Interview: „Elternwunsch nicht aufheben“ - Spannungsfeld Abitur

Hessens Kultusminister Lorz wertet Bildungsgipfel als Erfolg

Seit neun Monaten tagen die Vertreter des Bildungsgipfels. Das Ziel: Für die kommenden zehn Jahre eine Richtung für die Schulpolitik festzulegen - wirklich konkret sind die Ideen bisher nicht. In drei Wochen soll das Papier stehen. Wir sprachen mit Kultusminister Alexander Lorz.

Herr Minister Lorz, wandern Sie gerne? 

Prof. Alexander Lorz: Diese Frage hat mir noch niemand gestellt. Ehrlicherweise gehört das nicht zu meinen bevorzugten Sportarten.

Das sind schlechte Voraussetzungen: Denn der Weg zu einer Einigung beim Bildungsgipfel ist weit. Ist der schon gescheitert? 

Lorz: (lacht). Nein, das ist er nicht. Für mich sind die Inhalte entscheidend und das, was dabei herauskommt. Insgesamt haben rund 200 Personen von Verbänden und Parteien neun Monate daran gearbeitet. Die Hinweise, die wir bekommen haben, sind sehr wertvoll. Für mich ist der Gipfel deshalb schon jetzt ein Erfolg.

Sie wollten einen Konsens mit allen Parteien erreichen. War die Idee nicht illusorisch? 

Lorz: Es war ein Unterfangen, dem man nicht von Anfang an den Erfolg zuschreiben würde - gerade weil es in der Geschichte der Schulpolitik immer wieder Auseinandersetzungen gab. Ich kann den Konsens nicht erzwingen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Was könnte sich denn konkret für die Schulen demnächst ändern? 

Alexander Lorz

Lorz: Ich greife mir mal die Gestaltung von Schule heraus: Hier geht es zum Beispiel darum, heutige Haupt- und Realschulen zu einer Schule zusammenzuführen. Da gibt es verschiedene Modelle, wie man das im Detail machen kann. Das wäre schon ein größerer Umbau. Oder die Öffnung des Pakts für den Nachmittag für gebundene Ganztagsschulen. Sie merken schon, wenn ich die Themen durchgehe, sind überall konkrete Vorschläge erarbeitet worden.

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) setzt sich für ein längeres gemeinsames Lernen ein. Ist die Abschaffung der Hauptschule ein Schritt auf diesem Weg? 

Lorz: Der vorliegende Vorschlag war ein erheblicher Schritt in Richtung der Anhänger des längeren gemeinsamen Lernens. Dies würde in den Klassen 5. und 6. einen gemeinsamen Unterricht bedeuten, in dem nach dem Leistungsniveau der Schüler differenziert wird.

Die GEW bemängelt auch, dass mehr Schüler das Gymnasium verlassen, also auf die Realschule wechseln, als in die umgekehrte Richtung. Wo setzen Sie dort an? 

Lorz: In diesem Punkt haben wir auf dem Bildungsgipfel immer auf einen Vorschlag gewartet, auch von Seiten der GEW. Von denen, die jetzt Kritik üben, ist dazu aber nichts Konkretes eingebracht worden. Der Gipfel war nicht so gedacht, dass nur die Landesregierung Vorschläge macht und die anderen den Daumen heben oder senken.

Könnte diese Entwicklung daran liegen, dass viele Eltern die Leistungen ihrer Kinder nicht richtig einschätzen können. Gehen Sie das Thema Elternwunsch an? 

Lorz: Den Elternwunsch aufzuheben, steht nicht zur Debatte. Es gibt nicht nur das Abitur. Es gibt verschiedene Schulabschlüsse, mit denen man den Fähigkeiten der Schüler gerecht werden kann. Und berufliche und akademische Bildung sind gleichwertig. Es gibt also immer einen Weg, der weiter führt. Eine Botschaft ist mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig: Die Kinder haben alle Chancen, auch wenn sie nicht auf das Gymnasium gehen.

Anderes Thema: Von 340 Stellen sind 23 in Nordhessen nicht besetzt. In ganz Hessen sind es 99 - teilweise sind die Stellen bis zu fünf Jahre vakant. Woran liegt das? 

Lorz: Die Gründe sind unterschiedlich. Man muss aber sagen: Das ist im Verhältnis zur Gesamtzahl der Stellen keine ungewöhnliche Fluktuation. Bei den Verfahren, die schon länger als ein Jahr laufen, handelt es sich meistens um Konkurrentenverfahren, wenn ein Bewerber sich benachteiligt fühlt und deshalb klagt. Die Gesamtsituation ist nicht alarmierend.

Zur Person

Der gebürtige Nürnberger Alexander Lorz (49) ist seit 1984 CDU-Mitglied. Er studierte Jura und VWL. Nach der Promotion zum Dr. jur. (Kant und die Menschenrechte) habilitierte er an der Uni Mannheim. Lorz, ein Kind und in zweiter Ehe verheiratet, war Staatssekretär, bevor er am 18. Januar 2014 Kultusminister von Hessen wurde.

Hintergrund: Bildungsgipfel in Hessen

Der Bildungsgipfel soll Ziele und Richtlinien für die Schulpolitik in Hessen für die nächsten zehn Jahre vorgeben. Seit September 2014 suchen Experten von Regierung, Parteien, Wirtschaft, Gewerkschaften, Kommunen und Kirchen Antworten auf die Herausforderungen im Problemfeld Schule. Mit am Tisch sitzen auch Vetreter von Schülern, Eltern und Lehrern. Geplant ist, noch vor den Sommerferien erste konkrete Ergebnisse zu folgenden Themenbereichen vorzulegen:

Wie kann Schule bessere Chancengerechtigkeit bieten? Gibt es endlich mehr schulische Ganztagsangebote? Wie kann individuelle Förderung verbessert werden? Wo muss Schule besser auf Studium und Beruf vorbereiten? Wird die jetzige Lehrerbildung den Anforderungen gerecht?

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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