Interview: Parteien werden ähnlicher, Bürger entscheiden kurzfristig, sagt Matthias Jung

Meinungsforscher über Wahlen: „Einige sind auf Protest gebürstet“

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Urnengang: Politiker, Journalisten und Bürger wollen vor einer Wahl wissen, wer gewinnen könnte. Ein Anhaltspunkt sind Umfragen von Wahlforschern.

Welche Partei liegt vorn, ist Angela Merkel beliebt, sind die Menschen zufrieden mit der Regierung? Meinungsforscher fragen regelmäßig Bürger nach ihrer Meinung.

Doch Umfrage und Wahlergebnis stimmen oft nicht überein. Woran liegt das?

Politiker wollen wissen, ob sie beliebt sind und die richtigen Themen anpacken, in Fernsehen und Zeitungen werden Stimmungen diskutiert: Meinungsumfragen gehören zum Wahlkampf. Doch Wahl- und Umfrageergebnis passen oft nicht zusammen: Aus Zustimmung wird Ablehnung, Mehrheiten schrumpfen. Woran das liegt, warum Umfragen trotzdem wichtig sind - darüber sprachen wir mit Matthias Jung, Leiter des Umfrageinstituts Forschungsgruppe Wahlen.

Herr Jung, Ihr Umfrageinstitut lag voriges Jahr weit daneben, als in Hamburg über die Olympia-Bewerbung abgestimmt wurde. Sie hatten eine Zustimmung von 56 Prozent ermittelt, am Ende waren aber 51 Prozent dagegen. Wie kommt das?

Matthias Jung: Da haben wir zum ersten Mal eine Telefonbefragung an einem Sonntag gemacht. Es war offensichtlich unmöglich, an diesem Tag einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu erreichen. Wir befragen die Bürger bei Wahlen sonst am Ausgang des Wahllokals. Das war in Hamburg nicht möglich, da viele bereits per Briefwahl abgestimmt hatten. Hamburg war ein Experiment. Das machen wir so nicht wieder.

Ihre Umfragen im ZDF-Politbarometer basieren aber auch auf Telefonumfragen.

Jung: Die werden über drei Werktage tagsüber und in den Abendstunden durchgeführt. Man hat also viel mehr Zeit, die Menschen zu erreichen. Andere seriöse Institute arbeiten da ähnlich.

Allgemein liegen Wahlumfragen immer mal wieder weit entfernt vom Wahlergebnis. Warum?

Jung: Das hängt damit zusammen, für wie wichtig die Wahl gehalten wird. Bei niedriger Wahlbeteiligung und einer als unwichtig empfundenen Wahl sind die Differenzen zwischen Umfrage und Wahlergebnis höher. Das trifft zum Beispiel auf Kommunalwahlen in Hessen am 6. März zu, da sind die Schwankungen oft hoch. Bei Bundestagswahlen sind die Differenzen geringer.

Warum sind die Umfragen dann ungenauer?

Jung: Bei einer Wahl, die die Menschen nicht für so wichtig erachten, wird kurzfristig und oft experimenteller abgestimmt. Einige Wähler sind auf Protest gebürstet. Bei einer Bundestagswahl, wo es gefühlt um Wichtigeres geht, gibt es stabilere Präferenzen und Bindungen an Parteien. Generell gilt aber: Umfragen können immer nur die Stimmung zum Zeitpunkt der Umfrage wiedergeben. Das sind keine Prognosen. Umfragen können nur Veränderungen von politischen Stimmungen zeigen. Eine Prognose machen wir nur am Wahlabend um 18 Uhr, und die ist in den letzten Jahrzehnten besser geworden.

Für Umfragen werden Menschen auf dem Festnetz angerufen. Einige besitzen aber nur noch ein Handy. Verfälscht das nicht das Ergebnis?

Jung: Das haben wir umfangreich untersucht. Wir haben parallel zur Festnetz-Umfrage auch Mobilfunk-Umfragen durchgeführt, also nur Handynummern angerufen. Dabei gab es keine systematischen Unterschiede. Der Vorteil ist, dass wir Festnetz-Nummern regional eingrenzen können. Das geht bei einer Handy-Umfrage nicht, was eine Umfrage zu einer Landtagswahl unmöglich macht. Wir wissen nicht, ob die Person am Handy überhaupt in dem Bundesland wählen darf.

Wann ist eine Umfrage repräsentativ, lässt also Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu?

Jung: Wenn jeder der Wahlberechtigten eine gleiche Chance hat, bei der Umfrage berücksichtigt zu werden. Das garantieren wir mit zufällig generierten Telefonnummern. Bei bundesweiten Umfragen befragen wir rund 1700 Personen.

Es wird oft kritisiert, dass Umfragen den Wähler beeinflussen.

Jung: Grundsätzlich beeinflusst jede Meldung und jede Nachricht das Wahlverhalten. Wir sind der Meinung, dass es in unserer Gesellschaft den Anspruch gibt, verfügbare Informationen schnell und zeitnah zu veröffentlichen. Dazu gehören auch Umfragen.

Trotzdem: Müssen drei Tage vor einer Wahl noch Umfragen veröffentlicht werden - wie bei der Bundestagswahl 2013?

Jung: Ja, weil sich ein Großteil der Wähler heute erst drei oder vier Tage vor der Wahl tatsächlich entscheidet. Vor 40 Jahren haben sich die Wähler früher und stabiler festgelegt. Die Parteien werden inhaltlich auch ähnlicher, sodass dem Wähler ein Wechsel leichter fällt. Und wenn dann Medien Umfragen veröffentlichen, sollten diese wenigstens aktuell sein.

Matthias Jung

Matthias Jung (59), ist seit 1991 Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen, die für die Wahlumfragen des ZDF verantwortlich ist. An der Universität Mannheim studierte der Wahlforscher und Diplom-Volkswirt zwischen 1976 und 1983 Ökonomie, Politikwissenschaft und Mathematik. Der gebürtige Pfälzer lebt und arbeitet in Mannheim. Zu seinem Privatleben machte er keine Angaben.

Hintergrund: Die großen Institute für Wahlforschung in Deutschland

Forschungsgruppe Wahlen: Die Forschungsgruppe Wahlen befragt im Auftrag des ZDF die Bevölkerung - für die Sendung Politbarometer und Wahlsendungen. Das Institut setzt sich zusammen aus dem Verein Forschungsgruppe Wahlen und der FGW Telefonfeld GmbH, die für die Umfragen verantwortlich ist.

Gründung: 1974

Sitz des Instituts: Mannheim

Geschäftsführer: Matthias Jung, Dr. Yvonne Schroth, Andrea Wolf

Mitarbeiter: 300 Telefoninterviewer

Schwerpunkte: Umfragen zum Wählerverhalten, Prognosen und Hochrechnungen zu Wahlen.

Infratest Dimap: Die Wahlumfragen der ARD gehen auf Ergebnisse von Infratest Dimap zurück. Das Meinungsforschungsinstitut gehört zu den jüngsten in Deutschland und wurde 1996 in Berlin gegründet. Das Institut gehört inzwischen zur TNS Gruppe, die zu den weltweit größten Beratungs- und Marktforschungsgruppen gehört.

Gründung: 1996

Sitz des Instituts: Berlin

Geschäftsführer: Michael Kunert, Dr. Nico Siegel

Mitarbeiter: 1200 für Telefon- und persönliche Interviews

Schwerpunkte: Wahl- und Politikforschung, vor allem für die Wahlsendungen der ARD sowie Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland.

TNS Emnid: Emnid steht für Erforschung der öffentlichen Meinung, Marktforschung, Nachrichten, Informationen, Dienstleistungen. Genau wie Infratest gehört auch Emnid zur global aktiven Forschungsgruppe TNS.

Gründung: 1945

Sitz des Instituts: Bielefeld

Geschäftsführer:: Dr. Stefan Stumpp, Harald Bielenski

Mitarbeiter: 1700 für Telefon-, 1500 für persönliche Interviews

Schwerpunkte: Politik-, Sozial-, Meinungs- und Marktforschung. TNS Emnid gibt keinen Schwerpunkt bei der Meinungsforschung an.

Institut Allensbach: Das Institut für Demoskopie Allensbach gehört zu den ältesten Meinungsforschungsinstituten in Deutschland und wurde von Dr. Elisabeth Noelle-Neumann gegründet. Die Personen werden hauptsächlich persönlich befragt, schriftliche sowie Online- und Telefonbefragungen werden ebenfalls gemacht.

Gründung: 1947

Sitz des Instituts: Allensbach

Geschäftsführerin: Dr. Renate Köcher

Mitarbeiter: 100 Mitarbeiter, 1600 Interviewer

Schwerpunkte: Marktforschung, Medienanalyse sowie politische Meinungsforschung, bezogen auf die Gesamtbevölkerung oder spezielle Zielgruppen.

Institut Forsa:Das Meinungsforschungsinstitut Forsa zählt sich selbst zu den Pionieren der computergestützten Umfragen. Dabei betont das Institut vor allem seine Unabhängigkeit von Konzernen. Forsa ist in den Bereichen Meinungs-, Markt- und Medienforschung aktiv und veröffentlicht auch Prognosen an Wahlabenden.

Gründung: 1984

Sitz des Instituts: Berlin

Geschäftsführer: Prof. Manfred Güllner

Mitarbeiter: 1200 für Telefon-, 600 für persönliche Interviews

Schwerpunkte: Politik-, Meinungs- und Wahlforschung sowie Marktanalysen und Studien zum Verhalten von Konsumenten.

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