an diesem Freitag, es ist ausgerechnet der tunesische Unabhängigkeitstag, viele Tunesier bewegt. Zeitungen beschwören die nationale Einheit, Zusammenstehen, demokratische Errungenschaften.

„Tunesien wird siegen“ titelt die Tageszeitung „La Presse de Tunesie“. Sie beschwört den Geist Habib Bourguibas (1903-2000), des 1957 ersten Präsidenten der ersten tunesischen Republik. Der sagte: „Der Kampf für Unabhängigkeit und Würde ist zugleich der Kampf für wirtschaftliche Entwicklung.“ So ist die Stimmung im Land auch heute wieder, 58 Jahre danach.

Stärker als die Angst vor Anschlägen ist die Sorge um wirtschaftliche Stabilität. Das heißt vor allem: die Entwicklung des Tourismus. Tourismusministerin Selma Rekik Elloumi (56) bestätigt Stornierungen internationaler Tourismuskonzerne (siehe Hintergrund). Es gebe aber auch viel Solidarität in den sozialen Netzwerken. So etwa Bekundungen von Reiseabsichten nach Tunesien und Slogans wie „Je suis Bardo“ (Ich bin Bardo) und „Ana Tounsi“ (Arabisch: Ich bin Tunesier).

Vor allem im Süden Tunesiens sind die wirtschaftlichen Perspektiven nach dem Attentat katastrophal. In Tozeur, einer Kleinstadt mit 70 000 Einwohnern, die eine Drehscheibe des Sahara-Tourismus ist, ist noch heute der Einschnitt zu spüren, den die Revolution von 2011 mit sich brachte.

Die Getreuen des früheren Machthabers Zine el-Abidine Ben Ali (79), so etwa der Betreiber des wichtigsten Hotels am Ort, sind jetzt verschwunden. Allein das hat eine starke Lücke gerissen. Die Museumsleiterin am Ort, Souad Kchim, öffnet zwar Tag für Tag ihr kleines Museum in einem Altstadthaus mit der typischen Ziegelarchitektur der Saharastädte. Aber niemand bezahlt sie, sie ist auf Spenden der Besucher angewiesen. Souad Kchim ist ein Beispiel, wie im neuen Tunesien kleine Initiativen entstanden, um die touristischen Chancen zu nutzen.

„Am Dienstag öffnet das Bardo-Museum wieder seine großen Türen.“

Axel Schwarz (53) und Bettina Fraschke (46).

Für sie alle kommt der Anschlag zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Souad Kchim, aber auch alle anderen Menschen, denen man begegnet, freuen sich riesig, dass überhaupt Touristen im Land sind. Überall wird man mit dem typisch nordafrikanischen starken Pfefferminztee empfangen. Die Leute plaudern mit einem, ohne sofort etwas verkaufen zu wollen.

Das Vertrauen der Tunesier in ihre Polizei und Sicherheitskräfte ist groß. Es gibt keine Probleme, etwa bei Geländewagentouren zu den Starwars-Drehorten in der Wüste, wo man sich von Jugendlichen in Adidas-T-Shirts gegen ein paar Dinar als Darth Vader fotografieren lassen kann.

Niemand hier lässt sich unterkriegen. Dafür steht auch Polizeihund Akil, ein eineinhalbjähriger deutscher Schäferhund in Polizeidiensten. Der war den Attentätern beim Kampfeinsatz im Bardo-Museum als erster entgegengeprescht und später an seinen Verletzungen gestorben. Heute wird er als Held des freien Tunesiens verehrt.

Auf Twitter wird schon der Wiedereröffnungstermin des Bardo verbreitet: „Am Dienstag öffnet das Bardo-Musum wieder seine großen Türen.“ Allein das „große“ zeigt: Die Tunesier werden hinströmen.

Unsere Autoren

Unsere Autoren, Redakteure unserer Zeitung, besichtigten einen Tag vor dem Anschlag noch selbst das Bardo-Museum in Tunis: Axel Schwarz (53) und Bettina Fraschke (46). Ihren aktuellen Bericht, den sie uns gestern aus Tozeur nahe der algerischen Grenze sendeten, können Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch als Audiodatei im Internet anhören

Hintergrund: Tourismus leidet

Unter den Opfern des Terroranschlags auf das Bardo-Museum in Tunis vom Mittwoch sind viele Kreuzfahrt-Passagiere. Als Reaktion auf den Anschlag haben daher mehrere Reedereien die tunesische Hauptstadt aus ihren Fahrplänen gestrichen. Costa Crociere will Tunis bis auf weiteres durch andere Häfen im Mittelmeer ersetzen. Auch MSC Cruises wird Tunis nach Medienberichten vorerst nicht mehr anlaufen. Aida Cruises will künftig ebenfalls Ausweichhäfen ansteuern. Für Tui Cruises besteht kein aktueller Handlungsbedarf, teilte das Unternehmen mit. Ein Anlaufen in Tunesien sei ohnehin erst wieder für den Oktober geplant. Die Reederei hofft, dass sich die Situation vor Ort bis dahin wieder beruhigt hat. Der Studienreiseanbieter Studiosus ermöglicht seinen Kunden kostenloses Umbuchen und Stornieren für Reisen mit Abreise bis Ende Mai. Schauinsland Reisen bietet aus Kulanz ebenfalls Umbuchungen und Stornierungen an.

Das Auswärtige Amt hat seinen Reisehinweis für Tunis bisher nicht grundsätzlich verschärft: http://zu.hna.de/AA2103

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